Sars-Cov-2-Viren (hier noch in der D614-Variante). Die bisherigen Mutationen dürften aller Wahrscheinlichkeit nach nichts an der Wirksamkeit der entwickelten Impfstoffe ändern.

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Seit seinem ersten Auftreten vor mittlerweile zehn Monaten hat sich das neue Coronavirus verändert – nicht allzu stark, aber doch. Kleine Mutationen treten im Schnitt alle zwei Wochen auf, und eine Veränderung ist besonders gut dokumentiert: Der Stamm D614 wurde zuerst in Europa und Nordamerika ab Februar bis Mai fast vollständig durch die G614-Variante abgelöst, die einen Aminosäurenwechsel im sogenannten Spike-Protein darstellt.

Das deutet darauf hin, dass diese Mutation etwas infektiöser sein könnte, was bisher aber nur eine Vermutung ist. Jedenfalls sind aktuell rund 80 Prozent aller neuen Fälle weltweit Infektionen mit der G614-Variante. Bleibt die große Frage, was diese und andere Mutationen für eine Covid-19-Immunisierung bedeuten.

Offene Forschungsfragen

Könnte es sein, dass durch solche oder andere Mutationen etwa die Impfstoffe, die auf Basis der frühesten Varianten entwickelt wurden, unwirksam werden? Und steigt dadurch das Risiko einer Neuinfektion, was alle – von der WHO zuletzt strikt verworfenen – Ideen zur Erlangung einer Herdenimmunität vollends ad absurdum führen würde?

Zwei Studien geben zumindest auf den ersten Blick unterschiedliche Evidenzen: Irritierend ist der Fall eines US-Amerikaners, der diese Woche im Fachblatt "The Lancet Infectious Diseases" geschildert wurde. Der 25-Jährige aus Washoe County im Bundesstaat Nevada wurde am 18. April und dann am 5. Juni 2020 positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Dazwischen liegen zwei negative Tests im Mai.

Eine Genomanalyse zeigte nun genetische Unterschiede zwischen den zwei Erregern. Allem Anschein nach wurde der Patient zweimal unabhängig voneinander mit Sars-CoV-2 infiziert. Waren die Symptome der ersten Infektion relativ mild (Halsschmerzen, Husten, Kopfschmerzen, Übelkeit und Durchfall) und wurden nicht behandelt, so fiel die zweite Infektion schlimmer aus: Der Patient zeigte schwerere Symptome wie Atemnot, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen. Die Immunität des Patienten wurde bisher nicht untersucht.

Fünfter dokumentierter Fall

Damit liegt nun der fünfte gut dokumentierte Fall einer erneuten Infektion mit Sars-CoV-2 vor, schreiben die Autoren um Richard Tillett (Universität Nevada in Reno). Der Fall ist als solcher besorgniserregend, kommentieren unabhängige Experten, die dazu vom Science Media Centre in London befragt wurden. Aber sie gaben auch zu bedenken, dass es eben auch nur der fünfte von rund 40 Millionen dokumentierten Fällen sei, wie etwa Brendan Wren (London School of Hygiene & Tropical Medicine) anmerkte.

Der britische Professor für Vakzinologie gestand zwar ein, dass solche Ausnahmefälle darauf hindeuten würden, dass auch Impfungen keinen vollständigen Schutz bieten könnten. Rein statistisch betrachtet sei diese Wahrscheinlichkeit aber sehr klein.

Impfstoffe bleiben wirksam

Unabhängig davon haben Forscher um Alexander McAuley (Australian Centre for Disease Preparedness) getestet, ob sich die Veränderungen des neuen Coronavirus von D614 auf G614 negativ auf die Wirksamkeit der in Testphase befindlichen Impfstoffe auswirken könnten.

Das erfreuliche Ergebnis ihrer Experimente und Modellierungen, publiziert im Fachjournal "npj Vaccines": Zumindest wegen dieser Mutation bestehe kein Grund zur Sorge, dass die Impfstoffe, die mehrheitlich auf das Spike-Protein abzielen, an Wirkung verlieren würden. (Klaus Taschwer, 15.10.2020)