Im Mai (Foto) galt die Beziehung zwischen Donald Trump und Anthony Fauci noch als intakt. Mittlerweile ist sie in eine Schieflage geraten.

Foto: AP Photo/Alex Brandon

Es ist der würdelose Herbst einer großen Wissenschafts- und Beamtenkarriere. Anthony Fauci, Seuchenberater der US-Regierung, befindet sich dieser Tage in einem Kampf an zwei Fronten. Auf der einen Seite ist es das Coronavirus, das die USA wieder stärker bedrängt. Um 34 Prozent lag die Zahl der Neuinfizierten am Dienstag über dem Wert von vor zwei Wochen, ermittelte die "New York Times". Auf der anderen aber ist es der US-Präsident im Endspurt seiner Wahlkampagne, der Fauci und die Wissenschaft mittlerweile als Gegner sieht.

Fauci sei ja ein netter Kerl, sagte Trump am Montag in einer telefonischen Besprechung mit seinem Kampagnenteam. "Aber er ist seit 500 Jahren da", und die Ratschläge des Experten seien "ein Desaster" gewesen. Die Bürgerinnen und Bürger hätten "Fauci und all diese Idioten" ebenfalls satt. Denn diese, so Trump, seien zu streng und würden nicht ausreichend an das Verlangen der Menschen denken, ohne Einschränkungen leben zu können. Zugleich aber warf er ihnen Leichtsinnigkeit vor. "Hätte ich auf sie gehört, hätten wir jetzt 500.000 Tote", sagte Trump, ohne Belege zu nennen.

Herdenimmunität als Alternative

Fauci, den laut Umfragen eine deutliche Mehrheit der Menschen in den USA schätzt, wird so zu einem Wahlkampfgegner Trumps. Der Präsident, so heißt es schon lange, würde wesentlich lieber auf wissenschaftliche Berater wie Scott Atlas setzen. Der Neuroradiologe ohne epidemiologische Ausbildung, der schon 2008 Trumps Vertrauten Rudy Giuliani beraten hatte, ist seit August Teil der Corona-Taskforce im Weißen Haus. Er setzt auf das Konzept der Herdenimmunität.

Gerne, so sagte Trump nun am Montag auch öffentlich, hätte er Fauci längst entlassen – nur befürchte er negative PR, die mit dem Schritt einhergehen würde.

Neid und Uneinigkeit

Der Mediziner ist dem Präsidenten nicht nur aus fachlichen Gründen ein Dorn im Auge – nicht nur also, weil er Masken empfiehlt und räumliche Distanzierung und Lockdowns als taugliche Mittel gegen die Virusausbreitung sieht. Trump neide dem Epidemiologen auch sein Ansehen, berichten US-Medien unter Berufung auf Vertraute.

Der Präsident selbst tut wenig, um den Verdacht zu entkräften. Fauci trete noch öfter in Funk und Fernsehen auf "als der große verblichene Bob Hope", twitterte er etwa am Montag unter Bezugnahme auf den bereits 2003 verstorbenen Schauspieler und Komiker.

Fauci selbst wollte nicht zu den Angriffen Stellung nehmen. Es handle sich um eine Ablenkung von dem, was wirklich wichtig sei, sagte er. Er würde lieber nichts dazu sagen, sondern seinen Job tun und dem Land so durch die Pandemie helfen.

Drohungen auch gegen Familie

Sorgen um seine eigene Gesundheit mache er sich dabei nicht, sagte der 79-Jährige dem Radiosender KNX 1070. Allerdings müsse er sich Gedanken über seine Frau und seine Familie machen. Sowohl gegen ihn selbst als auch gegen Angehörige gibt es oft Drohungen. "Ich selbst erhalte Schutz durch Bundesbeamte, aber es gibt immer wieder Leute, die meine Familie belästigen", so Fauci, der dann doch politisch wurde: "Es zeichnet ein blamables Bild der Spaltungen in unserer Gesellschaft, wenn es jemanden gibt, der Maßnahmen für die Gesundheit umsetzen will und sie empfiehlt, und dafür gibt es Drohungen."

Noch vor wenigen Tagen hatte Trump versucht, nicht gegen, sondern mit Fauci zu werben. Ein altes Interview des Mediziners tauchte in einem Wahlkampfspot auf. Er ist darin zu hören, wie er den Präsidenten und dessen Einsatz lobt. Das Interview aber stammt aus dem Frühjahr – und Fauci selbst teilte später mit, die Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden.

"Demokrat" Fauci

Der parteifreie Epidemiologe gilt für Trump spätestens seit dieser Episode als "Demokrat", wie er in der Sendung "Fox & Friends" behauptete. Schon am Montag hatte er via Twitter gewarnt, sein demokratischer Konkurrent Joe Biden würde im Amt "auf Fauci und Forscher hören". Biden retweetete den Beitrag und fügte nur ein Wort als Kommentar hinzu: "Ja ..." (Manuel Escher, 20.10.2020)