Auf die Herdenimmunität zu setzen sei unethisch und medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant, meinen Experten.

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Heidelberg/Wien – Kurz nach Beginn der Corona-Pandemie war auch von Expertenseite das Erreichen der sogenannten Herdenimmunität (also einer Durchseuchung von mehr als 50 Prozent der Bevölkerung) als mögliche Lösung der Krise genannt worden. Erneut aufs Tapet gebracht hat dieses fragwürdige Konzept kürzlich eine Gruppe britischer und US-amerikanischer Medizinern in ihrer Erklärung von Great Barrington, benannt nach dem marktliberalen Thinktank American Institute for Economic Research in Great Barrington in Massachusetts, von dem die Erklärung ausgearbeitet worden war.

Die Idee dahinter: Die von Covid-19 besonders gefährdeten insbesondere älteren Menschen sollen abgeschirmt werden, während der Rest der Bevölkerung ihr normales Leben weiter führen kann, bis eine ausreichende Durchseuchung erreicht ist. Auch einige heimische Mediziner haben sich zuletzt dieser Forderung angeschlossen, Andreas Sönnichsen (MedUni Wien) etwa hat die Erklärung auch unterzeichnet.

"Einfühlsamster Ansatz"

Mittlerweile haben bereits mehr als 500.000 Menschen die Erklärung unterzeichnet, darunter 10.000 wissenschaftliche Gesundheitsexperten und 30.000 Ärzte (was im Vergleich zur jeweiligen Gesamtzahl ein ziemlich kleiner Anteil ist). In dem Text heißt es unter anderem: "Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden."

Nachdem bereits vor einigen Tagen im Fachblatt "The Lancet" 80 Mediziner einen offenen Brief gegen die Vorschläge der Erklärung von Great Barrington publiziert haben, stellen sich nun deutsche Virologen inklusive Christian Drosten entschieden gegen diese Forderungen, Corona-Beschränkungen aufzuheben und den Schutz besonders gefährdeter Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

"Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen", heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) mit Sitz in Heidelberg, an der auch Drosten beteiligt war.

Eskalierende Todesraten

Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, schreiben die Virologen. Denn selbst bei strenger Isolierung älterer Menschen gebe es noch weitere Risikogruppen, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt seien, um aktiv abgeschirmt werden zu können. "Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ergibt sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft."

Laut GfV weiß man noch nicht zuverlässig, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhält. Das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung sei unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant. (red, APA, 20.10.2020)