Mit seinem Explorationsschiff Oruc Reis – mit Blick auf Istanbul – sorgt die Türkei erneut für diplomatische Unruhe.

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Washington/Ankara/Athen – Nach Wochen des Schweigens haben sich am Dienstag die USA in den Gasstreit vor Zypern eingeschaltet. Die US-Regierung forderte die Türkei im Streit um Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer zu einem Rückzug des Forschungsschiffs Oruc Reis auf. "Wir fordern die Türkei dringend auf, diese kalkulierte Provokation zu beenden und unverzüglich Sondierungsgespräche mit Griechenland aufzunehmen", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums am Dienstag in Washington.

Spannungen in der Region

Das Vorgehen der Türkei erhöhe die Spannungen in der Region, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums weiter. Ankara erschwere absichtlich die Wiederaufnahme der Sondierungsgespräche zwischen den Nato-Partnern Griechenland und der Türkei. "Nötigung, Drohungen, Einschüchterung und militärische Aktivitäten werden die Spannungen im östlichen Mittelmeerraum nicht lösen."

Ankara entsandte am Montag erneut sein Forschungsschiff Oruc Reis in das umstrittene Gebiet südlich der griechischen Insel Kastelorizo, nachdem es in den vergangenen Wochen Signale der Entspannung gegeben hatte. Seit der Entdeckung reicher Gasvorkommen in der Region gibt es heftigen Streit um deren Ausbeutung. Sowohl die EU-Mitglieder Griechenland und Zypern als auch die Türkei erheben Anspruch auf die betreffenden Seegebiete.

Griechenland fordert Sanktionen

Griechenland fordert indes die EU auf, Sanktionen gegen die Türkei zu verhängen. Die Türkei zeige mit ihrem Verhalten, dass sie den Dialog zur Überwindung der Streitigkeiten nicht wirklich wolle, sondern vielmehr torpediere, sagte der griechische Außenminister Nikos Dendias.

Berlin fordert Deeskalation

Der deutsche Außenminister Heiko Maas warnte die Türkei eindringlich vor weiteren Provokationen gegenüber Griechenland und Zypern. "Falls es tatsächlich zu neuerlichen türkischen Gasexplorationen in den umstritteneren Seegebieten im östlichen Mittelmeer kommen sollte, wäre das ein herber Rückschlag für die Bemühungen um Deeskalation – und damit auch für die Fortentwicklung der EU-Türkei-Beziehungen", sagte Maas am Dienstag zum Auftakt einer Reise nach Zypern und Griechenland. Er besuche die beiden EU-Länder, um ihnen die "volle Solidarität" Deutschlands zu versichern – auch in der Rolle als EU-Ratspräsidentschaft.

"In aller Deutlichkeit" verurteilte auch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) die türkische Aktion. "Bei fortgesetzten Verletzungen des Völkerrechts drohen EU-Sanktionen", drohte Kurz unter Verweis auf die jüngsten EU-Gipfelbeschlüsse. Die Entsendung des Schiffes zeige "einmal mehr, dass die Türkei unter Präsident Erdogan nur auf Druck seitens der EU reagiert und jegliches andere Verhalten als Zeichen der Schwäche wertet." Auch die Öffnung des Strandes von Varosha in Nordzypern sei ein klarer Verstoß gegen das seitens der UNO vermittelte Waffenstillstandsabkommen. Damit schüre Ankara weiteres Misstrauen und untergrabe die Bemühungen für eine Friedenslösung für Zypern. (AFP, dpa, red, 13.10.2020)