Macron mit Fußabdruck: Ein Kind hält ein Foto des französischen Präsidenten während eines Protests gegen Frankreich in Istanbul vergangenen Sonntag in der Hand.

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Für seine Aussage, der Islam sei in der Krise, ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in islamisch geprägten Ländern zum Hassobjekt geworden, und alles Französische gleich mit. Nun kann man nüchtern feststellen, dass sich Menschen, die nicht tiefer reflektieren können oder wollen als der sprichwörtliche Stier angesichts des roten Tuchs, eben leicht mobilisieren lassen. Dem türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan passt die Gelegenheit bestens in sein politisches Konzept: Er kann gegen Macron hetzen, der die Speerspitze der – sogar militärisch aktiven – Türkei-Eindämmungspolitik im Mittelmeer und darüber hinaus ist. Und er kann in der islamischen Welt zeigen, dass die Türken – und nicht die Araber – die wahren Verteidiger der Ehre des Propheten sind.

Nicht nachhaltige Reflexion

Ja, es handelt sich um Politik, aber die immer wieder gleichen Bilder von wütenden Muslimen, die den Anlass für Macrons Worte – nichts weniger als die Enthauptung eines französischen Lehrers durch einen Islamisten – völlig ausblenden, machen deshalb um nichts weniger betroffen. Als der "Islamische Staat" die halbe Welt mit seinem Terror überzog, schien ein Moment der innerislamischen Reflexion darüber gekommen zu sein, dass eine Religion, auf die sich diese Schlächter beriefen und damit Gefolgschaft generierten, ein Problem habe. Diese Reflexion war nicht nachhaltig. Und was jetzt geschieht, stärkt auf der anderen Seite wiederum jene, für die "der Islam" immer so war und immer so sein wird. (Gudrun Harrer, 26.10.2020)