Manche Plätze sind nicht fürs Leben gemacht. Plattenbauten zum Beispiel. In einen solchen ziehen Jaschek Grundmann und sein Sohn Juri in der Serie "Hausen". Die Horrorserie wird ab dem 29. Oktober täglich ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic HD ausgestrahlt. Die komplette Staffel ist zudem auf den mobilen Plattformen Sky X sowie über Sky Q verfügbar.

Jaschek muss als Hausmeister erkennen, dass sich hier nicht nur jede Menge kaputte Existenzen aufhalten, sondern das Bauwerk selbst mehr Störungen aufweisen kann als eine defekte Heizung. Es lebt! Hausen ist ein finsteres Kammerspiel in acht Folgen, geschrieben von Till Kleinert und Anna Stoeva. Regie führte Thomas Stuber. Hausmeister Jaschek, der sich dem Sog des bösen Hauses nicht entziehen kann, spielt der Deutsche Charly Hübner.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt: Mein größter Wunsch ist bis heute, dass man etwas nachempfindet, das man selbst nicht erlebt. Ein starkes Motiv fürs Schauspielen – war das der Grund für "Hausen"?

Hübner: Na ja, das ist sicher einer der Gründe. Das Genre Horror kannte ich nur vom Schauen – und in "Hausen" gab es Aufgaben, von denen ich nicht wusste, wie ich sie umsetzen sollte: "Fällt kreischend und am ganzen Leib zitternd zu Boden", schreibt sich leicht, aber mach das mal sechs Stunden. Wie motiviert man das? Was sind die inneren Bilder? Ich fand das Setting den größten Reiz – diese Kargheit, diese Unklarheit, wo es hinwill.

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STANDARD: Besonders auffallend ist die Dunkelheit. Dass Sie mitspielen, sieht man eigentlich erst in der zweiten Folge. Wie spielt man Finsternis?

Hübner: Zum Spielen wurde eine helle Dunkelheit erzeugt. Die Szenen unten im Keller waren aber tatsächlich sehr düster. Und obwohl sich das Auge schnell daran gewöhnt, hatte ich eine Taschenlampe. Worüber ich wegen der Szenen mit der schwarzen Paste froh war.

Das Haus hat ein Loch, daraus kommt nichts Gutes.

STANDARD: Klingt speziell.

Hübner: War es auch. Auf dem Boden war diese Flüssigkeit extrem rutschig, am Körper klebte sie wie zäher Kaugummi. Ich musste für eine Szene fast komplett in dieser Flüssigkeit liegen. Um mich danach für die Dusche zu präparieren, brauchte ich 15 oder 20 Handtücher, um das Zeug grob von mir abzukriegen.

STANDARD: Hoffentlich war es wenigstens geruchfrei.

Hübner: Es roch nach Kirschmarmelade.

STANDARD: Und was sagt uns der Batz? Die braune Kloake kommt wieder hoch?

Hübner: Interessante Interpretation, das höre ich zum ersten Mal.

STANDARD: Wirklich? Die Nazis im 88. Stockwerk? Der Hausmeister sagt: "Ich tu nur meine Pflicht."

Hübner: Wenn es um den Terminus "psychologische Kloake" geht, würde ich das sofort unterschreiben. In diesem Haus gibt es aber noch ganz andere Bewohner, und um die geht es für mich. Weil wirklich jeder und jede hier hat einen ungelösten Konflikt. Die Einzigen, die mit sich im Reinen sind, sind die in der 88. Etage. Die glauben an Reinheit, an Gott, bei ihnen ist die Welt noch in Ordnung. Bei allen anderen ist sie das nicht. Es geht um Schuldempfinden, Scham – das wäre für mich ein Sinnbild für die Kloake.

STANDARD: Wobei Hausmeister Grundmann eine Wandlung durchläuft – ähnlich wie in "Shining". Haben Sie etwas von Jack Nicholson abgeschaut?

Hübner: Natürlich war "Shining" assoziativ ein Thema. Aber so tolle Kollegen will man gar nicht kopieren. Bei uns war die allgegenwärtige und doch verborgene Traurigkeit der Schlüssel zu allem. Es macht etwas mit einem, wenn man sich die Traurigkeit und die innere Schuld verbietet. Dann kommt man automatisch in dieses Maulfaule.

Juri (Tristan Göbel, Mitte) kämpft für das Gute und will die Sache retten. Leicht ist das nicht.

STANDARD: Traurigkeit zieht Sie an, sagten Sie ebenfalls in einem Interview.

Hübner: Weil sie immer weniger stattfinden darf. Mich hat als Kind schon fasziniert, wenn Traurigkeit aus Menschen herausbricht – Mütter, Lehrer, irgendwann dann auch Männer, die weinten. Das ist schauspielerisch reizvoll, ebenso übrigens wie die Gegenfrage, wie fühlt sich jemand im innersten Kern total glücklich, und wie sieht das aus? Springe ich wie ein Trottel durch den Garten? Oder sehe ich mich bei einem wolkenlosen Sonnenuntergang auf einer sehr schönen grünen Wiese. Alles ist in einem komischen, falschen Ideal.

STANDARD: Welche Musik haben Sie gehört?

Hübner: Die ersten Symphonien von Henryk Mikolaj Górecki, dazu Stücke der niederländischen Cellistin Mayke Rademakers waren die beiden Hauptquellen. Dann natürlich – Penderecki, Kancheli, Schostakowitschs 10.

STANDARD: Mit der Musik bringen Sie sich in Stimmung, es geht also nicht um Entspannung?

Hübner: Ich glaube, das bringt eine innere Konzentration mit sich. Es fühlte sich beim Drehen immer wie ein Drahtseilakt an, besonders in den ersten Szenen. Alles sieht so harmlos aus, aber du hast den Dollyfahrer, den Kameramann, den Schauspieler in einem sehr engen Gang. Da ist es gut, wenn man sich nicht vorher halligalli ablenkt. Wir haben in einem alten Regierungskrankenhaus der DDR am Rande von Berlin gedreht, in einem Komplex, der seit 25 Jahren nicht mehr belebt ist. Große Teile sind nicht mehr begehbar, weil sich Mikrofasern aus den Wänden lösen. Unser Teil wurde vor dem Dreh gereinigt. Wir waren aber in einem Funkloch, so dass man sich nebenher nicht mit der Welt befassen konnte.

Charly Hübner ist in einem Haus voller Bosheiten gelandet.

STANDARD: Die Serie gibt es, weil sich Menschen gern fürchten. Können Sie das nachvollziehen?

Hübner: Genau weiß ich es auch nicht. Im Laufe eines Films schaue ich das immer handwerklicher an. Früher habe ich als Kind über VHS-Kassetten aus dem Westen Freddy Nightmare gemocht, die Zerlegung der kleinbürgerlichen Fantasien aus Amerika. Der Film, der für mich als grauenhafteste Empfindung in Erinnerung habe, ist "Sumpf des Grauens", wo ein Stromkabel in einen Sumpf fällt, und dann kommen abertausende Würmer aus dem Sumpf und zerlegen ein ganzes Dorf. Am Ende saß da ein Kind auf einem völlig abgenagten Baumskelett. Ich komme vom Land, und das hat mich wirklich berührt. Oder sehr gruselig fand ich mit 14 auch "Der Name der Rose". Ich glaube, sich diesen Filmen hinzugeben, ist eine Art Umweg, um sich vor etwas Schrecklichem zu wappnen, um es positiv zu beschreiben. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es Menschen gibt, die einfach nach dem Kick suchen – so wie Achterbahn fahren.

STANDARD: Horrorserien sind für Deutschland kein typisches Format. Typisch ist der Krimi. Sehen Sie es als positiv, dass zum Krimi der Horror dazukommt?

Hübner: Krimis haben wir wirklich viele. An Mystery und Horror fand ich immer schon die Metaebene spannender, das, was uns ausmacht.

Charly Hübner spielt in der Horrorserie "Hausen" von Sky, ab Donnerstag.
Foto: Reuters / Axel Schmidt

STANDARD: Wie beeinflusst Corona Ihre Entscheidung für ein Drehbuch?

Hübner: Gar nicht. Corona ist jetzt da und fordert viel, ein Drehbuch fordert etwas ganz anderes. Im Lockdown kamen wir auf die Idee zu einem Film mit Jan Georg Schütte. Es ist eine Art Impro-Comedy als Roadmovie, und es geht um einen Vorwurf, der nicht haltbar ist. Und in Corona-Zeiten taucht die Frage auf: Wie soll man das drehen? Die ARD unterstützte uns. Der Film heißt "Die Clique von 1990" und kommt im Jänner 2021. Es ging grundsätzlich eher um die formale Aufgabenstellung, dass man durch den Lockdown in so ähnliche Stillen kommt wie die Figuren in der Serie, konnte man nicht ahnen.

STANDARD: Was bedeutet für Sie ein zweiter Lockdown, so er käme?

Hübner: Ich weiß, dass ich das Virus nicht haben möchte, darauf achte ich auch. Das ist die einzige Richtlinie, die ich habe, um meine Familie und mich gut durchzukriegen. Und in der Arbeit werden wir immer wieder Formate, Räume, Setzungen finden, die uns weitermachen lassen. (Doris Priesching, 29.10.2020)

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