Die Strapazen im Handel werden nicht gerade großzügig kompensiert.

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Sie wurden beklatscht und gefeiert. Von Heldinnen des Alltags war die Rede, als Kassiererinnen und Verkäuferinnen während des Lockdowns die Versorgung aufrechterhielten. Ausgezahlt hat sich das nicht: Die Lohnrunde im Handel endete in der Nacht auf Donnerstag überraschend schnell mit einer Anpassung der Gehälter um die Inflationsrate, also 1,5 Prozent. Das ist angesichts des niedrigen Einkommensniveaus in der Branche wenig und grenzt angesichts der Mehrbelastung der Beschäftigten an Hohn.

Wie konnte es dazu kommen? Nun, der Sektor mit mehr als 400.000 Angestellten ist mehr als heterogen aufgestellt. Große Konzerne und kleine Geschäfte werden ebenso über einen Kamm geschoren wie eine Vielzahl an Branchen, deren Rahmenbedingungen unterschiedlicher nicht sein könnten. Und deren Geschäftslage sich durch Corona noch dramatisch weiter auseinanderentwickelt hat. Während Drogerie- und Lebensmittelmärkte vom Lockdown ausgenommen waren, mussten Mode- oder Einrichtungshäuser die Rollbalken unten lassen.

Selbst nach dem "Comeback" gab es divergierende Trends. Während einige Branchen wie der Möbel- und Sporthandel Teile der Umsatzeinbrüche wettmachen konnten, darben viele Textil- und andere Geschäfte. Zudem haben die steigenden Onlinebestellungen manchen Arbeitgebern mehr, anderen weniger zugesetzt, einige konnten durch den Ausbau eigener E-Commerce-Angebote sogar reüssieren.

Mammutaufgabe

All diese Gegebenheiten in einem Kollektivvertragsabschluss abzubilden war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Handel zeigt – wieder einmal –, dass eine flexiblere Lohnfindung, die spezifische Entwicklungen besser berücksichtigt, notwendig ist.

Die Sozialpartner versuchten das karge Ergebnis durch Prämienmodelle zu lösen. Das ist gut gemeint, aber nicht ausreichend. Manche Verkäuferinnen dürfen nun auf einen Bonus von 150 Euro hoffen. Nein, da wurde keine Null vergessen. 150 Euro, und das nicht einmal verbindlich, sind der Dank für die zusätzlichen Strapazen der Corona-geplagten Handelsangestellten. Da sollten sich ein paar gutverdienende Konzernbosse, die in TV-Spots so gern die Wertschätzung ihrer Mitarbeiter in den Fokus rücken, dringend etwas einfallen lassen. Und deutlich tiefer in die Tasche greifen. Alles andere wäre ein Armutszeugnis. (Andreas Schnauder, 22.10.2020)