Prinzipiell kann die Regierung in London besser mit Trump.

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In kaum einem anderen Land Europas dürfte die politische und wirtschaftliche Führung ähnlich widerstreitende Gefühle zur US-Präsidentschaftswahl hegen wie in Großbritannien. Einerseits hat Amtsinhaber Donald Trump dem zärtlich als "Britain Trump" gelobten Premier Boris Johnson einen umfassenden Handelsvertrag versprochen. Andererseits steht der demokratische Bewerber Joe Biden der britischen Haltung zu globalen Themen wie Klimaschutz und multilateraler Zusammenarbeit deutlich näher.

"Hug'em close" ("Bleib' dicht dran") lautete 2000 der Rat des britischen Botschafters in Washington an den damaligen Labour-Premier Tony Blair, nachdem George W. Bush statt Blairs Favorit Al Gore Präsident geworden war. Der pragmatische Grundsatz gilt noch immer, schließlich ist man in London ängstlich darum bemüht, die "besondere Beziehung" ("special relationship") zur einstigen Kolonie jenseits des Atlantiks aufrechtzuerhalten. Dementsprechend haben der konservative Johnson und sein außenpolitisches Team jeden Hinweis darauf vermieden, welcher Wahlausgang ihnen kommende Woche lieber wäre.

Keine guten Verbindungen zu Biden

Auf dem Papier spricht alles für Trump, schließlich verfügen weder die führenden Protagonisten der Brexit-Regierung noch die Diplomaten in Washington über gute Verbindungen ins Biden-Lager. Blairs einstiger Ratgeber Christopher Meyer weiß auch, warum: Johnson gelte bei den Demokraten tatsächlich als britischer Trump. Deshalb sei es ein schlimmer Fehler gewesen, den Bruch des EU-Austrittsabkommens anzudrohen und damit Unfrieden in Nordirland heraufzubeschwören: "Das hat sofort die irisch-amerikanische Lobby auf den Plan gerufen." Tatsächlich drohte nicht nur Speaker Nancy Pelosi, sondern auch Biden selbst öffentlich dem Vereinigten Königreich, eine Handelsvereinbarung komme nur bei Einhaltung geltender Verträge infrage.

Sam Lowe vom Thinktank CER spottet über die britische Vorstellung von der "special relationship": Die habe die USA tatsächlich, "aber sie besteht mit Irland, nicht mit Großbritannien". Dass der Katholik Biden bei jeder Gelegenheit stolz seine irischen Wurzeln betont, passt ins Bild. Auch diente er als Vizepräsident unter Barack Obama, den Johnson in der Brexit-Schlacht als "Halb-Kenianer" und deshalb antibritisch bezeichnete. Das hat man unter Bidens Außenpolitikern nicht vergessen.

Holpriges Verhältnis

Auf Vorzugsbehandlung wird "Britain Trump" im Fall von Bidens Wahl also nicht hoffen dürfen. Holprig bleibt das transatlantische Verhältnis aber auch im Fall, dass der Republikaner das Rennen macht. Denn jenseits des EU-Austritts hält London an multilateralen Foren fest, unterstützt beispielsweise, anders als Trump, die Weltgesundheits- und Welthandelsorganisationen WHO und WTO. Auch im Kampf gegen die Klimakrise und beim Umgang mit Irans Atomprogramm vertritt die Downing Street entgegengesetzte Positionen zum derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses.

Und der Handelsvertrag? Bleibt Zukunftsmusik, weil die Amerikaner billige Nahrungsmittel, darunter chlorierte Hühnchen und Hormonrindfleisch, verkaufen und zudem US-Pharmafirmen den Weg zu möglichen Großaufträgen im steuerfinanzierten Nationalen Gesundheitssystem NHS verhelfen wollen. Beides hätte einen Proteststurm der Bevölkerung zur Folge, den der ohnehin unbeliebte Johnson kaum heraufbeschwören wollen wird. (Sebastian Borger, 29.10.2020)