Am Dienstag, 8. November 2016 verlor Hillary Clinton eine sicher geglaubte Wahl um die US-Präsidentschaft nicht zuletzt deswegen, weil zu viele Wählerinnen und Wähler der Demokratischen Partei zu Hause blieben. Undenkbar schien es ihnen, dass dieser populistische Quereinsteiger-Kandidat der Republikaner, Donald Trump, als Sieger aus dem Wahltag hervorgehen könnte.

Nun, er tat es bekanntlich doch. In mehreren kleinen, aber entscheidenden "Battleground States" bzw. "Swing States" – also Bundesstaaten, deren Mehrheiten traditionell unsicher sind und sich nur sehr knapp entscheiden würden – konnte der Immobilientycoon jeweils einen knappen Sieg landen. Und so zog zweieinhalb Monate später er und nicht Clinton ins Weiße Haus ein.

Mobilisierung auf beiden Seiten

Jetzt, im Wahlkampffinale des Jahres 2020, ziehen offensichtlich beide Parteien ihre Lehren aus den Geschehnissen, die vor vier Jahren alles auf den Kopf stellten: Der Demokrat Joe Biden weiß, dass sein Höhenflug in den Umfragen nur dann nicht zu einer Bruchlandung führen wird, wenn die Wahlbeteiligung seines politischen Lagers hoch sein wird. Egal ist es dabei, ob er die Stimme erhält, weil man ihn wählen oder aber Trump verhindern will. Es darf nicht noch einmal passieren, dass ein sicherer Sieg verschenkt wird – noch dazu gegen einen dermaßen demagogischen, destruktiven Gegner.

Für einen Wahlsieg durch Gottes Hilfe spendete Donald Trump bei einem Gottesdienst in Las Vegas ein Bündel 20-Dollar-Scheine.
Foto: REUTERS/Carlos Barria

Präsident Trump wiederum weiß, auch wenn es nicht so scheint, als ob er es akzeptieren könnte oder will, dass er nicht auf einen Amtsbonus zählen kann. Während sich etliche seiner Vorgänger – unter anderem Ronald Reagan 1984, Bill Clinton 1996, George W. Bush 2004 oder Barack Obama 2012 – relativ locker eine zweite Amtszeit sichern konnten, droht Trump das Ende schon nach vier Jahren im Weißen Haus, so wie es etwa Jimmy Carter 1980 und George Bush sen. 1992 erging. Also muss auch er alles in die Mobilisierung potenzieller Wählerinnen und Wähler setzten.

Und die Wählerinnen und Wähler? Sie lassen sich mobilisieren, wie es scheint. Die Stimmabgabe liegt auf einem historischen Rekordkurs, dutzendfach höher als jemals zuvor: Knapp 28 Millionen Amerikaner haben bereits Stimmzettel abgegeben, entweder per Post oder persönlich in den teilweise schon geöffneten Wahllokalen landauf, landab.

"Geht raus und stimmt ab!"

Trump rief in der Nacht auf Montag seine Anhänger auf, so bald wie möglich wählen zu gehen. Das tut er aus gutem Grund: Noch steht eine TV-Debatte gegen Biden an. Wenn diese ähnlich ausgeht wie die erste – nämlich katastrophal –, dann verliert er in den darauffolgenden Umfragen noch stärker. Bei einer Kundgebung in Carson City, Nevada, wo schon seit Samstag abgestimmt werden kann, appellierte Trump an sein Publikum: "Die Wahl ist schon eröffnet, also geht raus und stimmt ab!"

Trump hat bei dem Wahlkampfauftritt seinen Widerstand gegen den Rat von Wissenschaftern in der Corona-Pandemie verteidigt. "Hätte ich komplett auf die Wissenschafter gehört, hätten wir jetzt ein Land, das in einer massiven Depression wäre", sagte Trump. "Stattdessen sind wir wie ein Raketenschiff."

Biden: "Wir dürfen nicht nachlassen"

Biden, der in Umfragen deutlich führende Herausforderer des Präsidenten, rief die Wählerschaft auf, möglichst frühzeitig von ihrem Recht Gebrauch zu machen. In North Carolina, das auch heuer als Swing State gilt, hat bis zum Sonntag schon ein Fünftel der registrierten Wähler des Staates abgestimmt.

Biden ist das noch zu wenig: So viele Menschen wie möglich sollten so bald wie möglich Stimmzettel abzugeben. 2016 gewann Trump hier gegen Clinton mit knappen 3,66 Prozentpunkten, heuer könnte sich das Blatt wenden: "Wir müssen den unglaublichen Schwung beibehalten; wir dürfen nicht nachlassen", sagte Biden bei einer Drive-in-Rallye in Durham. Die Zuhörer saßen Corona-sicher wie in einem Autokino in ihren Fahrzeugen und applaudierten, indem sie hupten. "Wartet nicht zu, geht abstimmen! Und zwar heute!"

Wie im Autokino: Biden-Fans lauschen ihrem Kandidaten von ihren Fahrzeugen aus – und hupen, um Beifall zu demonstrieren.
Foto: Drew Angerer/Getty Images/AFP

Apropos Corona: Biden wetterte in seiner Wahlkampfrede einmal mehr gegen Trump, der am Wochenende allen Ernstes behauptet hatte, die Vereinigten Staaten von Amerika hätten einen Wendepunkt erreicht. Tatsächlich ist die Rate der neuen, registrierten Fälle landesweit auf den höchsten Stand seit Monaten gestiegen. Trump relativierte dies und tat es damit ab, dass einfach zu viel getestet werde – eine absurd anmutende Feststellung.

Letztes TV-Duell

Persönlich werden Trump und Biden am Donnerstag in ein letztes Mal zu einem TV-Duell antreten, und zwar in Nashville, Tennessee. Eine Fernsehdebatte vergangene Woche hatte der Präsident platzen lassen, weil er sich nicht auf ein virtuelles Event einlassen wollte, er befürchtete, bei einer Videokonferenz ausgebootet zu werden.

Bidens Vize-Kandidatin Kamala Harris hatte in den vergangenen Tagen alle Wahlkampfveranstaltungen, bei denen sie persönlich hätte anwesend sein müssen, abgesagt. Gerüchte, sie sei an Covid-19 erkrankt, erwiesen sich indes als falsch: Die 55-jährige Kalifornierin wurde am Sonntag negativ getestet. Am Montag nimmt sie ihre Tour wieder auf – und zwar in Florida, wo seit heute die persönliche Stimmabgabe möglich ist. Ihr Gegenspieler, Vizepräsident Mike Pence, trat am Wochenende in North Carolina auf – doch die Show gehört bei den Republikanern fast zur Gänze seinem Boss.

Dieser ließ sich am Sonntag im Spielerparadies Las Vegas, Nevada, blicken – und zwar bei einem Gottesdienst in der International Church. Natürlich trug er dabei keine Maske. Pastorin Denise Goulet verkündete bei der Gelegenheit, Gott selbst habe ihr gesagt, dass Trump die Wahl gewinnen werde. Mediengerecht zückte der Präsident ein Bündel 20-Dollar-Scheine bei der Kollekte und neigte demonstrativ bescheiden sein Haupt beim Gebet.

Immer mehr Republikaner gegen Trump

Gottes Hilfe könnte Trump indes auch dringend nötig haben – denn immer mehr bisherige Parteifreunde wenden sich von ihm ab. Mehr als nur eine Handvoll prominente Republikaner verweigern mittlerweile dem Präsidenten die Unterstützung, etliche rufen sogar offen zur Wahl Bidens auf – etwa sein bisher enger Vertrauter Chris Christie, früherer Gouverneur von New Jersey, der Trumps Corona-Politik nicht mehr mittragen will. Oder der Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell. Er war wegen der nachlässigen Pandemievorkehrungen schon seit Anfang August nicht mehr im Weißen Haus – was in der Partei als Freibrief für Kritik am Präsidenten verstanden wird.

Der Senator von Utah und frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat schon vor längerer Zeit erklärt, nicht für Trump zu stimmen. Er war auch einer jener wenigen, die schon Anfang des Jahres für eine Amtsenthebung Trumps gestimmt hatten.

Senator Lindsey Graham spekuliert schon offen mit einem Sieg Bidens – und es scheint ihm nicht besonders leid zu tun, obwohl er selbst in South Carolina um seine Wiederwahl bangen muss. Oder hofft er, gerade mit einer solchen indirekten Wahlempfehlung selbst seine Felle retten zu können? Tatsache ist: Es findet eine Absetzbewegung statt bei den Republikanern.

Trump baut Golfplatz in Schottland

Unterdessen wurde am Wochenende bekannt, dass Trump einen weiteren Golfplatz in Schottland bauen darf. Das haben die örtlichen Behörden trotz Einwänden von Naturschützern entschieden, wie die britische Nachrichtenagentur PA berichtete. Der 18-Loch-Golfplatz wird nach Trumps Mutter Mary Anne MacLeod benannt, die von einer schottischen Insel stammt. (Gianluca Wallisch, APA, 19.10.2020)