Viele Supermärkte gehen gestärkt aus der Krise hervor. Die Gewerkschaft will, dass sich das auch für deren Mitarbeiter bezahlt macht.

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Wien – Supermärkte sind in Hochform. Die Krise ist woanders, ihr Umsatz wächst von Monat zu Monat. Allein im zweiten Quartal legten sie um fast neun Prozent zu. Der Möbelhandel erlebt seit dem Lockdown einen ähnlichen Boom. Auch Baumärkte haben Aufwind.

Aus dem letzten Loch pfeift die Mode- und Schuhbranche. Viele der Geschäfte sind im freien Fall. Jeder Zehnte ihrer Mitarbeiter verlor allein bis zum Sommer den Job. Riesen wie H&M, Boss und Zara stehen auf der Bremse. Aus Finanzkreisen ist zu hören, dass die Textilumsätze international wohl erst 2024 auf das Vorjahresniveau zurückkehren.

Die Interessen des Handels waren in Österreich immer schon schwer unter einen Hut zu bringen. Heuer wird es fast unmöglich. Corona löst ein wirtschaftliches Wellental aus, durch das die Sozialpartner im Zuge ihrer Lohnverhandlungen kaum navigieren können.

Reale Lohnerhöhung

Kommenden Mittwoch folgt dafür der Startschuss. Seit Freitag liegen Forderungen der Gewerkschaft auf dem Tisch. Sie will eine reale Lohnerhöhung zumindest in Höhe der Inflation. Und sie pocht auf eine Prämie für Angestellte und Lehrlinge jener Unternehmen, die es sich finanziell leisten können. "Ihre Mitarbeiter haben teils Übermenschliches geleistet, dafür gebührt ihnen Wertschätzung", sagt Anita Palkovich.

Auf die Höhe der Prämie legt sich die Verhandlerin der Arbeitnehmer vorerst nicht fest. Mit Gutscheinen für das eigene Unternehmen sei es jedenfalls nicht getan: Es brauche Geld, über das jeder Mitarbeiter frei verfügen könne.

Abgeltung der Arbeitsbelastung

Auf der dritten Karte im Verhandlungspoker steht die bessere Abgeltung von Arbeitsbelastung. Die Palette reicht hier von Maskenpausen bis hin zu Erschwerniszulagen.

Betroffen sind 420.000 Angestellte. 63 Prozent davon sind Frauen, sie arbeiten zu mehr als 57 Prozent Teilzeit. Bei Vollzeit liegt das Einstiegsgehalt bei knapp mehr als 1700 Euro.

Unternehmer bringen sich nach außen hin ungern in die Lohnrunde ein. Ihr Tenor ist dennoch unmissverständlich: Nie war eine Krise dermaßen unberechenbar. Noch höhere Personalkosten drückten Betrieben vollends die Luft ab – der Abbau von Arbeitsplätzen sei die Folge. Laufen staatliche Hilfen aus, bahnten sich weitere Insolvenzen an.

Ringen um Kaufkraft

Den Wünschen der Gewerkschaft wenig abgewinnen können auch jene, die als Profiteure der Krise gelten, wie etwa die Einrichtungskette XXXLutz. Klar laufe das Geschäft derzeit gut, sagt Konzernsprecher Thomas Saliger. "Mehr Umsatz heißt bei uns aber mehr Mitarbeiter." Lutz schaffe heuer 300 zusätzliche Stellen und nehme 50 neue Lehrlinge auf.

Rainer Trefelik führt als Handelsobmann die Verhandlungen für die Arbeitgeber. Auch er legt vor allem Arbeitsplätze in die Waagschale. Sie zu erhalten heiße, Kaufkraft zu sichern. Etwas mehr oder weniger Gehalt sei in Zeiten dieser Krise zweitrangig. "Hauptsache, die Leute behalten ihren Job."

Aus seiner Sicht könnten die Rahmenbedingungen schlechter nicht sein. Mit dem Herbst sei das zarte Pflänzchen des Aufschwungs verwelkt. Die infolge steigender Infektionszahlen verschärften Regeln für das tägliche Leben und den Konsum außer Haus ließen keinen finanziellen Spielraum mehr zu.

"Riskante Prämien"

Für Christoph Teller haben beide Seiten wesentliche Argumente, um das Recht auf ihrer Seite zu sehen. Der Vorstand des Instituts für Handel und Marketing der Kepler-Uni in Linz hält Prämien für Angestellte einzelner Betriebe dennoch für riskant. Denn diese stützten sich auf eine punktuelle Entscheidungsgrundlage. Es sei eine zu kurzfristige Perspektive. Letztlich müsse man es zulassen, dass es manchen Unternehmen besser gehe. Zugleich gehöre jenen geholfen, die litten. "Wir müssen Gedanken des Neides hintanstellen. Vollkommene Gerechtigkeit wird es nie geben."

Drei Tage sind für die Lohnrunde anberaumt. In der Branche wird mit einem zügigen Abschluss nach dem Vorbild der Metaller gerechnet: Bei einer Abgeltung der Teuerung verliere keiner das Gesicht. Die Zahl an Händlern, deren wirtschaftliche Erfolge eine Corona-Prämie hergeben, sei überschaubar. Steuerbefreit sind diese Boni im Übrigen nur noch bis Jahresende.

Neues Gehaltssystem

Mit in die Verhandlungen hinein spielt der Umstieg auf das neue Gehaltssystem, das flachere Einkommenskurven bringt. Drei Jahre hatten Händler dafür Zeit, im Dezember 2021 läuft die Frist aus. Bisher sattelte aber nur ein Drittel der Betriebe um, da es die Personalkosten zwischen vier und acht Prozent erhöht.

Händler hoffen nun mit Blick auf Corona auf Fristverlängerung um einige Jahre, was jedoch als unrealistisch gilt. Die Arbeitnehmer ließen sich dies wohl nur teuer abkaufen. Allein das Datum des 1. Dezembers könnte etwas flexibler gehandhabt werden. (Verena Kainrath, 16.10.2020)