Das Hochschulleben in Pandemie-Zeiten – streng alphabetisch aufgelistet im Gastkommentar von Sozial- und Wirtschaftswissenschafter Paul Reinbacher.

Homeoffice, Videokonferenzen und Distance-Learning – in diesem Ort war das offensichtlich schon technisch eine Herausforderung.
Foto: AP / Ole Spata

Die Krise ist Alltag geworden. Wir sind, wie es scheint, in jener "neuen Normalität" angekommen, die uns vor einer gefühlten Ewigkeit von der Regierung in Aussicht gestellt worden ist. Zwar mag dies zunächst als verbales Sedativum gedacht gewesen sein, doch hätte man damals bereits wissen können: "Neu" bedeutet nicht automatisch "besser". Einige hatten das ja ganz ohne Pandemieerfahrung vermutet. Und dass manche mit der alten Normalität ziemlich unzufrieden waren, sich nun aber sogar nach dieser zurücksehnen, sagt viel über den eingekehrten Krisenalltag aus.

In der Tat: Der Alltag ist Krise geworden. Nicht mehr große Fragen wie der Klimawandel werden heute in der Öffentlichkeit verhandelt. Im Gegenteil! Wie gerne hätten wir wieder präcoronare Probleme – beispielsweise eine Debatte darüber, ob Demonstrationen von Fridays for Future glaubwürdiger wären, wenn man sie aufs Wochenende verlegte (und nicht während der Unterrichtszeit veranstaltete) oder wenn man sie mit Flugzetteln (statt über Facebook) organisierte.

Kleines Glossar ...

Demgegenüber schwelgt die Öffentlichkeit heute in lustvollen Auseinandersetzungen über die Maskenpflicht. Während man die Freiheit früher mutig durch Verzicht auf den Sicherheitsgurt verteidigen konnte, bleibt nur mehr ein den Mitmenschen zugemuteter Verzicht auf Abstand und Anstand.

Zu den allgemeinen Krisenerfahrungen gesellen sich solche an Hochschulen, wo Absonderungsbescheide dazu führen, dass abwesende Studierende als anwesend behandelt werden müssen, um deren Studienabschluss nicht zu gefährden. Vergleichbares gilt für Lehrende, weshalb der Betrieb nur bei ausreichender Bandbreite sowohl in studentischen Privathaushalten als auch in den Arbeitszimmern der Hochschulangehörigen zu Hause möglich ist. Im Hintergrund (oder, gemessen am Aufwand, eher im Vordergrund) läuft jenes Contact-Tracing, das den Anwesenheitslisten in Seminaren zu neuem Sinn verhilft. Und damit das gar nicht erst notwendig wird, ist Desinfektion die Devise, um in Seminarräumen die Fingerabdrücke und andere Spuren der vorhergehenden Lehrveranstaltungen zu entfernen.

Wenig praktiziert wird dies (angesichts der hohen Verschmutzung von Tastaturen: leider) zu Hause, nicht zuletzt, weil das Emergency-Remote-Teaching bereits mehr als die zur Verfügung stehende Energie bindet. Aber vielleicht kommen die Skeptischen unter uns doch noch auf den Geschmack von Fernstudien, die in einer Zeit ohne Fernreisen zumindest das Gefühl geben, einige Zeit nicht ganz zu Hause gewesen zu sein. Fortgeschrittene praktizieren hier Gruppenteilung, um Studierende abwechselnd in den Genuss von Fernleere kommen zu lassen – ein Hybridbetrieb, der die Beschäftigung mit Seminarinhalten (die sich im Bologna-System bereits gegen die Berechnung von ECTS-Punkten behaupten müssen) endgültig auf die hinteren Plätze verweist: Oberste Priorität hat nun die optimale Administration der abwechselnd An- und Abwesenden (einschließlich der abwesend Anwesenden, weniger der anwesend Abwesenden).

... der Hochschulleere

Erschwerend kommt hinzu, dass Insellösungen entstehen, mit denen sich innerhalb einer Hochschule einzelne Institute zu profilieren trachten (und damit nicht selten die Gesamtstrategie konterkarieren). Trotzdem hilft alles Jammern nichts. Dies gilt auch für jene Krisenstäbe, die darauf achten, dass die Personenbuchhaltung stimmt (und nicht mehr Personen ein Gebäude verlassen als betreten). Im Studienbetrieb an der Hochschule ist es da noch immer relativ leicht: Lüften reicht nach der Desinfektion als Ergänzung zu den internalisierten Abstandsregeln aus (und hilft in der Übergangszeit die saisonal bedingte Erkältungsrate zu erhöhen, was die physische Anwesenheitsrate sowie letztlich die Ansteckungsrate reduziert).

Auch die Maskenpflicht ist wenig problematisch (zumal keine Vorfälle, in denen sie zur Identitätsverschleierung missbraucht worden ist, an Hochschulen bekannt sind). Nur in Kombination mit Brillen ist sie unangenehm, zumal sie dem Nichtberührungsgebot (das Ministerium warnt: "Hände können Viren aufnehmen und auf das Gesicht übertragen") entgegenlaufende Berührungsanreize schafft. Die Beliebtheit von Onlinekonferenzen speist sich, so lässt sich durchaus begründet vermuten, wesentlich daraus, dass sie ein Erproben von Multitasking ermöglichen. Voraussetzung dafür ist die richtige beziehungsweise die zum richtigen Zeitpunkt abstürzende Plattform. Mit einer solchen lässt sich sogar eine unter Umständen anzutretende Quarantäne gut bewältigen, zumal sie den Raumbelegungsplan entlastet. Die als Vorstufe dazu immer öfter erforderliche Selbstisolation führt zu einem Imagewandel jenes ländlichen Lebens, über das in der Stadt bis vor kurzem noch milde gelächelt worden ist.

Ebenfalls in Selbstisolation befindet sich nicht selten der Techniksupport, dann aber mit ziemlicher Sicherheit zu den ungünstigsten Zeitpunkten. Apropos: Vielleicht werden wir auch diese Formen der Sicherheit inmitten der allgegenwärtigen Unsicherheit noch zu schätzen lernen, wie schon jene zahlreichen Videokonferenzen, die trotz des allgemeinen Hygiene-Hypes die Ansprüche an persönliche Hygiene ins Wanken geraten lassen – vorausgesetzt die Webcam ist im richtigen Winkel positioniert oder fällt x-fach aus. Dann erspart man sich mit den nötigen kompensatorischen Verrenkungen gleichzeitig das Yoga als Ausgleich, oder? Zoom you very much! (Paul Reinbacher, 17.10.2020)