Auch der demokratische Kandidat Joe Biden und seine Vizekandidatin Kamala Harris sind in der "Early Voting"-Schlange in Florida mit dabei – zumindest in der Pappvariante. Auch sonst sind die Demokraten in der Überzahl.

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Der Tag der Entscheidung – das ist spätestens jetzt. Denn der Wahltermin in den USA rückt nicht nur näher, für viele ist er sogar schon wieder vorbei. Mehr als 50 Prozent aller Wählerinnen und Wähler haben in den Umfragen angekündigt, diesmal schon vor dem 3. November ihre Stimme abgeben zu wollen – auch um der Corona-Gefahr im Wahllokal zu entgehen. So ganz geglaubt haben das manche nicht. Mittlerweile sind sie widerlegt. Lange Schlangen sind seit Tagen in vielen US-Bundesstaaten vor den Wahllokalen zu sehen. Das "Early Voting", die vorzeitige Stimmabgabe, ist nachgefragt wie noch nie.

Insgesamt hatten mit Stand Mittwochnachmittag schon 38 Millionen Wählerinnen und Wähler ihre Entscheidung fixiert, persönlich oder via Brief. Schon jetzt sind damit 28,8 Prozent der Wahlbeteiligung von 2016 erreicht, als insgesamt 138 Millionen Menschen ihre Stimmen abgaben. In manchen Bundesstaaten ist dieser Wert sogar noch deutlich höher. Spitzenreiter ist Texas, wo am Dienstag schon 59,2 Prozent erreicht waren. Aber auch in den Swing-States Florida, Michigan, Wisconsin und Pennsylvania war es etwa ein Drittel.

Sehr viele Demokraten

Was sich bisher sagen lässt: Vor allem die Demokraten sind heiß darauf, sich schnell Gehör zu verschaffen. Mehr als 52 Prozent aller bisher abgegebenen Stimmen kommen von Menschen, die als Anhänger der Partei registriert sind. Nur 25 Prozent hingegen kommen von Republikanern, der Rest entfällt auf Unabhängige. Das ist eine Trendumkehr. Bei früheren Wahlen hatten eher Republikaner die Möglichkeit zur früheren Wahl genützt. Und doch ist es für die Demokraten kein Grund zum Jubeln. Denn es entspricht nur dem, was ohnehin alle Umfragen schon vorausgesagt haben. Vor allem Anhänger Joe Bidens und seiner Vizekandidatin Kamala Harris sind es nämlich, denen die Angst vor dem Coronavirus zu schaffen macht – und vor allem sie sind es daher auch, die schon jetzt via Brief oder im vermeintlich leereren Wahllokal ihre Stimme abgeben wollten. Viele Republikaner hingegen glauben den Verschwörungstheorien, die Präsident Donald Trump in die Welt setzt: Brief- und Frühwahl seien nicht sicher, man solle erst am Wahltag abstimmen.

Demografen jedenfalls warnen davor, diese Daten für Vorhersagen zu verwenden. Sie fürchten vielmehr Verzerrungen am Wahltag. Eine Umfrage des Instituts Whitman Strategies hat jüngst die Stimmung im wichtigen Swing-State Pennsylvania erhoben. Unter jenen, die ihre Stimme vorzeitig abgeben wollten, lag Biden mit 74 zu 22 Prozent voran. Bei den Wahltagswählern aber führte Trump 64 zu 33. Weil in vielen Staaten – darunter Pennsylvania – die Urnenstimmen zuerst ausgezählt werden, könnten die ersten Zahlen also auf einen überwältigenden Sieg des Präsidenten hindeuten. Erst später würden sie sich ins Gegenteil verkehren.

Wetter- und Skandalschutz

Aber könnte der Vorwahlvorsprung am Ende doch von Vorteil sein? Zumindest schafft die Strategie Sicherheit, meint der Politikwissenschafter Michael McDonald, der sich seit Jahren mit "Early Voting" beschäftigt, auf seiner Homepage. Denn schon abgegebene Stimmen sind nun einmal sicher – ein Skandal knapp vor der Wahl, so wie die Affäre um Hillary Clintons E-Mails 2016, könnte dann nur weniger Schaden anrichten. Und auch sei man vor anderem Unbill gefeit. Schlechtes Wetter etwa könne die Wahlbeteiligung deutlich drücken, auch ein Anstieg der Corona-Zahlen könnte am 3. November für leerere Wahllokale sorgen als vermutet.

Doch Nachteile fürchten auch die Demokraten. Viele Bundesstaaten haben auf Betreiben der Republikaner ihre Regeln für die Briefwahl verschärft – und oft lassen sich schon jetzt neue Höchststände an abgelehnten Wahlkarten festmachen. In manchen Fällen lassen sich Fehler korrigieren. Aber oft sind die Stimmen schlicht verloren.

Bleibt ein letztes Detail, das wiederum für die Demokraten spricht: Unter all jenen Parteigängern, die Wahlbriefe angefordert haben, haben 30 Prozent der Demokraten diese schon retourniert – das gleiche gilt nur für 24 Prozent der Republikaner. (Manuel Escher, 21.10.2020)