Ein Jäger mit zähnestarrendem Maul, der sich von einem Küstenfelsen stürzt, um übers Wasser zu segeln und nach Fischen zu spähen: So stellt man sich Pterosaurier in der Regel vor. Das könnte für ihre tatsächliche Vielfalt aber nicht repräsentativer gewesen sein als Möwen für die heutige Vogelwelt.
Illustration: REUTERS/Luis Rey/University of Portsmouth

Nick Longrich von der Universität Bath lädt zu einem Gedankenexperiment ein: Wenn sich die Paläontologen eines künftigen Erdzeitalters ein Bild von der heutigen Vogelwelt allein anhand von Fossilienfunden machen müssten – wie würde das dann aussehen? Aller Wahrscheinlichkeit nach, so der Evolutionsbiologe, würden sie zum Schluss kommen, dass Vögel hauptsächlich Bewohner von Meeresregionen gewesen seien: Pinguine, Albatrosse, Lunde oder Enten, das seien die typischen Vögel gewesen – und vermeintliche Exoten wie Kolibris, Habichte oder Strauße nur seltene Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Fossilien ergeben ein verzerrtes Bild

Warum? Weil Knochen – insbesondere fragile Vogelknochen – höchst unterschiedliche Chancen haben, als Fossilien erhalten zu bleiben. Klar bevorzugt sind solche, die im Wasser auf den Grund sinken und dort von einer schützenden Schicht aus Sedimenten zugedeckt werden. Das können aber natürlich nur die Knochen von Tieren sein, die im oder über dem Wasser unterwegs waren, als sie starben. Die Körper von Küstenbewohnern bleiben schon deutlich seltener erhalten, und die von Tieren aus dem Landesinneren erst recht.

(Anmerkung: Auf einen Sonderfall ist Longrich allerdings nicht eingegangen – nämlich das Haushuhn. 2018 erstellten britische Forscher die verblüffende Prognose, dass Hühnerknochen dereinst als eines der Leitfossilien unseres Zeitalters wahrgenommen werden dürften. Hühner werden jährlich nämlich zu Milliarden verspeist, und ihre Knochen landen mit dem Hausmüll auf Deponien, wo gute Bedingungen für ihre Konservierung herrschen.)

Was für Vögel gilt, müsste aber genauso für jene Tiergruppe gelten, die schon lange vor den Vögeln das Fliegen gelernt hatte, die Flug- oder Pterosaurier. Etwa 60 bis 70 Millionen Jahre lang gehörte ihnen der Luftraum allein. Sie hatten also jede Menge Zeit, sich zu diversifizieren und unterschiedliche ökologische Nischen zu besetzen. Dennoch prägt bis heute das Bild vom Pterosaurier, der über dem Meer kreist und auf Fische herabstößt, unsere Vorstellung.

Einen Pterosaurier wie Leptostomia begaaensis kannte man bislang noch nicht. Aber war er ein Exot oder ein typisches Tier seines Zeitalters?
Illustration: Megan Jacobs, University of Portsmouth

Das war aber eindeutig nicht der Lebensstil von Leptostomia begaaensis, den Longrich und sein Kollege David Martill von Universität Portsmouth nun im Fachjournal "Cretaceous Research" vorgestellt haben. Darauf weist der Schnabel des Tiers hin, der so lang und dünn war, dass er zunächst für den knöchernen Flossenstrahl eines Fisches gehalten wurde. Erst ein genauerer Blick auf seine Textur zeigte, dass es sich um einen Teil des Schnabels eines Pterosauriers handelte, wie man noch keinen gesehen hatte.

Mit diesem zahnlosen Schnabel muss der etwa truthahngroße Leptostomia im Boden nach Nahrung gestochert haben. Das könnten Regenwürmer gewesen sein, aber auch Muscheln oder Krabben. Die Fundstätte, in der inzwischen noch weitere Überreste des Tiers ausgegraben wurden, spricht für Letzteres: Die Kem-Kem-Formation im heutigen Marokko ist der Rest einer kreidezeitlichen Region, in der mehrere Flüsse ins Meer mündeten und ein feuchtes Ökosystem schufen.

Leptostomia stelzte dort wie ein heutiger Strandläufer herum und stocherte im Schlamm nach Beute. Computertomographische Scans enthüllten ein Netzwerk aus feinsten Kanälen, die sich durch den Schnabel zogen und vermutlich Nerven enthalten hatten: Teil des Sensoriums, mit dem das Tier seine Beute aufspüren konnte.

Die wahren Pioniere

Brachvögel und andere Regenpfeifer, aber auch Kiwis, Ibisse oder Wiedehopfe gehen heute einer vergleichbaren Lebensweise nach, manche an der Küste, andere im trockenen Landesinneren. Und sie alle haben lange, dünne Schnäbel. Wenn man diese Tiere mit Leptostomia vergleicht, darf man aber nicht vergessen, wer das eigentliche Vorbild ist, betont Longrich. Die Vögel hätten bloß wiederholt, was die Pterosaurier schon Dutzende Millionen Jahre vor ihnen erfunden hatten.

Über 100 verschiedene Arten von Flugsauriern wurden laut Universität Portsmouth bereits entdeckt. Der kleinste hatte eine Flügelspannweite von 25 Zentimetern, der größte brachte es auf 13 Meter. Manche jagten – ganz dem klassischen Bild entsprechend – Fische, andere Fluginsekten und wieder andere Tiere auf dem Boden.

So könnte es vor 150 Millionen Jahren in Mitteleuropa ausgesehen haben: Vorne verzehrt ein Pterodactylus einen Krebs, rechts ein Rhamphorhynchus einen Fisch. Und im Hintergrund hat sich ein Germanodactylus eine Libelle geschnappt.
Illustration: Mark Witton

Das bestätigt auch eine weitere Studie, die in "Nature Communications" erschienen ist. Dafür untersuchte ein Team um Jordan Bestwick von der Universität Leicester die Abnutzungsspuren, die die Nahrung an den Zähnen verschiedener Pterosaurierarten hinterließ. Der Analyse zufolge dürfte beispielsweise Dimorphodon verschiedene Wirbeltiere gefressen haben, während sich Rhamphorhynchus auf Fisch spezialisiert hatte und der in Tirol ausgegrabene Austriadactylus hartschalige Beute wie Krebse oder Käfer knackte.

Und auch die Jagdtaktiken dürften sehr unterschiedlich gewesen sein: Während sich manche Pterosaurier aus der Luft auf ihre Beute stürzten, staksten andere lieber gleich am Boden herum. Letzteres galt unter anderem für den giraffenhohen Hatzegopteryx, der riesig genug war, um selbst kleinere Dinosaurier aufzupicken.

Und nun hat der Stocherer Leptostomia noch einen Lebensstil eingebracht, den man von Pterosauriern bislang nicht kannte, obwohl er vielleicht ganz alltäglich war. Aber auch wenn solche Funde das althergebrachte Bild von den Flugsauriern bereichern – ganz wird sich die einstige Vielfalt dieser Gruppe mangels Fossilien wohl nie erschließen. (jdo, 1.11.2020)