Wurzeln schlagen durch gemeinsames Garteln: Urban-Gardening-Projekte fungieren als ideale Orte der sozialen Interaktion und Integration.

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Nur wenige Gruppen haben in Österreich ein so schlechtes Image wie die der afghanischen Migranten. Dies liegt an der medialen Berichterstattung und – insbesondere zu Wahlzeiten – an Politikerinnen und Politikern, die Ängste vor muslimischen Einwanderern schüren. Ein verstärkter Zuzug von Menschen aus Langzeitkriegsgebieten bringt selbstverständlich Herausforderungen mit sich. Doch das stereotype Bild der nicht integrierbaren Afghaninnen und Afghanen bildet die Realität nicht ab.

Um einen authentischen Einblick in ihre Lebenswelt, Werte und Erwartungen bemühen sich Forschende der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien. Basierend auf einem Projekt zu Integrationsverläufen, das vom Außenministerium gefördert wurde, erschien nun der erste umfassende Forschungsbericht über die afghanische Community in Österreich.

Dabei zeigt sich, dass es sich bei den mehr als 43.000 Personen mit afghanischer Staatsbürgerschaft hierzulande um eine heterogene Gruppe handelt: "Es gibt unterschiedliche Phasen der Migration, Herkünfte und Bildungshintergründe. Das alles muss mitberücksichtigt werden", sagt Marie Lehner vom ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR), eine der Autorinnen des Berichts.

Bildungschancen

Mehr als 40 Prozent der Afghaninnen und Afghanen leben in Wien. Einige wanderten bereits in früheren Jahren zu, doch der Großteil kam durch die Fluchtmigration ab 2015 ins Land. "Das lag eigentlich an der Asylpolitik der afghanischen Nachbarstaaten, insbesondere des Irans", sagt Gabriele Rasuly-Paleczek vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien.

Die Nachbarländer verweigern Geflüchteten seitdem zunehmend Unterstützung sowie den legalen Zugang zu Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheitssystem. Das betrifft sogar jene Afghaninnen und Afghanen, die etwa im Iran geboren und aufgewachsen sind, wie Rasuly-Paleczek sagt. Die Forscherin lieferte für den Bericht einen Überblick über afghanische Ethnien und die verschiedenen Fluchtwellen der vergangenen 60 Jahre.

Im Umland sehen die meisten – vor allem jungen – Geflüchteten also keine Zukunftsperspektive. Das gilt speziell auch für jene, die im Vielvölkerstaat Afghanistan zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit gehören. Hohe Erwartungen führten sie auf die gefährliche Reise nach Europa.

"Viele sehen die Ankunft in Österreich als die Chance in ihrem Leben, die versäumte Bildung nachzuholen", sagt Josef Kohlbacher, Leiter der Arbeitsgruppe "Urbane Transformation" am ISR. "Auch jene mit geringer oder völlig absenter Schulbildung sind meist sehr bildungsorientiert."

Schwierige Rahmenbedingungen

Dies stelle dennoch eine besondere Herausforderung dar, denn je geringer das Bildungsniveau, desto schwerer tut sich die Person etwa beim Deutschlernen. Und auch wenn vor allem junge männliche Afghanen zuwanderten (der Frauenanteil liegt bei 32 Prozent), ist es nötig, auf die Probleme der Älteren und der Frauen hinzuweisen.

Letztere sind besonders motiviert, da viele bisher keine Bildungsmöglichkeiten gehabt hätten. Aber sie haben Mühe, Deutsch- oder Alphabetisierungskurse mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren, und bräuchten passende Rahmenbedingungen.

Für Frauen, ältere Menschen und Personen mit wenig Vorbildung ist in der Folge auch das Fußfassen auf dem Arbeitsmarkt am schwierigsten. Dabei ist die Motivation groß: "Jeder Befragte wollte so rasch wie möglich eine Beschäftigung finden, um ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften", sagt Kohlbacher.

"Auch ist die berufliche Integration ein ganz wichtiger Faktor für die wertebezogene Integration: Durch das soziale Netz am Arbeitsplatz kommt es zu einem Kennenlernen und zur Internalisierung von Werten."

Ein Problem, das die Community vor allem in Wien mit vielen anderen Menschen teilt, ist der Wohnungsmarkt: Die Mieten steigen erheblich an, Wohnungen sind knapp. Gemeindewohnungen kommen frühestens ab zwei Jahren Aufenthalt infrage. Nach der Zeit in Asylunterkünften sind Geflüchtete bei der Wohnungssuche zudem mit Sprachproblemen sowie oft mit extremer Diskriminierung konfrontiert.

Notgedrungen müssen sie eher auf schlecht ausgestattete Wohnungen und dubiose (Unter-)Mietverhältnisse ausweichen. "Es kommt vor, dass Familien mit mehreren Kindern in einer Garçonnière mit 30 Quadratmetern leben müssen", sagt Kohlbacher. Jüngere Männer schließen sich häufig zu – meist überbelegten – Wohngemeinschaften zusammen.

Begegnungen im öffentlichen Raum

Um bei schwierigen Bedingungen wenigstens außerhalb der eigenen vier Wände Orte der Entspannung und der Geselligkeit zu finden, ist die Nutzung des öffentlichen Raums essenziell. "Menschen mit Flucht- bzw. Migrationshintergrund fühlen sich oft an Orten mit hoher Diversität am wohlsten", sagen Lehner und Kohlbacher.

Dazu gehören etwa Parks, in denen vor allem Kinder und Jugendliche spielen und sporteln, aber auch ältere Personen Karten oder Schach spielen können. Hier ist die Schwelle zum Small Talk mit Fremden niedrig, und es bestehen Möglichkeiten für längere Gespräche und gemeinsame Aktivitäten.

"Je vielfältiger diese Begegnungsorte und Einrichtungen gestaltet werden, desto attraktiver wirken sie auf heterogene Gruppen und fördern somit die soziale Interaktion über die eigene Gruppe hinaus", so die Experten. "Hier ist die Stadtentwicklung zunehmend gefordert, solche Stätten zu schaffen." Am besten funktioniere dies unter Einbeziehung der interessierten Gruppen, die die öffentlichen Räume so mitgestalten und sich aneignen können.

Ein gutes Beispiel sind Urban-Gardening-Projekte. Das Konzept kam ohnehin migrationsbedingt in den deutschsprachigen Raum: Durch die Zuwanderung aufgrund der jugoslawischen Nachfolgekriege entstanden sogenannte interkulturelle Gärten. Mittlerweile gibt es in Wien mehr als 90 Gemeinschaftsgärten, manche Initiativen wie der "Matznergarten" im 14. Bezirk stellen darüber hinaus integrative Projekte auf die Beine.

"Ein Gartenprojekt wird von einigen Angehörigen der afghanischen Community bereits intensiv genutzt, zum Beispiel im 21. und 23. Bezirk", sagen die Forschenden. So kann es leichter werden, in der aktuellen Heimat Wurzeln zu schlagen. (Julia Sica, 22. 10. 2020)