Negative Kommentare, herablassende Blicke, ungebetene Ratschläge oder ganz einfach Besserwisserei. Mütter sind heutzutage nicht nur im Alltag, sondern auch im Internet Zielscheibe von Mom-Shaming.

Foto: Getty Images/triocean

Katharina Pommer ist fünffache Mutter. Für ihre Großfamilie wurde sie immer wieder kritisiert. "Zu dumm zum Verhüten" oder "du wirst als Putzfrau enden", waren nur eine der wenigen Beleidigungen, die sie sich anhören musste. Heute weiß die Familientherapeutin, Unternehmerin und Buchautorin aber, dass das Mobbing, das sie erfahren hatte, kein Einzelfall war. "Mütter werden kritisiert, weil sie das Kind mit Kaiserschnitt zur Welt bringen oder es nicht stillen. Sie werden aber auch beschämt, wenn sie das kleine Kind in Fremdbetreuung geben oder auch, wenn sie lieber nur daheim sind und nicht in den Job zurückkehrt", sagt sie.

Mom-Shaming sei ein gesellschaftliches Problem, das täglich stattfinde. Auf dem Spielplatz, in der Arbeit, in Social-Media-Foren, in Mütterrunden, durch Verwandte. Im Interview mit dem STANDARD spricht Pommer darüber, wie Mütter oft ganz nebenher für ihre erzieherischen Entscheidungen oder ihren Umgang mit ihren Kindern verurteilt oder in Frage gestellt werden, welche Rolle das Internet und Social Media dabei spielen und wie sich Mütter gegen das Mobbing wehren können.

STANDARD: Frau Pommer, in welcher Form haben Sie persönlich erstmals Mom-Shaming erfahren?

Pommer: Ich bin im jungen Alter von 19 Jahren ungeplant Mutter geworden. Das allein reicht aus, um massiv kritisiert und verurteilt zu werden. Damals stand ich kurz vor der Matura, und für viele war es völlig unverständlich, dass ich das Kind wirklich bekommen möchte. Mir wurde zur Abtreibung geraten, doch ich freute mich auf das Baby und war mir sicher, dass ich Matura und Studium dennoch bewältigen werde. Mein damaliger Matheprofessor sagte zu mir: "Eines sage ich Ihnen: Eine Mutter macht bei mir keine Matura." Gemacht habe ich sie dennoch. Mit Baby.

STANDARD: Nun sagen Sie aber, dass Mom-Shaming etwas ist, dass fast jede Mutter irgendwann einmal erfährt. Können Sie Beispiele nennen?

Pommer: Mom-Shaming ist ein Phänomen, das Mütter rund um den Globus trifft. Klassiker sind: "Wie kannst du deinem Baby bloß das Fläschchen geben, weißt du denn nicht dass Stillen das Beste ist?" Oder: "Dein Baby ist schon über ein Jahr alt, willst du nicht endlich abstillen, du ziehst hier ja ein Muttersöhnchen heran!" Ein anderes Beispiel: "So früh möchtest du das Kind schon in den Kindergarten geben? Ein kleines Kind gehört zur Mutter." Und dann heißt es wieder: "Wegen eines Kindes verzichtest du nun auf deine Karriere? Wofür hast du denn studiert?" Die Liste solcher übergriffigen Kommentare ist unendlich. Es ist unfassbar, wie wenig Empathie Müttern oft entgegengebracht wird.

STANDARD: Vor allem im Job hört man immer wieder davon, dass Frauen, die Mütter geworden sind, nicht mehr ernst genommen werden oder Nachteile erfahren ...

Pommer: Genau, wirtschaftliche Beschämungen sind schon lange ein Thema. Einige Personaler mobben Mütter sogar subtil aus der Teilzeitstelle, weil sie das Unternehmen mehr kosten als eine Vollzeitstelle. Fakt ist, dass nur 30 Prozent aller Mütter nach der Babyzeit wieder in Vollzeit arbeiten. Beim Vorstellungsgespräch hören Mütter auch mal folgende Sätze: "Haben Sie Kinder oder sind Sie alleinerziehend? Denn wissen Sie, wir stellen ungern Frauen ein, die ihre Arbeit vernachlässigen." Als würde Mutterschaft automatisch bedeuten, man könne seine Arbeit nicht adäquat bewältigen. Da müssen dringend neue Modelle her.

STANDARD: In Österreich ist es im Rahmen eines Bewerbungsgesprächs zumindest unzulässig, nach den Kindern zu fragen.

Pommer: Das mag sein, doch Arbeitgeber finden mit Sicherheit andere Wege, um dies in Erfahrung zu bringen. Wenn ein Arbeitgeber kategorisch Mütter oder Alleinerzieherinnen ausschließt, dann ist das Diskriminierung, aber im Endeffekt wird er deswegen keinerlei Konsequenzen erfahren. Da gehört eben etwas getan!

STANDARD: Hat Corona die Situation noch weiter verschärft?

Pommer: Den Betrieben geht es jetzt großteils wirtschaftlich nicht gut, und sie wollen bei einer Personaleinstellung mit einer Mutter kein Risiko eingehen. Vor allem, die plötzlichen Kindergarten oder Schulschließungen haben viele abgeschreckt. Ich hoffe, die Corona-Zeit bewirkt zumindest, dass immer mehr Homeoffice-Stellen zur Normalität werden und Fremdbetreuungsmöglichkeiten gewährleistet werden.

STANDARD: Werden eigentlich auch Väter geshamed?

Pommer: Natürlich! Allein die Tatsache, dass viele Richter immer noch automatisch den Müttern die Kinder im Rechtsstreit zusprechen, zeigt, dass viele in der Annahme sind, Väter wären weniger gut für die Kinderbetreuung geeignet. Dem ist aber nicht so. In meinem Buch kläre ich als Bindungstherapeutin anhand von Studien darüber auf, dass Väter genauso gut wie Mütter für ihre Kinder sorgen können.

STANDARD: Dennoch spricht man immer nur von "Mom-Shaming".

Pommer: Mütter trifft das Mobbing viel härter als Väter. Das beginnt schon in der Schwangerschaft. Als wüssten sie plötzlich auf magische Weise alles über Kinder und müssten deswegen die perfekte Mutter sein. Ein prominentes Beispiel war Herzogin Kate, als sie sich mit ihrem frisch geborenen Baby zeigte, da hieß es gleich: "Die kann ja nicht mal ihr Baby richtig halten." Von Vätern verlangt man nicht, dass sie alles richtig machen. Dennoch werden wie gesagt auch Väter kritisiert. Etwa, wenn sie statt der Mutter in Karenz gehen und damit einige Zeit lang auf den Job verzichten oder sich gar dazu entschließen, die Rollen gänzlich zu tauschen, dann heißt es häufig: "Fühlst du dich überhaupt noch als vollwertiger Mann?".

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei eigentlich Instagram und Co?

Pommer: Die scheinbar perfekte Super-Mom auf Instagram, bei der immer alles glatt läuft, verursacht Druck bei Müttern. Sofort fühlt man sich schlecht und als Versagerin, wenn sich zu Hause die Wäscheberge türmen, man einmal nicht frisch kocht oder man mit fettigen Haare und in Jogginghosen das schreiende Baby durch die Wohnung trägt. Auch dies ist eine subtile Form des Mom-Shamings. Denn selten zeigen Influencerinnen oder Promimütter die Nannys, Haushälterinnen oder auch stressigen Zeiten in ihrem Leben.

STANDARD: Doch das Internet kann auch ein Segen für Eltern sein. Schließlich gibt es Müttergruppen und Foren zum Informieren und Austauschen.

Pommer: Die zahlreiche Blogs, Social-Media-Gruppen und Foren zu allen möglichen Themen können natürlich sehr praktisch und unterstützend sein. All diese Dinge haben aber auch eine Kehrseite: Der Ton in Müttergruppen wird immer harscher, und heiß diskutierte Themen wie Impfen, Babyschlaf oder Kaiserschnitt gleichen schnell einem verbalen Kriegsschauplatz, der völlig ausufern kann.

STANDARD: Von Krieg, nämlich "Mom Wars", sprechen Sie auch in Ihrem Buch. Wie kann das sein, dass nicht zumindest Mütter untereinander zusammenhalten?

Pommer: Heutzutage sind Mütter mit zahlreichen Anforderungen und übermenschlichen Erwartungen konfrontiert. Sie sollen arbeiten gehen, aber nicht zu viel, weil sie sonst als Rabenmutter gelten. Sie sollen den Haushalt machen, sich pflegen, aber beides bitte nicht zu sehr, weil sie vermutlich ansonsten ihr Kind vernachlässigen. Sie sollen sich um die Hausaufgaben und Hobbys der Kinder kümmern, aber auf keinen Fall Helikoptermütter sein. Da kann es schnell passieren, dass durch den eigenen Druck, den Mütter erleben, ein Frust entsteht und sie deswegen andere Mütter kritisieren, um sich letzten Endes selbst besser zu fühlen. Unsicherheit führt oft zu unnötigen Streitigkeiten oder Neid.

STANDARD: Dann gibt es aber auch Mütter, das weiß ich aus meinem Bekanntenkreis, die sagen, dass sie noch nie so etwas wie Mom-Shaming erfahren haben. Wie kann das sein? Machen die etwas anders, oder bekommen Sie das Shaming gar nicht mit?

Pommer: Es gibt natürlich auch Mütter, die das nicht kennen – die Glücklichen! Aber eben auch mindestens genauso viele, für die das ständige Mobbing zum Alltag dazugehört und die es bewusst überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Viele sagen auch:" Hör auf zu jammern. Als Mutter muss man eben verzichten." Mit dem Resultat, dass viele damit aufhören, über ihre Gefühle zu sprechen, oder sich nicht mehr an Dritte wenden. Dies wiederum kann dazu führen, dass Mütter dauerhaft belastet sind und im schlimmsten Fall sogar unter Depressionen oder anderen psychische Erkrankungen leiden.

STANDARD: Das heißt, die permanente Kritik kann sogar krank machen?

Pommer: Grundsätzlich ist der Vergleich unter Müttern jedoch normal. Vergleiche geben in der Regel Orientierung und Halt für die eigene Erziehung und Mutterschaft. Führt der Vergleich aber dazu, dass sich eine Mutter in Folge selbst schlechtredet, schämt, kritisiert oder sie vom Gegenüber ungerechtfertigt kritisiert wird, dann wird ihr innerer Stresspegel immer höher. Langfristig kann dies sogar zu psychischen Krankheiten führen. Die WHO sagt für 2030 voraus, dass mindestens jede dritte Frau einmal in ihrem Leben unter einer psychischen Erkrankung leidet. Gehen wir der Rolle der Mutter und den implizierten Ansprüchen auf den Grund, stellen wir fest, dass Müttermobbing einen wesentlichen Beitrag dazu leisten wird. Genau deshalb ist es so wichtig, über Mom-Shaming zu sprechen und darüber zu informieren, wie wir Müttern gegenüber oder auch untereinander solidarischer begegnen können. Momshaming passiert aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Über 60 Prozent der Alleinerziehenden leben an der Armutsgrenze. Auch dafür müssen Lösungen gefunden werden!

STANDARD: Wie kann man sich als Mutter gegen das Mobbing wehren?

Pommer: Wichtig ist im ersten Schritt wahrzunehmen: Hat mich diese Aussage oder Erwartung an mich womöglich gekränkt, verletzt oder verunsichert? Wenn ja, warum? Oftmals fühlen sich Mütter, je jünger das Kind, je unerfahrener sie selbst oder je stressiger der Alltag an sich ist, dünnhäutiger als sonst. Dann ist es wichtig, sich das bewusst zu machen und seinem Gegenüber mitzuteilen: "Ich fühle mich gerade recht dünnhäutig, bitte geh achtsamer mit mir um." Eine Frau kann beispielsweise im Job total selbstbewusst sein, sich aber in der neuen Rolle als Mutter noch unsicher fühlen, und steckt deshalb Kritik weniger gut weg. Wenn wir wirklich harsch und ungerechtfertigt kritisiert werden, ist es enorm wichtig, das sofort und deutlich anzusprechen: "Ich fühle mich von dir gerade ungerechtfertigt kritisiert. Das verletzt mich. Bitte geh achtsamer mit deinen Bemerkungen um."

STANDARD: Laufen wir nicht Gefahr, dass dadurch der gesamte Dialog zerstört wird? Dass sich Menschen dann gar nicht mehr trauen, irgendwas zu Müttern zu sagen?

Pommer: Mom-Shaming muss man wirklich als das verstehen, was es ist: Mobbing gegen Mütter und massive Benachteiligungen aufgrund der Mutterschaft. Das hat nichts mit wohlwollenden Anmerkungen zu tun. Wenn wir einander beraten, dann im besten Fall nur, wenn wir danach gefragt werden und in einem wohlwollenden Ton. Ausnahme ist, wenn das Wohl des Kindes oder der Mutter offensichtlich in Gefahr ist. Hier ist Zivilcourage gefragt und Intervention unbedingt notwendig.

STANDARD: Was ist eigentlich mit den "gut gemeinten", aber oft ungefragten Ratschläge von Großeltern. Soll man die Kritik über sich ergehen lassen, oder darf man auch Oma und Opa in ihre Grenzen weisen?

Pommer: Ich rate als Therapeutin grundsätzlich dazu, offen über Bedürfnisse zu sprechen, anstatt sie runterzuschlucken. Denn dies führt zur Unterdrückung von Wut und Ärger und langfristig zu Depressionen. Eine wertschätzende Kommunikation kann hier sehr hilfreich sein: "Mama/Papa/Oma/Schwiegermama/Tante: Ich wertschätze euch sehr und euer Rat ist mir wichtig, aber bitte nur dann, wenn ich danach frage. Ich merke, dass mir ungefragte Anmerkungen gerade nicht so weiterhelfen, ich würd gern meine Erfahrungen mit meinem Kind selber machen." Weiters könnte man sagen: "Ihr hattet eure Zeit bei mir als Eltern, jetzt lasst mir bitte meine Zeit mit meinem Kind. Wenn ich Hilfe brauche, gebe ich sehr gern Bescheid." Das funktioniert jedoch nur dann, wenn die Beziehung zu den Eltern oder Großeltern grundsätzlich positiv ist. Hatte man vorher schon Differenzen, verstärkt sich das in der Regel durch die Geburt eines Enkelkindes noch mehr. Vielfach wird dann über die Erziehung diskutiert, obwohl es eigentlich um ungeklärte Konflikte zwischen den Erwachsenen geht. In meinem Buch erkläre ich ausführlich, wie man herausfinden kann, warum zwischen den Generationen oft so viele Konflikte da sind und wie man diese mit einfachen Mitteln lösen kann. Denn eines ist wichtig zu wissen: Mom-Shaming betreiben wir oftmals völlig unbewusst – auch den eigenen Müttern gegenüber. Etwa, wenn wir ihre Erziehung für unser eigenes Gefühl des Versagens im Leben verantwortlich machen. In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie Menschen aufblühen, sobald sie ihrer eigenen Mama vergeben konnten.

STANDARD: Vielleicht ein Perspektivenwechsel, ich bin ja auch Mutter: Wie ertappe ich mich dabei, wenn ich selbst drauf und dran bin, eine Mutter zu shamen?

Pommer: Wenn wir uns aber darüber mokieren, sobald eine Mama ihrem Kind Fleisch gibt, sie selbst aber vegan ist, sie Fläschchen gibt, statt stillt, sie das Kind im Bett mit schlafen lässt, obwohl es schon fünf ist, dann können wir uns nur selbst stellen und im besten Fall sagen: "Ich habe meine Art und Weise mein Kind zu erziehen, du die deine. Beides ist in Ordnung." Toleranz und Achtsamkeit im Umgang mit unterschiedlichen Meinungen sind generell wichtige Elemente im Miteinander. Auch folgender Gedanke kann helfen: "Jede Mama will und gibt grundsätzlich von Natur aus ihr Bestes." Wir sollten im besten Fall dazu beitragen, ein Umfeld zu bieten, in dem sie dies auch mit einem guten Gefühl tun kann. Sofern glückliche und entspannte Mütter auch eher glückliche und entspannte Kinder haben. Ein Gewinn für alle. Auch für Außenstehende und die Gesellschaft.

STANDARD: Man transformiert die Kritik also in etwas, das am Ende für alle gut ist.

Pommer: Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Stellen wir uns eine Mama vor, die mit zwei Kindern alleine den Wocheneinkauf tätigt. Der Zweijährige liegt brüllend am Boden, weil er ein Überraschungsei will, der Vierjährige läuft schon mal zum Auto. Die Mutter, völlig gestresst, ist hin und hergerissen. Soll sie dem Vierjährigen nachlaufen? Den Zweijährigen hochnehmen? Alle hinter ihr in der Schlange warten lassen oder weitermachen und das Geschehen ignorieren? Da ertappt man sich gewiss bei einem der folgenden Gedanken: "Kann die nicht einfach ohne Kinder einkaufen gehen oder ihren Mann losschicken? Kann diese Frau ihre Kinder nicht besser erziehen? Bah, Dauergeschrei an der Kassa ist das Letzte, das ich heute brauche! Mensch, kauf ihm doch einfach das Überraschungsei!"

Besser wäre natürlich, wir bieten unsere Hilfe an, indem wir beispielsweise den Einkaufswagen ausräumen, sodass die Mutter ihren Vierjährigen wieder zurückholen und den Zweijährigen auf den Arm nehmen kann. Oder ganz einfach fragen, ob man was tun kann.