Vor allem jüngere Arbeitnehmer leiden mehr unter Stress, legt die Studie nahe. Sie nutzten digitale Medien länger und intensiver – das erhöhe den Stress.

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Das Handy läutet, auf dem Computer poppen ständig Terminerinnerungen und Push-Meldungen auf und im Postfach türmen sich ungelesene Mails. Noch bevor der Arbeitstag richtig begonnen hat, ist man schon gestresst. Zu viele Informationen in kurzer Zeit, ständige Unterbrechungen durchs Smartphone und die Angst vor einem möglichen Jobverlust durch die fortlaufende Digitalisierung sind nur einige der Auslöser von Stress, und der hat bekanntlich negative Auswirkungen auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistung. Die Angst, ihren Job an künstliche Intelligenz zu verlieren, haben Menschen im deutschen Sprachraum weniger, unter der Vermischung von Arbeit und Privatem sowie dem sozialen Kommunikationsdruck leiden dagegen viele Personen, so das Ergebnis einer Studie zum digitalen Stress.

Dafür wurden noch vor der Corona-Pandemie 3333 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz von einem Team der Fachhochschule (FH) Oberösterreich, der Uni Linz und der Universität Bonn zu den Facetten und den persönlichen Konsequenzen von digitalem Stress online befragt. Insgesamt verorteten sich die Österreicher beim Ausmaß des erlebten digitalen Stresses im Schnitt auf Stufe drei der siebenteiligen Skala. Knapp darüber lagen die Schweizer (3,21) und die Deutschen (3,11), hieß es bei der Studienpräsentation am Dienstag in Wien.

"Auf den ersten Blick scheint das Phänomen gar nicht so schlimm zu sein", sagt Studienleiter René Riedl von der FH Oberösterreich. Aber alles, was über eins liege, sei bereits Stress und sollte ernst genommen werden. Außerdem sei stark davon auszugehen, dass die Krise das erlebte Ausmaß an digitalem Stress verstärkt. So werde in der Wissenschaft etwa die zunehmende Ermüdung durch Videokonferenzen als neuer Aspekt beschrieben, so Riedl.

Ständige Erreichbarkeit

Der dominanteste Stressfaktor sei laut Umfrage die gestörte Work-Life-Balance, gefolgt vom sozialen Druck, auf sämtlichen Kommunikationskanälen sofort antworten zu müssen. Den geringsten Stress verursacht die Möglichkeit, durch Technologie ersetzt zu werden. Länderunterschiede gibt es bei den Stressfaktoren nur minimal. Die Konsequenzen daraus sind auch in allen drei Ländern ähnlich. Generelle Arbeitsunzufriedenheit war bei den Teilnehmern am stärksten ausgeprägt. Weiters habe sich gezeigt, dass digitaler Stress die Benutzerzufriedenheit reduziere.

Die Teilnehmer, die unter höherem digitalen Stress leiden, gaben häufig auch an, aufgrund von Sorgen weniger gut schlafen zu können, sie hatten ebenso vermehrt das Gefühl, ständig unter Druck zu stehen. Die Ergebnisse zeigten auch, dass je höher der digitale Stress war, desto ausgeprägter waren depressive Symptome. Was hilft, wäre ein innovationsfreundliches Klima im Unternehmen. Die Erhebung habe gezeigt, dass Mitarbeiter in einer experimentierfreudigen Umgebung weniger digitalen Stress spüren. Personen, die sicher im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien sind, fühlen sich ebenfalls weniger digital gestresst. Schulungen und ein funktionierender Helpdesk wären hier wirksame Maßnahmen, so Riedl.

Das gängige Vorurteil, dass ältere Arbeitnehmer mehr unter digitalem Stress leiden würden als jüngere, kann diese Studie nicht belegen. Im Gegenteil: Jüngere Personen nutzen digitale Medien länger und intensiver, das erhöhe den Stress, lautet die Erklärung. (Gudrun Ostermann, 19.10.2020)