Am Ende ging die zweite TV-Debatte zwischen Trump und Biden wohl unentschieden aus.

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Diese Debatte, schrieb Donald Trump am Freitag in einer E-Mail, werde in die Geschichtsbücher eingehen. Er habe deutlich gemacht, was am Wahltag auf dem Spiel stehe: Entweder werde Amerika weiter vorankommen auf dem Weg zu wahrer Größe – oder aber in den Sozialismus taumeln, zu verantworten von Joe Biden und Kamala Harris.

Es ist eine Interpretation, die am Freitag kein seriöser Kommentator auch nur annähernd teilt. Der Präsident, zieht Matthew Dowd ein nüchternes Fazit, habe sich diesmal, anders als beim ersten Aufeinandertreffen Ende September, nicht wie ein Elefant im Porzellanladen benommen. "Das heißt aber nicht, dass er gewonnen hat. Biden lag in den Umfragen vorn, bevor beide ins Scheinwerferlicht traten – und als die Scheinwerfer ausgingen, hat sich daran nichts geändert."

Dowd war einst Berater George W. Bushs – seine Meinung hat Gewicht. Und so, wie er das Duell einschätzt, sehen es am Freitag auch die meisten neutralen Beobachter: Dem Amtsinhaber sei es nicht gelungen, den Herausforderer aufs Glatteis zu führen oder irgendetwas zu tun, womit er im Wahlkampf zur Aufholjagd blasen könnte.

"Bestenfalls ein Remis"

Der Versuch, Biden als eine Art frühdementen Greis zu porträtieren, scheiterte daran, dass der 77-Jährige bei jedem Schlagabtausch Paroli bot, über gut 90 Minuten, ohne sich abseits einiger Versprecher zu verhaspeln. "Er ist nicht ins Straucheln gekommen, und das war im Grunde schon alles, was er beweisen musste", urteilt Charlie Cook, Verfasser vielgelesener Wahlprognosen.

"Bestenfalls hat Trump ein Remis erreicht", schreibt der Kolumnist Dan Balz in der Washington Post. Um auf der Zielgeraden des Rennens aufzuholen, hätte er allerdings zu einem furiosen Endspurt ansetzen müssen. Immerhin, fügt Balz hinzu, habe man diesmal eine echte Diskussion erlebt, die klare Kontraste in Philosophie und Programm erkennen ließ.

Beherrschter – aber nicht effizient

Gewiss, er wirkte beherrschter als beim ersten Aufeinandertreffen, das ganz im Zeichen persönlicher, beleidigender Attacken stand. Bei Wählern, die im Grunde nicht viel auszusetzen haben an seiner Politik, ihm aber seine verbalen Schläge unter die Gürtellinie verübeln, konnte er vielleicht sogar Punkte sammeln. Doch das entscheidende Argument, das seinen Rivalen in Verlegenheit hätte stürzen können, der Schlüsselsatz, der das Blatt vielleicht zu seinen Gunsten gewendet hätte, war von ihm am Donnerstagabend nicht zu hören. Und Biden, der kein Meister der Debattenbühne ist und im Alter von 77 Jahren bisweilen die nötige Schlagfertigkeit vermissen lässt, hat sich weder einen Aussetzer geleistet noch Trump größere Angriffsflächen geboten. Am Ende ging es wohl unentschieden aus, für den Amtsinhaber wahrscheinlich zu wenig, um dem Herausforderer den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Für einige US-Wähler ändert das gestrige Duell aber ohnehin nichts mehr, da sie ihre Stimme schon abgegeben haben. Zehn Tage vor der Wahl haben das in diesem Jahr sogar schon mehr Menschen getan, nämlich 47,095 Millionen, als 2016 insgesamt bis zum Wahltag. Es zeichnet sich also eine Rekordwahlbeteiligung ab.

Die TV-Debatte zwischen Trump und Biden in gesamter Länge.
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Dass das Duell diesmal nicht zu einem Schreiduell ausartete wie bei der Premiere Ende September, dass es über weite Strecken um inhaltliche Substanz ging, war nicht zuletzt der Moderatorin zu verdanken. Kristen Welker, Korrespondentin des Senders NBC im Weißen Haus, brachte mit ihrer resoluten Art Ordnung in ein Streitgespräch, dass angesichts angespannter Nerven leicht hätte entgleisen können.

Coronavirus im Mittelpunkt

Erwartungsgemäß ist die Pandemie das Thema, das gleich zu Beginn im Mittelpunkt steht. Biden wirft Trump einmal mehr vor, die Gefahr heruntergespielt zu haben, wider besseres Wissen, trotz überdeutlicher interner Warnungen. Und noch immer, betont er, habe das Oval Office keinen Plan, wie es mit einer Krankheit umgehe, die 220.000 Amerikaner das Leben gekostet habe. "Wer für so viele Tote Verantwortung trägt, sollte nicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben", wettert er und warnt davor, Trumps optimistischen Szenarien zu glauben. Was seine Landsleute erwarte, sei ein dunkler Winter. Ein Impfstoff werde vor Mitte 2021 nicht zur Verfügung stehen, man möge die nüchterne Wahrheit zur Kenntnis nehmen, statt sich Illusionen zu machen.

Die Pandemie werde verschwinden, wiederholt Trump sein Mantra. Mit einem Vakzin sei möglicherweise noch vor Ende des Jahres zu rechnen. Nein, er glaube keineswegs, dass man einen dunklen Winter ansteuere, "wir sind ja dabei, unser Land wieder zu öffnen, wir lernen, mit dem Virus zu leben". Darauf Biden: "Wir lernen, mit ihm zu sterben".

Geschäfte im Ausland und Steuerfragen

Dann die Attacken, der Versuch Trumps, den ehemaligen Vizepräsidenten als einen Politiker zu porträtieren, der sich seines Amtes bedient habe, um sich massiv zu bereichern. Zum einen unterstellt er ihm, von Geschäften seines Sohnes Hunter in China profitiert zu haben. Zum anderen behauptet er, ohne Beweise zu nennen, die Familie Biden habe 3,5 Millionen Dollar von der Frau des Moskauer Bürgermeisters kassiert. Sein Rivale antwortet, statt auf Details einzugehen, mit einem Satz, mit dem er gleichsam den Stecker zu ziehen versucht: "In meinem ganzen Leben habe ich nicht einen Penny von einer ausländischen Quelle angenommen".

Trump, kontert er, besitze dagegen ein geheimes Bankkonto in China, bis heute habe er – im Unterschied zu allen US-Präsidenten seit Richard Nixon – nicht eine einzige seiner Steuererklärungen offengelegt. "Was haben Sie zu verbergen?" "Geben Sie Ihre Steuererklärungen frei. Oder hören Sie auf, über Korruption zu reden."

"Das ist kriminell"

Für Nichtamerikaner vielleicht am aufschlussreichsten ist der Schlagabtausch, den sich beide zur Außenpolitik liefern, konkret: zum Umgang mit Nordkorea. Biden wirft Trump vor, sich bei Nordkoreas Machthaber Kim Jong einzuschmeicheln, bei einem Gangster, wie er den Autokraten nennt, ohne dem strategischen Ziel der USA, der nuklearen Abrüstung Pjöngjangs, auch nur ein Stück näher gekommen zu sein. Er habe, entgegnet Trump, Amerika weggelotst vom Abgrund eines Nuklearkrieges mit Nordkorea, während sein Vorgänger Barack Obama das Land noch als größte Bedrohung charakterisiert habe. "Gute Beziehungen zu Führern anderer Länder zu haben ist eine gute Sache", sagt er, worauf Biden sarkastisch erwidert: "Wir hatten ein gutes Verhältnis zu Hitler, bevor er den Rest Europas überfiel".

Johannes Marlovits von der "ZiB"-Auslandsredaktion analysiert das zweite Wahlduell zwischen Donald Trump und Joe Biden.
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Emotional wird es, als um Kinder geht, die auf Weisung Trumps von ihren Eltern getrennt wurden, nachdem sie in deren Begleitung – ohne gültige Einreisepapiere – über die Grenze aus Mexiko gekommen waren. In über 500 Fällen, berichten amerikanische Medien, sind die Minderjährigen auf sich allein gestellt, weil es den Behörden bislang nicht gelungen ist, ihre Eltern ausfindig zu machen. Während Trump auf angeblich intensive Bemühungen verweist, um die Familien wieder zusammenzubringen, spricht Biden von den sträflich missachteten moralischen Werten Amerikas. "Diese Kinder sind allein, sie wissen nicht, wohin", legt er den Finger in die Wunde. "Das ist kriminell. Es ist kriminell." Es ist ein Moment, einer von mehreren, der ihn deutlich besser aussehen lässt als den Mann, den er am 20. Januar im Weißen Haus ablösen will. (Frank Herrmann aus Washington, 23.10.2020)