Im "Kommentar der anderen" im STANDARD vom 7. Oktober 2020 argumentiert Christian Fridrich, Professor für Geographische und Sozioökonomische Bildung an der Pädagogischen Hochschule Wien, warum es aus seiner Sicht kein Unterrichtsfach "Wirtschaft" braucht. Seine Argumente sollen hier genauer unter die Lupe genommen werden. Dabei wird deutlich werden, dass er mit denselben Argumenten wesentlich überzeugender für ein Unterrichtsfach "Wirtschaft" argumentieren hätte können. Oder, wie Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien, auf Twitter kurz und bündig Fridrichs Kommentar kommentierte: Der "Text beweist das Gegenteil".

Welche Argumente bringt Fridrich also vor?

Sie umfassen im Wesentlichen die folgenden fünf Punkte:

  1. Finanzielle Expertise kann auch auf Expertenseite mangelhaft sein.
  2. Auch in anderen Bereichen gibt es mangelhaftes Wissen.
  3. Wirtschaftstests erheben häufig nicht ökonomische Bildung und haben einen ideologischen Bias.
  4. Wirtschaftsunterricht, der auf Finanzwissen fokussiert, ist einseitig und monoparadigmatisch.
  5. Die derzeitige Wirtschaftsweise ist weder ökologisch nachhaltig noch fördert sie den sozialen Zusammenhalt.

Betrachten wir diese Punkte nun etwas genauer.

Kein eigenes Fach Wirtschaft, weil auch Experten Fehler machen?

Vor dem Hintergrund von Finanzkrise und "Firmendesastern" kommt Fridrich zunächst zu dem Schluss: "Finanzielle Expertise kann auch auf Expertenseite mangelhaft sein". Lassen wir mal beiseite, dass sich weder die Finanzkrise noch die Pleiten von wirecard oder Commerzialbank monokausal erklären lassen. Es stimmt natürlich, dass auch Experten Fehler machen, aber soll das tatsächlich ein Argument gegen ein Fach Wirtschaft sein, in dem man die Chance hätte, wesentliche wirtschaftliche Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären? Sollten wir den Kindern etwa auch keine Verkehrserziehung angedeihen lassen, weil auch gute Autofahrer Unfälle verursachen? Weil sogar Formel-1-Fahrer, die ja "Experten" sind, manchmal aus der Bahn geschleudert werden?

Vielmehr erkennen wir, dass alle davon profitieren, wenn alle eine gründliche und gut durchdachte Verkehrserziehung genießen und ihre Rechte und Pflichten kennen. Und so profitieren auch alle davon, wenn Kinder und Jugendliche über grundlegende wirtschaftliche Konzepte und Zusammenhänge anwendungs- und problemorientiert lernen. Eine umfassende Wirtschaftsbildung ist der beste Konsumenten- und Anlegerschutz, aber auch die beste Vorbereitung für ein späteres Leben als selbstständig oder unselbstständig erwerbstätige Person, als wahlberechtigte Person, als selbstbestimmte mündige Person, die reflektierte Entscheidungen trifft. Eine solche Wirtschaftsbildung braucht aber ausreichend Unterrichtszeit, die kontinuierliche Beschäftigung mit ökonomischen Fragestellungen und gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer.

Kein eigenes Fach Wirtschaft, weil das Wissen auch in anderen Bereichen mangelhaft ist?

Des Weiteren meint Fridrich, auch in anderen Bereichen wie Technik, Medizin, Recht oder Ökologie würde die Bevölkerung über mangelhaftes Wissen verfügen. Deswegen würde man auch nicht gleich einen neuen Unterrichtsgegenstand einführen. Will er damit sagen, wir sollten deswegen kein neues Fach einführen, weil wir ja auch keine anderen neuen Fächer einführen? Wenn Bildung und Lernen bedeuten, sich weiterzuentwickeln, sich zu verändern, um die sich verändernde Welt um sich herum verstehen zu können, warum soll dann das Bildungssystem, das dies ermöglichen soll, stets unverändert bleiben? Die Digitale Grundbildung und der geplante Ethikunterricht sind Beispiele dafür, dass es geht, wenn der politische Wille vorhanden ist. Warum also kein Fach für Inhalte, deren Bedeutung in den letzten Jahren stark zugenommen hat und von denen die Schülerinnen und Schüler selbst sagen, dass sie zu wenig davon in der Schule erfahren und sich dadurch nicht gut auf das Leben nach der Schule vorbereitet fühlen?

Kein eigenes Fach Wirtschaft, weil Wirtschaftstests Wissen messen?

Das nächste Argument Fridrichs lautet, dass bei vielen "Wirtschaftstests" nicht ökonomische Bildung erhoben werde, sondern wirtschaftliches Faktenwissen und mathematisches Verständnis. Die Untersuchungen, die ich kenne, erheben auch nicht den Anspruch, "ökonomische Bildung" allumfassend zu erheben. Man sollte aber die Bedeutung von wirtschaftlichem Faktenwissen und mathematischem Verständnis für ökonomische Bildung auch nicht kleinreden. Ohne sie ist ökonomische Bildung überhaupt undenkbar. Wer also zum Beispiel nicht weiß, was Inflation ist und welche Bedeutung sie für Konsum-, Spar- und Anlageentscheidungen hat (das wäre das "Faktenwissen"), und wer Probleme hat, den Verbraucherpreisindex richtig zu interpretieren (das wäre das "mathematische Verständnis"), der kann in meinen Augen nicht als ökonomisch gebildet gelten.

Dass in dieser Frage zum Beispiel auch einige Schulbücher für Geografie und Wirtschaftskunde keine geeignete Unterstützung für Lehrer und Schüler darstellen, komplettiert das Bild. Wenn etwa in einem Buch für die Unterstufe steht: "Ein 100-Euro-Schein ist bei einer Inflation von 3% nach einem Jahr nur noch 97 Euro wert", dann ist das inhaltlich falsch und fachdidaktisch misslungen. Denn tatsächlich ist der Schein noch 100 Euro wert, aber man kann mit 100 Euro – bezogen auf die im Warenkorb enthaltenen Güter – weniger kaufen als ein Jahr davor. Außerdem ist es rechnerisch falsch, denn man rechnet nicht 100-3=97, wie es hier suggeriert wird. Auf derselben Schulbuchseite wird in einer Überschrift die rhetorische Frage gestellt, ob der Euro ein Teuro sei. Beantwortet wird die Frage nicht, obwohl ein Blick auf die Inflationsraten seit der Euro-Einführung (im Vergleich zu den Inflationsraten in der Zeit davor) eine eindeutige Antwort erlauben würde.

Es gibt viele Argumente, die für ein eigenes Wirtschafts-Schulfach sprechen.
Foto: Getty Images/skynesher

Kein eigenes Fach Wirtschaft, weil in Wirtschaftstests eine Verständnisfrage zum Markt gestellt wird?

Im Zusammenhang mit den Wirtschaftstests moniert Fridrich auch, dass "Testkonstrukteure ihren ideologischen Hintergrund meist nicht offen(legen), der in vielen Fällen auf Marktfundamentalismus basiert und sich in der Gestaltung von Tests niederschlägt". Wie ideologisch ist die Frage nach dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf dem Markt? Da die Schülerinnen und Schüler in einem marktwirtschaftlichen System aufwachsen, sollten sie wohl lernen, was man unter "Markt" versteht; auch der Lehrplan sieht das vor. Warum soll dann eine Frage zu den Marktmechanismen ein Zeichen für Marktfundamentalismus sein? Ist ein Chemieprofessor, der im Unterricht Alkohole behandelt, automatisch ein Befürworter von Alkoholkonsum? Ist eine Physikprofessorin, die die Kernspaltung im Unterricht behandelt, automatisch eine Befürworterin der Atomkraft? Ist ein Biologieprofessor, der im Unterricht Empfängnisverhütungsmethoden erklärt, automatisch dafür, dass man diese auch anwendet? Ist also ein Wirtschaftsprofessor, der erklärt, was der Markt ist und welche Funktionen er erfüllt, automatisch ein Marktfundi? Ein unzulässiger Schluss! Und wohl auch kein Argument gegen ein eigenes Fach Wirtschaft.

Dass eine Analyse von vier verschiedenen Schulbuchreihen für die Unterstufe von GW zum Ergebnis kam, dass das Konzept des Marktes – wenn überhaupt – verkürzt dargestellt wird und die Prinzipien der Marktwirtschaft gar nicht erklärt werden, komplettiert auch hier das Bild.

Der Versuch, empirische Forschung zu Wirtschaftsbildung in der Schule ins "ideologische Schmuddeleck" zu stellen, schlägt also wieder fehl. Mich wundert, dass es noch immer versucht wird. Denn daran sind bereits Fridrichs Kollegen an der Universität Salzburg gescheitert, die ähnliche Kritik geäußert haben wie hier Fridrich: Falsche Behauptungen, die sie nur teilweise und für die Leserinnen und Leser intransparent korrigiert haben. Wie sorgfältig sind also die Analysen der Forschung zur Wirtschaftsbildung, wenn man sieht, wie Publikationen dazu gehandhabt werden? Und nicht zuletzt: Wie steht es denn um die eigene ideologische Färbung?

Kein eigenes Fach Wirtschaft, weil es nur auf Finanzwissen fokussieren würde?

Ein eigenes Fach "Wirtschaft" würde nicht – wie Fridrich fürchtet – "nur auf Finanzwissen fokussieren" oder nur die finanzielle Komponente von zum Beispiel Konsumentscheidungen adressieren. Ich kenne auch niemanden, der das ernsthaft fordern würde. Umfassende Wirtschaftsbildung ist nicht nur Finanzbildung (und Finanzbildung ist auch weit mehr als nur Finanzwissen), auch mehr als Verbraucherbildung, mehr als unternehmerisches Denken und Handeln; es umfasst natürlich auch wirtschaftsbürgerliche und wirtschaftsethische Aspekte. Wirtschaftsbildung ist so umfassend und inhaltlich facettenreich und komplex, dass es schwer nachvollziehbar ist, warum das im Fächerverbund mit Geografie besser gelingen soll als in einem eigenen Fach. Und warum gerade integriert in die Geografie und nicht in Geschichte oder Psychologie, die mindestens so viele Anknüpfungspunkte für wirtschaftliche Fragestellungen aufweisen wie die Geografie? Warum kombinieren wir nicht gleich auch Mathematik mit Physik und Bildnerische Erziehung mit Musikerziehung?

Natürlich gibt es Schnittmengen zwischen Fächern, deswegen ergeben sie aber nicht notwendigerweise ein gemeinsames Fach. Weil es eben noch kein Wirtschaftsunterricht ist, wenn in Geschichte die Abhängigkeit der Habsburger von der finanziellen Unterstützung durch die Familie Fugger thematisiert wird oder Phasen der Hyperinflation und der Börsenkrach in New York 1929 besprochen werden. Weil es eben noch kein Wirtschaftsunterricht ist, wenn in Mathematik Zinsen und Zinseszinsen berechnet werden oder in Psychologie ein Werbespot analysiert wird, um die beabsichtigte Beeinflussung der Zielgruppe genauer zu untersuchen.

Ebenso ersetzt es auch nicht den Mathematikunterricht, wenn im Wirtschaftsunterricht eine Effektivverzinsung berechnet wird, es ersetzt nicht den Englischunterricht, wenn ein englischer Text gelesen wird, und es ersetzt nicht den Geografieunterricht, wenn Wirtschaftsräume und internationaler Handel besprochen werden. Dass es Zusammenhänge zwischen den Disziplinen gibt, bestreitet ja niemand, und vernetztes Denken ist selbstverständlich wichtig, aber zuerst muss man das lernen, was es dann zu vernetzen gilt.

Kein eigenes Fach Wirtschaft, weil man Wirtschaft nicht personifizieren sollte und die derzeitige Wirtschaftsweise nicht nachhaltig genug ist?

Schließlich warnt Fridrich davor, in einem eigenen Fach die "Wirtschaft gar zu personifizieren ("Die Finanzmärkte reagieren nervös")".

Bei diesen Ausführungen stellt sich die Frage, welches Wirtschaftsverständnis Herr Fridrich selbst hat. Denn wenn er sich Sorgen macht, man würde die Wirtschaft "personifizieren", klingt das so, als ob das Wirtschaften, der sorgfältige und sparsame Ressourceneinsatz, die Arbeitsteilung und die Austauschbeziehungen, die das Wirtschaften ausmachen, nichts mit Menschen und ihren Handlungen zu tun haben. Wenn er von Finanzmärkten spricht, sollte ihm schon bewusst sein, dass hinter dem Angebot und der Nachfrage auf allen Märkten unzählige Menschen und ihre Entscheidungen und Handlungen stehen. Also können Märkte auch "nervös reagieren".

Fridrich sieht im Unterrichtsgegenstand Geografie und Wirtschaftskunde (GW) den richtigen Weg, Menschen dazu zu befähigen, ihre wirtschaftlich geprägten Lebenswelten zu gestalten, gesellschaftlich-wirtschaftliche Entwicklungen zu reflektieren und verantwortungsvoll zu handeln". Und er schließt mit dem kritischen Satz "Denn die derzeitige Wirtschaftsweise ist weder ökologisch nachhaltig, noch fördert sie den sozialen Zusammenhalt".

Wenn er die derzeitige Wirtschaftsweise kritisiert, interessiert nicht nur die Frage, welche Wirtschaftsweise denn seiner Ansicht nach besser wäre, sondern auch, warum er den GW-Unterricht als geeigneten Weg dorthin sieht. Wie kann es sein, dass nach über 50 Jahren GW-Unterricht unsere Wirtschaftsweise in diesem – seiner Ansicht nach – deplorablen Zustand ist? Und was macht ihn so zuversichtlich, dass das, was in den letzten über 50 Jahren GW-Unterricht nicht gelungen ist, in Zukunft gelingen würde? Spricht seine eigene Argumentation nicht eher für einen alternativen Weg?

Welche Argumente bringt Fridrich nicht, und warum nicht?

Noch viel interessanter als die Analyse der Argumente, die Fridrich bringt, sind die Argumente, die er nicht bringt:

Überzeugend wären etwa empirische Befunde über die positiven Effekte des GW-Unterrichts im Bereich der Wirtschaftsbildung. Solche legt er aber nicht vor, er erwähnt sie nicht einmal am Rande. Gibt es etwa keine?

Die Untersuchungsergebnisse von Rumpold (2018) und Szoncsitz (2019) zeigen jedenfalls, dass den Schülern genau das ganzheitliche, multiperspektivische Bild von Wirtschaft fehlt, für das Fridrich den GW-Unterricht als unerlässlich erachtet. Ja, sie sehen sich mehrheitlich nicht einmal als aktiver Teil der Wirtschaft. Und sie sind sich ihrer Defizite durchaus bewusst und wünschen sich mehr und anwendungsorientierten Wirtschaftsunterricht, denn sie fühlen sich auf das Leben nach der Schule unzureichend vorbereitet.

Überzeugend wären Befunde zur Zufriedenheit der Absolventinnen und Absolventen von GW-Lehramtsstudien mit ihrer wirtschaftsdidaktischen Ausbildung und zur curricularen Verankerung der Wirtschaftsthemen im GW-Unterricht. Wenn man aber sogar GW-Lehrerinnen und Lehrer trifft, die danach fragen, ob man nicht ein eigenes Fach für Wirtschaft einrichten könne, weil sie gern mehr Wirtschaft unterrichten wollen, und andere, die weniger Wirtschaft unterrichten möchten, meinen, ein eigenes Fach Wirtschaft würde ihnen nichts ausmachen, denn dann könnten sie sich wenigstens auf die Geografie konzentrieren, stellt sich die Frage, wie die tatsächlichen Befunde einer Akzeptanz- und Zufriedenheitsanalyse unter den Lehrerinnen und Lehrern aussehen würden.

Und sogar in der Ausbildung der zukünftigen GW-Lehrkräfte tätige Lehrende melden Zweifel an. So twitterte Martin Halla von der JKU, dass der Studienplan nur zwei bis drei Ökonomie-Kurse umfasst und Ökonomie in der Ausbildung der GW-Lehrerinnen und -Lehrer wohl einen geringen Stellenwert hat. Das erklärt, warum Fridrich auch nicht argumentierte, dass im Lehramtsstudium den wirtschaftsbezogenen Inhalten und der Wirtschaftsdidaktik so viele Stunden vorbehalten seien – man würde sich hier schon annähernd die Hälfte erwarten, wenn das Fach Geografie und Wirtschaftskunde heißt. So viele sind es aber bei weitem nicht. Eine große Herausforderung für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie Inhalte unterrichten sollen, für die sie wenig Ausbildung genossen haben.

So sind die Argumente, die Fridrich bringt, und noch viel mehr jene, die er nicht bringt, der beste Beleg dafür, dass Martin Kocher recht hat: Fridrichs Kommentar beweist genau das Gegenteil von dem, was er behauptet: Offensichtlich braucht es ein eigenes Fach Wirtschaft. (Bettina Fuhrmann, 27.10.2020)

Bettina Fuhrmann ist Professorin für Wirtschaftspädagogik an der WU Wien und Vorständin des Instituts für Wirtschaftspädagogik. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wirtschaftsbildung mit dem Schwerpunkt Finanzbildung, Wirtschaftsdidaktik, Kompetenzentwicklung, Unterrichtsqualität und -evaluation.
Foto: privat