Google und Apple: Konkurrenten, die auch in einem nahen Geschäftsverhältnis stehen. Zumindest: noch.

Foto: Dado Ruvic / REUTERS

An einem Umstand gibt es keinen Zweifel: Die Dominanz von Google bei Suchmaschinen ist geradezu erdrückend. Angesichts eines Marktanteils von mehr als 90 Prozent in Europa spielen andere Mitbewerber kaum eine Rolle. Microsofts Bing hat in den vergangenen Jahren ebenso weiter abgebaut wie Yahoo, während neuer Mitbewerber wie DuckDuckGo zwar zulegen können, aber in der Gesamtbetrachtung trotzdem nur eine marginale Rolle einnehmen. Nun könnte es aber bald neue Konkurrenz geben – und zwar von einer der wenigen Firmen, die wenigstens den Anflug einer Chance haben, gegen Google bestehen zu können.

Neue Herausforderung

Apple arbeitet derzeit an einer eigenen Suchmaschine, um Google Konkurrenz zu machen. Das behauptet zumindest die "Financial Times" in einem aktuellen Artikel. Der iPhone-Hersteller habe in den vergangenen Jahren im Hintergrund seine Aktivitäten immer weiter ausgebaut und zahlreiche Suchmaschinenexperten angeheuert. Darunter auch John Giannandrea, der zuvor bei Google die Entwicklung der Suchmaschine geleitet hat und bereits vor zwei Jahren zu Apple gewechselt ist.

Während für kleinere Anbieter solch ein Unterfangen meist schon an den finanziellen Ressourcen scheitert, ist dies bei Apple kein Thema. Das Unternehmen sitzt derzeit auf Bargeldreserven von mehr als 200 Milliarden US-Dollar. Und diesen Reichtum hat man ironischerweise zu einem nicht unbedeutenden Teil Google zu verdanken. Wie aus Dokumenten hervorgeht, die im Rahmen der aktuellen Kartellrechtsklage des US-Justizministeriums veröffentlicht wurden, zahlt Google jedes Jahr zwischen acht und zwölf Milliarden Dollar dafür, um auf iPhones als Standardsuchmaschine eingestellt zu sein.

Motivforschung

Geld, das Apple natürlich verlorengehen würde, wenn man auf eine eigene Suchmaschine wechselt. Dies wirft die Frage auf, was Apples Interesse hinter solch einem Unterfangen wäre. Die naheliegendste Erklärung: Angesichts des sich abkühlenden Interesses im Smartphonebereich sucht Apple derzeit nach neuen Einnahmequellen und setzt dabei auch immer stärker auf Onlinedienste. Das Unternehmen könnte also versuchen, eine ernsthafte Konkurrenz zu Google aufzubauen, um hier langfristig neue Einnahmequellen zu etablieren. Das zentrale Unterscheidungsmerkmal könnte dabei das Werben mit einer stärkeren Privatsphäre sein, immerhin argumentiert Apple in praktisch allen Bereichen derzeit so gegen Google und dessen umfassendes User-Tracking.

Die Erfolgsaussichten eines solchen Dienstes sind zu einer solch frühen Phase zwar nur schwer zu beurteilen, eines ist aber klar: Apple hat im Vergleich zu vielen anderen Firmen einen signifikanten Startvorteil. Immerhin hat man mit iOS und Mac OS gleich zwei Betriebssysteme unter Kontrolle, bei denen die Apple-Suche umgehend zur Voreinstellungen werden könnte. Zudem gibt es eine durchaus signifikante Gruppe an eingeschworenen Apple-Fans, die praktisch jeden Dienst des Unternehmens nutzen. Ein ähnlich treue Gefolgschaft hat praktisch kein anderes IT-Unternehmen.

Viele offene Fragen

Gleichzeitig ist aber der reale Wert solch einer Vorinstallation nicht unumstritten. So dominiert Google auch unter Windows, obwohl dort von Haus aus Bing als Suche und Edge als Browser voreingestellt sind. Der allergrößte Teil der User wechselt aber freiwillig auf Google-Produkte. Im schlimmsten Fall könnte dies auch Apple blühen, wenn die Suchmaschine nicht die notwendige Qualität liefert. Und dann hätte man auch die Milliarden durch den Google-Deal verloren. Das finanzielle Risiko eines solchen Schritts wäre also beträchtlich.

Mit dem Windows-Beispiel argumentiert übrigens auch Google im zuvor erwähnten Kartellverfahren. Die Nutzer würden Google-Produkte einfach benutzen, weil sie besser sind. Eine Argumentation, die allerdings durch den Deal mit Apple untergraben wird, immerhin wird das Unternehmen nicht jedes Jahr aus Gutmütigkeit Milliarden an den iPhone-Hersteller – und andere Firmen wie Firefox-Hersteller Mozilla – zahlen.

Google-Perspektive

Für Google selbst wäre eine neue Konkurrenz durch Apple gleichermaßen Fluch wie Segen. Einerseits geht es dabei ans Kerngeschäft von Google, also die Werbung, die maßgeblich im Umfeld der Suchmaschine stattfindet. Andererseits würde es der Erfolg einer Apple-Suchmaschine Kartellwächtern schwerer machen, eine erdrückende – und vor allem für die Konsumenten nachteilige – Position der Google-Suche zu argumentieren.

Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Apple mit einem eigenen Service gezielt Google angreift. So soll Apple Maps aus der Verärgerung des Apple-Gründers Steve Jobs entstanden sein, der sich von Google durch die Android-Aktivitäten des Unternehmens verraten fühlte. Apple Maps zeigt aber auch, wie schwer es ist, in diesen Bereichen mit Google Schritt zu halten. Der Service wurde anfänglich selbst von vielen Apple-Fans verspottet, erst nach vielen Jahren an Investitionen stieg die Nutzung etwas an. Von der Verbreitung von Google Maps ist man aber weiterhin weit entfernt. (Andreas Proschofsky, 29.10.2020)