Einmal mehr zeigen sich bei einem Überfliegen des Riffs ausgedehnte Zonen der Bleiche.
Foto: Reuters/ARC Centre of Excellence for Coral Reef Studies

Nur ein Vierteljahrhundert – nach geologischen Maßstäben ein Nichts – hat es gebraucht, um eines der großen Naturwunder der Welt, das Great Barrier Reef Australiens, auf die Hälfte zu reduzieren. So lautet der erschreckende Befund einer Studie, die im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" erschienen ist. Die Forscher warnen davor, dass die Schäden irreparabel werden, sollte die anhaltende Klimaerwärmung und damit die Erwärmung der Ozeane nicht gestoppt werden.

Eine Bleiche nach der anderen

In seiner Studie listete das Team um Andreas Dietzel und Terry Hughes von der australischen James Cook University vier Jahre auf, in denen Riff unter massiven Korallenbleichen litt. Erstmals wurde das Phänomen 1998 festgestellt, die letzten erfassten Bleichen waren 2016 und 2017. Die folgenschwere Korallenbleiche Anfang dieses Jahres ist in der Studie noch nicht berücksichtigt.

Insgesamt hat das größte Korallenriff der Welt in den vergangenen 25 Jahren rund die Hälfte seiner Korallen verloren. Von dem Schwund seien alle Korallenarten betroffen, berichten die Autoren der Studie.

Fatale Ereigniskette

Korallen sind äußerst sensible Tiere, deren Lebensgemeinschaft nur in bestimmten Temperaturbereichen gedeihen kann. Sie gehen eine Symbiose mit Photosynthese betreibenden Einzellern ein, sogenannten Zooxanthellen. Von diesen erhalten die Korallen Nährstoffe und nicht zuletzt auch ihre Färbung.

Nimmt die Wassertemperatur zu, verlieren die Zooxanthellen aber die Photosynthesefähigkeit und wandeln sich vom Segen zum Fluch: Die sich ansammelnden Sauerstoffverbindungen wirken auf die Korallen giftig, also stoßen sie ihre Symbiosepartner ab. Ohne sie können sie aber nicht dauerhaft überleben. Erst bleichen die Korallen aus, und wenn sich die Umweltbedingungen nicht rasch genug verbessern, um die Symbiose wieder von neuem zu starten, sterben sie letztlich vollständig ab.

Am Anfang dieser fatalen Ereigniskette steht die Erwärmung des Wassers. Und deren Ursache ist nach Angaben der Forscher vor allem der Klimawandel. Zu allem Überfluss wird das Riff aber auch noch durch korallenfressende Seesterne geschädigt.

Erholung dauert zu lange

Die UNESCO hatte das 2.300 Kilometer lange Korallenriff 1981 zum Weltnaturerbe erklärt. Das aus 2.500 einzelnen Riffen bestehende Gebiet beherbergt eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Diese sei nun unwiderruflich in Gefahr, warnte die Studie. Solange die Staaten ihrer Verpflichtung aus dem Pariser Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgase nicht einhielten, müsse damit gerechnet werden, dass die Korallen weiter absterben werden, sagt Hughes.

Es dauere zehn Jahre für die am schnellsten wachsenden Korallenarten, um sich nach einer Bleiche "halbwegs" zu erholen, sagte Hughes. Doch angesichts der stetig steigenden Temperaturen sei es unwahrscheinlich, dass zwischen den nächsten Bleichen Jahrzehnte vergehen werden. (red, 16. 10. 2020)