In Uganda studierte John Sentamu erst Jus und praktizierte als Anwalt. Dann musste er aber vor dem Terrorregime von Idi Amin nach England fliehen.

Foto: Reuters/Antony Njuguna

In den britischen Fußballstadien beugen Spieler und Trainer weiterhin vor jedem Spiel das Knie. In der Downing Street 10 hingegen scheint Black Lives Matter (BLM) keine Anhänger zu haben. Empört weisen jetzt Aktivisten darauf hin, dass Premierminister Boris Johnson kürzlich dem Oberhaus 36 weiße neue Mitglieder hinzufügte, nicht aber den ersten schwarzen Erzbischof von York. Dabei sei "John Sentamu ein Vorbild nicht nur für Schwarze, sondern für ganz Großbritannien", empört sich Simon Woolley von der Organisation Operation Black Vote.

Als Erzbischof des englischen Nordens bekleidete Sentamu 15 Jahre lang das zweitwichtigste Amt in der anglikanischen Staatskirche nach dem Amtsbruder in Canterbury. Im Sommer ging er 71-jährig in den Ruhestand. Doch anders als seinen beiden weißen Vorgängern verweigert die Regierung dem Geistlichen die Berufung als Lord auf Lebenszeit. Zur Begründung verwies ein Sprecher der Downing Street gegenüber der "Sunday Times" auf die vielbeklagte Überfülle der zweiten Parlamentskammer, die derzeit 797 Mitglieder aufweist. Montagfrüh gab eine anonyme Quelle aus der Downing Street gegenüber "Politico" an, dass Sentamu der Titel sehr wohl verliehen werde – bestätigt wurde das bisher aber nicht.

Das ursprüngliche Argument der Regierung halten Aktivisten wie Woolley für skandalös angesichts der "Flut von Freunden, darunter kein einziger Schwarzer", die der Regierungschef diesen Herbst zu Baroninnen und Lords ernannte. Dazu gehörten verdiente frühere Minister wie Kenneth Clarke und Philip Hammond sowie Johnsons jüngerer Bruder Joseph, die wegen der Brexit-Politik ihrer konservativen Partei nicht mehr fürs Unterhaus antreten mochten. Ins Oberhaus geschwemmt wurden auch Exoten wie die aus Bayern stammende frühere Labour-Abgeordnete Gisela Stuart oder der legendäre Ex-Kricketspieler Ian Botham. Deren gemeinsames Kennzeichen besteht, genau umgekehrt, in der enthusiastischen Befürwortung des EU-Austritts.

Sentamu warb für Ausgleich zwischen verhärteten Fronten

An politischen Faktoren kann Sentamus Brüskierung kaum liegen. Zwar machte sich der Erzbischof im Vorfeld des Referendums 2016 für den Verbleib in der EU stark, warb zuletzt aber immer wieder für den Ausgleich zwischen den gefährlich verhärteten Fronten.

Interessanterweise ergriff er einmal sogar im Oberhaus für die Brexit-Linie der damaligen Premierminister Theresa May das Wort. Denn als geistlicher Lord (Lord Spiritual) gehörte Sentamu der Parlamentskammer qua Amt an: Für die anglikanische Staatskirche bleiben 26 Sitze – zwei Erzbischöfe und 24 Diözesanbischöfe, darunter neuerdings auch vier Frauen – reserviert. Hingegen bleibt den Oberhirten anderer wichtiger Religionen, beispielsweise Juden, Muslime, Katholiken oder Sikhs, nur der Weg über die Berufung als Lord auf Lebenszeit (Lords Temporal), der Sentamu verschlossen bleibt.

Bilderbuchkarriere

Ob der Theologe dem Premierminister einmal persönlich auf die Zehen gestiegen ist, beispielsweise wegen dessen vielfältiger außerehelicher Liaisonen? Jedenfalls hat der britische Zweig der BLM-Bewegung, um die es zuletzt recht still geworden war, einen neuen charismatischen Helden. In Uganda geboren, studierte Sentamu zunächst Jus und praktizierte in seiner Heimat als Anwalt, musste aber vor dem Terrorregime des damaligen Präsidenten Idi Amin nach England fliehen. Dem Theologiestudium samt Promotion in Cambridge folgten Bischofsposten in Ostlondon und Birmingham, ehe die Berufung nach York erfolgte. In dem historischen Städtchen schien es manchmal, als sei der leutselige, meist vergnügte Geistliche der einzige Schwarze weit und breit.

Eine Bilderbuchkarriere also, geeignet als Symbol für die vielerorts vergleichbar gut gelungene Integration ethnischer Minderheiten in die britische Gesellschaft. Wenn man das nur auch in der Downing Street begreifen würde. (Sebastian Borger aus London, 19.10.2020)