Die Worte waren eigentlich nur an eine Gruppe von Wählerinnen und Wählern in Nebraska gerichtet – aber natürlich kamen sie auch der großen US-amerikanischen Öffentlichkeit zu Ohren – und sie machen deutlich, dass die republikanische Partei in zunehmendem Ausmaß unglücklich ist mit "ihrem" Präsidenten: In einer Telefonkonferenz zog der republikanische Senator Ben Sasse Ende vergangener Woche über Parteifreund Donald Trump vom Leder wie selten jemand zuvor: Trump schmeiße "wie ein betrunkener Matrose" das Geld aus dem Fenster und "küsst Diktatoren den Hintern".

An der Basis mag Donald Trump extrem loyale Fans haben – in der oberen Parteihierarchie lassen ihn immer mehr Funktionäre fallen.
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Wie der "Washington Examiner" berichtet, sei das aber noch nicht alles, was der 48-jährige Senator von Nebraska – er befindet sich selbst inmitten einer Kampagne zur Wiederwahl am 3. November – vom Stapel ließ: Trump misshandle Frauen, mache sich hinter deren Rücken lustig über die evangelikalen Christen (eine wichtige Kerngruppe in Trumps Wählerschaft), "flirtet mit weißen Überlegenheitsfanatikern" und "betrachtet seine Präsidentschaft wie eine Geschäftsmöglichkeit".

Der Präsident, so warnte Sasse weiter, treibe nach dem Abgeordnetenhaus vor zwei Jahren nun auch die Senatskammer des US-Kongresses in die Hände der Demokraten und drohe, der republikanischen Partei dauerhaften Schaden zuzufügen. Trumps Management der Corona-Krise sei zudem weder vernünftig noch verantwortungsvoll gewesen.

Der Aufschrei war enorm, und postwendend gab Trump zurück, Sasse sei der ineffizienteste aller 53 republikanischen Senatoren in den USA. "Wir haben einige dumme Leute", sagte Trump.

"Wie ein betrunkener Matrose": Senator Ben Sasse hält Donald Trump für eine Gefahr für die Partei.
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Panische Suche nach Rettungsbooten

Doch die Kritik saß – und sie tut dem Präsidenten weh. Denn mittlerweile sind solche Statements – ob öffentlich oder privat und erst im Nachhinein publiziert – wesentlich mehr als unwichtige Nebengeräusche: Wie das Washingtoner Insider-Magazin "The Hill" schreibt, rennen immer mehr einflussreiche Republikaner panisch um ein "Rettungsboot" – nicht nur Sasse.

Ein Drittel der Sitze im Senat und im Repräsentantenhaus wird parallel zur Präsidentenwahl am 3. November vergeben. Etliche republikanische Mandatare erhoffen sich nun, mit Kritik an Trump ihren eigenen Sessel zu retten – nachdem sie aber zuvor jahrelang mit Trump mitgegangen waren. Die Absatzbewegung soll offenbar Wechselwähler oder moderate Republikaner ansprechen, die Trump nicht mehr wählen werden – aber eventuell doch noch "ihren" persönlichen konservativen Volksvertreter im Kongress.

Immer mehr Republikaner haben Trump hingegen schon zwei Wochen vor der Wahl völlig abgeschrieben und richten sich bereits auf eine Zeit ohne den Populisten im Weißen Haus ein.

Mitch McConnell zieht sich halbwegs diplomatisch aus der Affäre.
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Doch auch wenn Trump so tut: Die Absetzbewegung wird nicht nur von "ineffizienten" Hinterbänklern betrieben, sondern hat längst schon das oberste Parteiestablishment erreicht: So hat etwa der Fraktionsführer im Senat, Mitch McConnell, kürzlich erzählt, schon seit Anfang August nicht mehr im Weißen Haus gewesen zu sein – ausgerechnet er, der dort täglich ein und aus ging. Grund: Die schleißigen Corona-Vorkehrungen, denen McConnell – mit 78 Jahren gehört er zur größten Risikogruppe – zutiefst misstraut.

Für die Trump kritisch bis ablehnend gegenüberstehenden Parteifreunde ist McConnells Haltung zum Präsidenten somit eine Art Freibrief, selbst aus der Parteidisziplin auszubrechen und zumindest Kritik anzubringen.

"Keine sichere Zone"

Da ist zum Beispiel Chris Christie: Der frühere Gouverneur von New Jersey hatte noch vor wenigen Tagen gemeinsam mit Trump für die erste TV-Debatte gegen Joe Biden geprobt. Offenbar zu wenig und offenbar ohne Erfolg: Trump verlor dieses Duell, verlor die Contenance, attackierte seinen Herausforderer pausenlos, bis er sich von diesem bitten lassen musste, "doch einfach den Mund zu halten, Mann".

Vielleicht mag Christie nach diesem letzten Versuch erkannt haben, dass er wohl untergehen wird, wenn er bei Trump bleibt. Jedenfalls bemühte er nun – ähnlich wie McConnell – das Argument, dass Trumps Corona-Politik untauglich sei, die Krise zu überwinden. Außerdem sei das Weiße Haus längst keine "sichere Zone" mehr, ergänzte der selbst an Covid-19 Erkrankte.

Martha McSally ist offenbar nicht stolz darauf, zu Trumps Amtsverbleib beigetragen zu haben.
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Sasse ist nicht der Einzige der aktuellen Senatoren, die – wie etwa der Texaner Ted Cruz – ein "Blutbad" am 3. November befürchten. Martha McSally vertritt für die Republikaner den Bundesstaat Arizona und stimmte mit der übergroßen Mehrheit ihrer Parteikolleginnen und -kollegen zu Jahresbeginn gegen eine Amtsenthebung Trumps. Doch das ist lange vorbei: In einem Wahlduell gegen ihren demokratischen Herausforderer um den Senatssitz konnte sich McSally nicht zu einem "Ja" durchringen, als sie gefragt wurde, ob sie stolz auf ihre Unterstützung Trumps sei.

Wütende Reaktionen

McSallys Senatskollegin aus Maine, Susan Collins, machte schon klar, dass sie die Parteilinie verlassen werde, wenn es in wenigen Tagen um die Bestellung der neuen Höchstrichterin Amy Coney Barrett geht: So kurz vor einer Präsidentenwahl werde sie nicht für Trumps Kandidatin stimmen. Die öffentliche Ohrfeige des Präsidenten für die Senatorin ließ nicht lange auf sich warten, sie kam natürlich via Twitter.

Der Senator von Utah und frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat schon vor längerer Zeit erklärt, nicht für Trump zu stimmen. Er war auch einer jener wenigen, die schon Anfang des Jahres für eine Amtsenthebung Trumps gestimmt hatten.

Eine gut dokumentierte Liste prominenter Republikaner, die Trump ablehnen, wird auf Wikipedia dieser Tage fast stündlich länger. Vielleicht ist es so, wie ein ehemaliger Kongressabgeordneter, der seinen Namen nicht genannt wissen wollte, zum Magazin "The Hill" sagte: "Der Kuchen ist gebacken." Manch einer und manch eine hätten vier Jahre lang Zeit gehabt, sich von Trump abzuwenden. Jetzt, nur wenige Tage vor der Wahl, die der Präsident aller Wahrscheinlichkeit nach verlieren werde, sei es zu spät, für sich selbst noch auf einen gütlichen Ausgang der Kongresswahl zu hoffen. (Gianluca Wallisch, 19.10.2020)