Wie im Depot vorgefunden: Antike Büsten, römische Säulen und Navajo-Decken werden im Sinne Andy Warhols im Mumok gezeigt.
Foto: Klaus Pichler / Mumok

Regale, von Kopf bis Fuß gefüllt mit Krügen und Vasen. Wandschränke, berstend voll mit jeglicher Art von Schuhwerk: Ballettschuhe, Stiefel, High Heels, Pantoffeln. Schwere Ölgemälde in allen Formaten sind an banalen Gittern angebracht oder einfach gestapelt in die Ecke gelehnt.

An den Wänden hängen dafür Holzstühle, und von der Decke baumeln aufgespannte Regenschirme. Nein, das ist weder ein Antiquitätengeschäft noch ein Flohmarkt – willkommen in Andys Welt.

Raid The Icebox 1 with Andy Warhol gilt als eines der frühesten Beispiele für eine von einem Künstler kuratierte Sammlungsschau. 1969/70 suchte Andy Warhol unzählige Objekte aus dem Depot des Museum of Art der Rhode Island School of Design zusammen und präsentierte diese als unkonventionelle Wanderausstellung.

Bruch mit Traditionen

Dabei avancierte Warhol selbst zum Kurator: Kein einziges Werk des Künstlers oder auch befreundeter zeitgenössischer Kunstschaffender war darin zu finden. Ausnahmslos zeigte er die in der Sammlung vorgefundenen Artefakte. Neben Malerei standen angewandte Kunst sowie Alltagsgegenstände im Fokus, die sonst wenig Aufmerksamkeit als Schauobjekte bekamen und als kuratorisch "wertlos" galten.

Ungewöhnlich an der Art der Präsentation war die unhierarchische und ahistorische Anordnung, die bewusst mit Museumstraditionen brach. Warhol ignorierte jegliche Chronologie und stellte die Werke so nebeneinander, wie er sie im Depot vorgefunden hatte: Hutschachteln zu Hutschachteln, Decken zu Decken, Büsten zu Büsten. Die Reaktionen damals waren vernichtend, sogar Proteste regten sich gegen die Schau. Zu lieblos sei die Präsentation der Kunstwerke, so der Vorwurf.

Unkonventionell und radikal: Warhols "Raid the Icebox 1" 1969/70 in New Orleans.
Foto: New Orleans Museum of Art / Stuart Lynn

Für den aktuellen Andy-Warhol-Schwerpunkt ließ sich das Mumok von der in den 1970er-Jahren durch US-amerikanische Städte tourenden Wanderschau des großen Ausstellungskünstlers zu Defrosting the Icebox inspirieren. Als kleinste der insgesamt drei Warhol-Ausstellungen im Haus reflektiert sie sein Werk mit einer aktuellen Hommage und setzt sie quasi als moderne Replik neu um.

Sich Warhols kuratorischen Prinzips bedienend, können jetzt Objekte aus der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums und des Weltmuseums Wien im Museum für moderne Kunst betrachtet werden. Und zwar in ungewohnter Art und Weise.

Doppelte Hommage

Rote Samtkordeln, Glasvitrinen und gestapelte Aufbewahrungskisten stehen in Kontrast zum modernen Ausstellungsraum und werfen so ganz im Sinne Warhols kritische Fragen zur Art der Präsentation von Objekten im musealen Kontext auf. Darf neue Kunst dasselbe wie alte? Was gilt überhaupt als Kunst? Und was nicht?

Zusätzlich zu dieser formalen Referenz auf Warhols unkonventionelle Ausstellungsmodi werden mit den gezeigten Objekten auch inhaltliche Bögen zu seinem Werk geschlagen: Antike Marmorskulpturen erinnern an seine Marbled Drawings, bunte Masken aus Thailand und Melanesien an sein Spiel mit Identitäten und die Köpfe von Satyrn und Jünglingen an seine Zeichnungen junger Männer aus den 1950er-Jahren. Büsten und Plaketten von Mao Zedong sind sogar direkte Zitate auf Warhols beliebtes Bildmotiv.

Ob die länglichen Fischfallen an der Decke oder die römischen Säulen als Phallussymbole interpretiert werden können und somit subtil Bezug auf Warhols Cock Drawings nehmen, darf hingegen offenbleiben. (Katharina Rustler, 17.10.2020)