In manchen Bankenzentren – hier im Bild Frankfurt – könnte die Corona-Krise noch zu gröberen Verwerfungen führen.

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Zweite Corona-Welle, Pleitewelle, Kündigungswelle, manche sprechen sogar von einem drohenden Tsunami. Wellen haben derzeit Hochkonjunktur. Mitten in der heiklen Phase, in der die wirtschaftliche Erholung von steigenden Infektionszahlen bedroht wird, setzt sich der Internationale Währungsfonds (IWF) mit der konjunkturellen Lage auseinander.

Seine Prognose unterscheidet sich nicht allzu stark von jener aus dem Sommer, geht aber von zeitlichen Verschiebungen aus. Weil die Weltwirtschaft im zweiten Quartal weniger eingebrochen ist als ursprünglich befürchtet, wird sie 2020 insgesamt um 4,4 Prozent und damit weniger stark als ursprünglich befürchtet schrumpfen. Dafür revidiert der IWF den Aufschwung im kommenden Jahr mit 5,2 Prozent etwas nach unten. Die Österreich-Prognose ist ähnlich jener heimischer Wirtschaftsforscher von vergangener Woche: heuer ein Einbruch um 6,7 Prozent, 2021 ein Plus von 4,6 Prozent.

Viele Risiken

Doch vieles hängt davon ab, ob es nicht zu gravierenderen Störungen im ökonomischen Getriebe kommt. Es gibt viele Risiken nach unten, wie der Fonds am Dienstag bekanntgab. Auf eine Bedrohung geht er dann gleich in einem eigenen Bericht ein. Es geht um die Gefahr, dass es an den Finanzmärkten nicht mehr so rosig aussehen könnte wie bisher.

Erstaunlicherweise gingen die Aktienmärkte ja seit dem Corona-Ausbruch nach oben, während die Konjunktur einknickte. Dazu kommen Erleichterungen bei der Kreditaufnahme für Betriebe und Staaten in Form niedriger Zinsen – salopp als easy money bezeichnet. Firmen konnten ohne allzu große Schwierigkeiten Anleihen ausgeben oder Kredite aufnehmen und sich so ausreichend Liquidität zur Überbrückung der Krise beschaffen. Verantwortlich für diese Entwicklung zeichnen Staaten und Notenbanken, die mir ihren Maßnahmen günstige Finanzbedingungen geschaffen haben und die Investoren in Sicherheit wiegen.

Gegenbewegung droht

Doch diese günstige Lage birgt auch die Gefahr eine Gegenbewegung. Dann nämlich, wenn die wirtschaftliche Erholung an Tritt verlieren sollte oder sich deshalb Unsicherheit an den Finanzmärkten breitmachen sollte. Als einen Risikoherd sieht der IWF die steigende Verschuldung von Unternehmen, die von der Pandemie besonders stark betroffen sind.

Gita Gopinath, Chefökonomin des IWF, macht auf die globalen Risiken aufmerksam.
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Das gilt besonders für Klein- und Mittelunternehmen, die in den von Corona besonders stark betroffenen Branchen wie Gastronomie, Hotellerie oder Unterhaltung überrepräsentiert sind. Sollte hier tatsächlich eine Pleitewelle im Anrollen sein, würde sich die Situation wohl auch auf die Banken auswirken, schreibt der Währungsfonds in seinem am Dienstag veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht.

Kreditstandards werden verschärft

Erste Folgen steigender Kreditrisiken hat der IWF schon ausgemacht: "Manche Banken verschärfen ihre Standards der Kreditvergabe bereits", schreiben die Autoren des Berichts. Das könnte die wirtschaftliche Erholung belasten, heißt es dort weiter. Und wie sieht es mit der Stabilität der Banken selbst aus? Können sie eine Pleitewelle verkraften?

Nun, erst einmal zahlt es sich aus, dass die Banken nach der Finanzkrise gezwungen wurden, Vorsorge zu treffen. Sie verfügen heute über viel größere Kapitalpuffer, um Ausfälle aus eigener Kraft auffangen zu können. Allerdings würde eine schleppende Erholung diese Reserven doch heftig anknabbern. Laut Währungsfonds würden schwächere Banken in einem Negativszenario auf eine Unterdeckung beim Kernkapital von 220 Milliarden Dollar kommen.

Die heurige IWF-Weltbank-Tagung findet virtuell statt.
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Schattenbanken im Fokus

Außerdem droht bei einer schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung ein anderes Problem virulent zu werden. Riesige Finanzkonglomerate ohne Banklizenz, beispielsweise Fonds, könnten bei Finanzmarktstress Aktien, Anleihen und andere Vermögenswerte auf den Markt werfen. Wegen der Verstrickungen dieser Schattenbanken mit dem Banksektor könnte ein derartiger "Fire Sale" zusätzliche negative Rückkoppelungen auf das Geldsystem haben.

Derartige Turbulenzen würden an vielen Staaten nicht spurlos vorübergehen, die sich durch das Schnüren von Hilfs- und Konjunkturpaketen zusätzlich verschuldet haben. Erhöhte Verwundbarkeit ortet der IWF in sechs von 29 Ländern mit systemisch wichtigen Finanzsektoren. (Andreas Schnauder, 13.10.2020)