Ultraorthodoxe jüdische Gemeinden waren bisher von der Corona-Pandemie in Israel besonders hart betroffen.

Foto: AP / Oded Balilty

Freitagnachmittag, am Markt in Jerusalem. Neben überreifen Feigen türmen sich riesige Mangos. "Die sind aber noch grün", sagt ein Kunde und dreht die Frucht in der Hand. "Ja, aber köstlich", ruft der Verkäufer. "Aber ein bisschen hart", sagt der Mann. "Aber köstlich", beharrt der Verkäufer. Der Kunde legt die Mango zurück. Er interessiert sich für die Bananen, aber dort drängt es sich.

Es ist wenig Platz in dem kleinen Marktlokal. Vor dem Lockdown war die Ware auf großen Tischen ausgebreitet, jetzt hingegen drängt sich alles im Inneren des Marktstands. Logisch? "Nein, verrückt", sagt der Verkäufer, "aber von irgendetwas muss ich ja leben." Da die Ware nun drinnen aufgestellt ist, betreibt er offiziell keinen Marktstand, sondern einen Lebensmittelshop – und Letztere sind, anders als Erstere, vom Lockdown ausgenommen.

Beeindruckende Bilanz

Bald sei dieser Spuk aber hoffentlich vorbei, sagt der Mann. Israel, das Pionierland, das sich vor allen anderen in den zweiten Lockdown begeben hat, wagt sich aus diesem nun zaghaft wieder heraus. Seit Sonntag gilt die Ausgangssperre nicht mehr, Kindergärten sind geöffnet. Anfang November könnten dann auch die Schulen des Landes wieder öffnen.

Die Bilanz des Lockdowns ist durchaus beeindruckend: In nur vier Wochen sind die Infektionszahlen drastisch gesunken, von 9000 neuen Fällen pro Tag auf zuletzt knapp 900 bestätigte Fälle. Auch die Zahl der schweren Verläufe ist deutlich zurückgegangen. Jene Stimmen, die zu Beginn des Lockdowns scharfe Kritik an der Regierung geäußert haben, sind diesbezüglich jetzt auffallend still. Kaum jemand hätte erwartet, dass die Restriktionen so schnell Wirkung zeigen.

Zweifel an Sinnhaftigkeit der Maßnahmen

War der Lockdown also ein Erfolg? Im Gegenteil, sagt Epidemiologe Ran Balicer. Der Lockdown habe den Blutfluss gestoppt, aber die Ursache der Blutung nicht behoben, so sein Vergleich. Israel habe nach wie vor mit denselben Problemen zu kämpfen, die der zweiten Welle ihre Wucht verliehen hatten. Vor allem mit einem eher schütteren Vertrauen der Menschen in die Kompetenz der Politik.

Es gibt deutliche Zweifel daran, dass die verhängten Maßnahmen sinnvoll sind – und es gibt auch wenig Lust, sich an diese zu halten. Laut Untersuchungen ignorieren fast vierzig Prozent jener Menschen, die zur Quarantäne aufgefordert wurden, diese Anweisung. Und wenige zeigen sich kooperativ, wenn es darum geht, Infektionsketten nachzuvollziehen: Im Durchschnitt gibt jede infizierte Person nur drei Namen von potenziell Gefährdeten an – also von Menschen, mit denen man in den zwei Wochen vor der eigenen Diagnose in engem Kontakt stand.

Womöglich weniger Tests unter Ultraorthodoxen

Selbst die erfreulichen Infektionszahlen rufen bei manchen Experten Stirnrunzeln hervor. Niemand kann sich verlässlich erklären, warum die Infektionen nach Beginn des Lockdowns so rasant zurückgingen. Manche äußern Zweifel, ob die Daten überhaupt das wahre Bild der Lage widerspiegeln.

"Es gibt Vermutungen, dass Ultraorthodoxe sich jetzt weniger testen lassen", sagt Ronit Calderon-Margalit von der Hebrew University. "Sie wollen nicht mehr als Problemgruppe dastehen." Wirklich beweisen ließe sich diese These nicht, "wir wissen das eher vom Hörensagen", gesteht die Epidemiologin. Allerdings fußten diese Gerüchte auf Aussagen von Angestellten der Teststationen, die Veränderungen bei der Durchmischung ihrer Testpatienten beobachten.

Hochzeitsfeiern im Visier

Dazu kommt, dass sich manche ultraorthodoxe Gemeinden ein eigenes medizinisches Hilfsnetzwerk eingerichtet haben: mobile Teams, die nach Hause kommen und Corona-Kranke behandeln. Diese Patienten tauchen dann weder in der Teststatistik noch in den Krankenhäusern auf. Das Kalkül dahinter: Die betroffenen ultraorthodoxen Gemeinden senken auf diese Art das Risiko, im Ampelsystem als "rote Stadt" eingestuft zu werden und sich einem neuerlichen Lockdown unterziehen zu müssen.

Auch in der Mehrheitsbevölkerung schwindet die Lust, sich Einschränkungen zu unterwerfen. So nutzen etwa nicht wenige Verlobte die letzten milden Oktobertage, um sich trauen zu lassen, und nicht immer bleibt es dabei bei Zusammenkünften im engsten Familienkreis. Immer wieder spürt die Polizei via Helikopter große Hochzeitsgesellschaften auf Dachterrassen oder diversen Grundstücken auf. So auch am Donnerstag: Eine Hochzeitsparty mit 300 Gästen wurde unweit von Tel Aviv polizeilich aufgelöst. "Wenn das so weitergeht", befürchtet Epidemiologe Ran Balicer, "dann verlieren wir alles, was wir erreicht haben." (Maria Sterkl aus Jerusalem, 24.10.2020)