Krater im Boden zeugen vom Beschuss.

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Stepanakert/Eriwan/Baku – Die Behörden der umkämpften Südkaukasus-Region Bergkarabach haben die heftigsten Angriffe aserbaidschanischer Streitkräfte auf die Regionalhauptstadt Stepanakert seit Beginn der Gefechte vor vier Wochen gemeldet. "Aserbaidschan hat Stepanakert über mehrere Stunden attackiert", sagte der Ombudsmann für Menschenrechte von Berg-Karabach, Artak Beglaryan, am Donnerstag.

Laut Regionalpräsident Arayik Harutyunyan brachten sich aserbaidschanische Truppen zudem wenige Kilometer vor der strategisch wichtigen Stadt Schuscha in Stellung. Bei den Angriffen in Stepanakert seien auch Zivilisten verletzt worden, sagte Beglaryan. Es habe sich um die "schwersten" Luftangriffe seit Beginn der Gefechte Ende September gehandelt.

Aserbaidschan wolle Stadt einnehmen

Regionalpräsident Harutyunyan richtete sich am Abend in einem über Facebook verbreiten Video an die Bevölkerung. Der "Feind" sei nur noch wenige Kilometer von Schuscha entfernt, "höchstens fünf Kilometer", sagte er. Ziel Aserbaidschans sei es offenbar, die Stadt "einzunehmen". Der Regionalpräsident fügte hinzu: "Wer auch immer Schuscha kontrolliert, kontrolliert Arzach." Arzach ist die armenische Bezeichnung für Bergkarabach.

Schuscha liegt unweit der Hauptstadt Bergkarabachs.

Bergkarabach hatte während des Zerfalls der Sowjetunion einseitig seine Unabhängigkeit erklärt. Darauf folgte in den 1990er Jahren ein Krieg mit 30.000 Toten. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird bis heute international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt.

Konflikt neu entbrannt

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die umstrittene Kaukasus-Region war Ende September wieder voll entbrannt. Seit Beginn der Kämpfe wurden nach offiziellen Angaben beider Konfliktparteien mehr als 1200 Menschen getötet, darunter mehr als 130 Zivilisten. Tatsächlich dürfte die Zahl der Toten noch deutlich höher liegen. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte vergangene Woche von fast 5000 Toten durch die Gefechte gesprochen.

Versuche der internationalen Gemeinschaft, eine dauerhafte Waffenruhe zu erreichen, scheiterten bisher. Eine von Russland, Frankreich und den USA vermittelte Feuerpause scheiterte bereits kurz nach ihrem Inkrafttreten am Montag.

Einnahme von Schuscha

Haruyunyan stimmte die Bevölkerung am Donnerstag auf entscheidende Tage in dem Konflikt ein. "In den kommenden Tagen müssen wir die Situation an der Front umkehren und den Feind direkt vor den Toren Schuschas bestrafen. Lasst uns eins werden und gemeinsam kämpfen."

Die Einnahme von Schuscha wäre ein symbolisch und strategisch bedeutsamer Erfolg für Aserbaidschan. Die Stadt liegt in den Bergen über Stepanakert und entlang einer wichtigen Straße, die Berg-Karabach mit Armenien verbindet. Während des Krieges um Berg-Karabach in den 1990er Jahren war Schuscha ein zentraler Stützpunkt der aserbaidschanischen Streitkräfte. Im Winter 1992 wurden von dort aus tausende Raketen auf das von armenischen Kämpfern gehaltene Stepanakert abgefeuert, tausende Menschen wurden getötet.

Beobachter fürchten, dass sich der jetzige Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der Türkei im Kaukasus ausweiten könnte. Die Türkei unterstützt in dem Konflikt Aserbaidschan. Russland unterhält gute Beziehungen zu beiden Seiten, gilt aber als die militärische Schutzmacht Armeniens. (APA, AFP, 29.10.2020)