Am 7. März besuchte Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro seinen US-Amtskollegen Donald Trump in Mar-a-Lago. Geplante Reisen nach Italien, Polen und Ungarn hatte er auf Anraten seines Gesundheitsministers abgesagt, aber den medienwirksamen Auftritt bei seinem großen Vorbild wollte sich der Rechtspopulist nicht entgehen lassen.

Trump schenkte ihm eine Schachtel des Anti-Malaria-Medikaments Hydroxychloroquin, wie er stolz berichtete. "Ab diesem Zeitpunkt", erinnert sich Bolsonaros im April gefeuerter Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, "nahm er die Empfehlungen der Wissenschafter nicht mehr wirklich ernst."

Bei der Rückkehr aus den USA wurden 22 Mitglieder der brasilianischen Delegation positiv getestet.

Das Superspreader-Dinner in Mar-a-Lago.
Foto: REUTERS/Tom Brenner

Im April warnte die US-Lebensmittelbehörde davor, das Medikament gegen Covid-19-Erkrankungen einzusetzen, einen Monat später verkündete Trump, dass Brasilien zwei Millionen Dosen des gegen das Coronavirus erwiesenermaßen wirkungslosen Medikaments erhalten solle.

"Gott ist Brasilianer"

Bolsonaro, der mittlerweile zwei Gesundheitsminister entließ, weil sie sich gegen den Einsatz von Hydroxychloroquin ausgesprochen hatten, war begeistert: "Gott ist Brasilianer, und hier ist die Heilung", rief er seinen Anhängern zu.

Brasília, 19. Juli: Wie ein Sakrament präsentiert Bolsonaro eine Schachtel Hydroxychloroquin.
Foto: AFP

Das Malariamedikament ist weiter der Bestandteil des brasilianischen Ansatzes der Covid-Therapie, positiv auf das Coronavirus Getestete erhalten es gratis. Da der Präsident die Krankheit herunterspielt und im Ansteckungsfall das von ihm hochgepriesene Hydroxychloroquin verfügbar ist, halten sich viele Brasilianer nicht an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie.

Donald Trump hat indes aufgehört, das wirkungslose Medikament zu bewerben: Als er Anfang Oktober positiv getestet wurde und ins Spital musste, war "Hydroxy", wie er früher zu sagen pflegte, nicht Bestandteil des Medikamentencocktails, der ihm verabreicht wurde.

Indigene ohne medizinische Versorgung

Besonders hat trifft die Pandemie die indigene Bevölkerung in schwer erreichbaren Landesteilen, wo es kaum medizinische Versorgung gibt. Wie zu Kolonialzeiten Pocken oder Masern, breitet sich die Krankheit ungehindert aus, mit Stand 2. November hatten sich 38.343 Indigene angesteckt, von denen 866 verstarben – eine Mortalitätsrate von über drei Prozent.

Der brasilianische Präsident hatte schon im Wahlkampf angekündigt, die 8.517 kubanischen Mediziner des Landes verweisen zu wollen, die seine Amtsvorgängerin Dilma Rousseff (2011–2016) ins Land geholt hatte.

Kubaner dürfen nicht praktizieren

Havanna kam dem zuvor und holte sie im November 2019 zurück, nur 1.012 entschlossen sich, in Brasilien zu bleiben, wo sie aber nicht mehr praktizieren dürfen, weil ihr Studium nicht anerkannt wird.

Bolsonaro versprach, die Kubaner durch einheimische Ärzte zu ersetzen. Im Februar verkündete das Gesundheitsministerium, dass alle Posten vergeben seien, doch im April wurde bekannt, dass tausende Jungärzte ihre Jobs in abgelegenen Regionen wieder aufgegeben oder erst gar nicht angetreten hatten.

Fiebermessen im Amazonas: ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums im Einsatz.
Foto: AFP/TARSO SARRAF

Ende Mai entzog Trump dann dem Lateinamerika-Ableger der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (Paho), die Finanzierung, die bisher 110 Millionen Dollar jährlich betragen hatte, auch Brasilien fror seine Beiträge (24 Millionen Dollar) ein. Damit musste die Paho von einem Tag auf den anderen auf 60 Prozent ihres Budgets verzichten und stand faktisch vor dem Bankrott.

Stattdessen erhielten lateinamerikanische Staaten hunderte Beatmungsgeräte, die in den USA nicht mehr benötigt wurden.

Massengrab in São Paulo.
Foto: AP/Andre Penner

Außerdem setzen die USA auf Hilfslieferungen über Organisationen wie das Rote Kreuz, die Unicef und das Welternährungsprogramm, die allerdings keine Erfahrung in der Pandemiebekämpfung haben. Die Paho hingegen hat in ihrer 118-jährigen Geschichte bereits die Ausrottung von Krankheiten wie Pocken, Kinderlähmung und zuletzt im Jahr 2016 der Masern in Lateinamerika koordiniert.

Gesundheitsminister im Spital

Am Samstag wurde bekannt, dass sich Bolsonaros mittlerweile dritter Gesundheitsminister wegen Covid in Spitalsbehandlung begeben musste. General Eduardo Pazuello war am 21. Oktober positiv getestet worden, tags darauf besuchte ihn der Präsident im Hotel. Ein in sozialen Medien verbreitetes Video zeigt, wie sich die beiden unterhalten, niemand trägt eine Maske.

Damit haben sich nicht nur Bolsonaro und seine Ehefrau, sondern auch knapp die Hälfte der 23 Minister angesteckt. In Brasilien sind laut Reuters-Zählung bis Ende Oktober 159.477 Menschen mit der Corona-Infektion gestorben, ein Wert, der nur von den USA (231.000) übertroffen wird. (Bert Eder, 2.11.2020)