Rodney Floyd beim Begräbnis seines Bruders George Floyd am 9. Juni 2020 in Houston, Texas.

Foto: Imago / ZUMA / David J. Phillip

Ich ziehe einen befremdlichen Gegenstand aus der Spielzeugkiste. Ein handgenähter, ausgestopfter Körper, der Kopf mit blonden Haaren, blauen Augen. Schlage ich den langen Rock der Puppe zurück, erscheint darunter ein zweiter Kopf, schwarz, mit Ohrringen, das Haar abgeschnitten.

Sklavin und Herrin teilen sich einen Körper. Die eine kann nicht ohne die andere. Der Rock der Schwarzen ist rot-weiß kariert. Sie trägt Schürze. Ist die Puppe ein Schaustück gegenseitiger Abhängigkeit? Oder sollen amerikanische Kinder so erfahren, dass Herrschaftsverhältnisse umgekehrt werden können?

Gegenüber dem Secondhandladen in Chicago, wo ich die auffällige Puppe entdeckte, befand sich der Supermarkt, in dem ich meinen wöchentlichen Einkauf erledigte. In dieser Stadt sind die Trennungen bis heute strikt. Ich bewunderte die aufwendig hochgetürmten Frisuren der afroamerikanischen Kassiererinnen, obwohl ich kaum eines ihrer Worte verstand. Weil mein Englisch ein anderes als ihres war, verschlug es mir die Sprache.

Abhängigkeitsverhältnisse

Es dauerte, bis sich mein Ohr und mein Hirn an Akzente gewöhnten. Fuhr ich mit dem Bus vom Westen in den Osten Chicagos, passierte ich ein Areal von Sozialwohnbauten mit vergitterten Balkonen, zugemüllten Rasenflächen, Metalldetektoren sowie Wächtern an den Eingängen, um zu verhindern, dass Waffen und Drogen ins Innere gelangten. Über den Komplex wurde im Fernsehen wie über einen Kriegsschauplatz berichtet: Drogen, Gang-Kriege, Kinder von verirrten Kugeln getötet.

Dabei hatten die Neubauten ein viel schlimmeres Viertel ersetzt. Inzwischen waren die Häuser verwahrlost und zu einem Ghetto inmitten der Stadt verkommen, wo vor allem arme Afroamerikaner hausten.

Mein sozialstaatverwöhntes europäisches Gehirn konnte nicht verstehen, warum. Also forschte ich im Stadtarchiv nach, um meiner Unruhe mit Fakten zu begegnen, und ich lernte, dass sie als Nachkommen ehemaliger Sklaven seit Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem armen Süden in den reichen Norden gezogen waren, um Arbeit zu finden.

Die Abhängigkeitsverhältnisse hatten sich mit dieser großen Migration aber kaum verändert. Bis heute ist der Süden Chicagos vorwiegend afroamerikanisch und spiegelt ehemalige Strukturen wider. Oben weiß, unten schwarz.

Es hat keinen Sinn

Ich schreie ihn an, protestiere. So schön blau ist der See, so ein Glück haben wir, hier am Ufer zu sitzen, im Restaurant, im Sommer. "Weißt du, dieser Floyd war selbst schuld", sagt mein Onkel. "Ein Krimineller. Hat provoziert." "Wie willst du das beurteilen?", werfe ich wütend ein. Zu laut. Vorsichtig bewegen sich seine Augen zur Seite, in Richtung der Tische anderer Gäste. "Auf dem Video war das ganz deutlich. Das war ein riesiger ...", mein Onkel sagt das N-Wort. Laut und deutlich. "Die Polizisten hatten Angst. Es war Notwehr."

Ich hole tief Luft für eine nächste Entgegnung. Dann kommt der Teller mit dem Saibling, in Butter gebraten, Mandelsplitter. Ich atme auf. Schüttle bloß den Kopf. Es hat keinen Sinn.

Gibt es eine Entschuldigung dafür, nichts zu wissen, sich an dieses Nichtwissen zu klammern und es anderen aufzuzwingen? Doch sich dieses Wissen anzueignen ist nicht jedem selbstverständlich. Onkel Rudi hat als 14-Jähriger begonnen zu arbeiten, hat drei Kinder aufgezogen, mit eigenen Händen ein Haus gebaut, seinen Arbeitgeber nie gewechselt.

Ich hingegen hatte Gelegenheit, Menschen anderer Hautfarbe kennenzulernen, ob in Portugal, Japan, Sri Lanka, den USA. In Chicago lebten wir in einem ehemals polnischen Viertel, dann zogen Mexikaner und Puerto Ricaner dorthin.

"Topsy-Turvy"-Puppe heißt das sonderbare Kinderspielzeug, das Autorin Sabine Scholl in einem Second Hand-Laden in Chicago gefunden hat.
Foto: Sabine Scholl

Rassistisches Vorbild

Schwarze waren Angestellte in Geschäften, die Palästinensern gehörten; Weiße waren Gäste in Cafés und Kneipen. Freunde waren aus Frankreich, Chile, Spanien, Portugal, Deutschland, der Ukraine, den USA. Ich konnte an einem Tag durch Kontinente reisen. Nur in den Süden Chicagos fuhren wir selten, kannten keinen, der dort wohnte.

Ich wähnte mich weit entfernt von der im Deutschen herrschenden Einheitskultur. Damals wusste ich nicht, dass nationalsozialistische Juristen sich bei der Etablierung ihres Regimes an der Rassenpolitik Amerikas orientiert hatten. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts waren die USA besorgt über den gesteigerten Andrang von Einwanderern. Vermischung sollte verhindert werden; die weiße Oberschicht wollte ihre Vorherrschaft nicht verlieren.

Diskriminierende Verfahren, wie z. B. die Pflicht, ethnische Zugehörigkeit auf Geburtsurkunden zu vermerken oder öffentliche Einrichtungen nach Hautfarben zu trennen, dienten als Grundlage, um Eigentumsrechte, die Besteuerung, das Wahlrecht einzuschränken und damit unliebsame Bevölkerungsteile von demokratischen Prozessen auszuschließen.

Die Nürnberger Rassengesetze gründeten unter anderem auf dem Vorbild amerikanischer Verhältnisse. Der Rassenwahn der Nazis und die amerikanische Eugenik entstammen derselben ideologischen Quelle: Wahre Freiheit heißt in diesem Verständnis Unterwerfung der rassisch Minderwertigen. Wahre Gerechtigkeit heißt, die in diesem Sinn fähigen Personen zu bevorzugen. Wahrer Fortschritt heißt, aufzuräumen und zu bereinigen, die Auserwählten vorwärtszubringen, die Primitiven zu beseitigen. Auf diesen Fiktionen beruhen die Vereinigten Staaten noch heute.

Ersticken ist mit Armut verbunden

Der Schwarze liegt unten. Der Weiße auf ihm, drückt das Knie gegen seinen Hals. Der Schwarze kann nicht atmen. Wie auch. Er lebt meist in einer schlechteren Gegend, hat weniger Raum zur Verfügung. Befindet sich sein Domizil in einem guten Viertel, läuft er Gefahr, beim Aufschließen seiner Haustür oder beim Joggen als Einbrecher verhaftet zu werden. Rassismus sei Notwehr, heißt es, denn die Herrschaft der Weißen ist durch die Anwesenheit der anderen bedroht. Diese behindern die Atmung der Herrschenden.

Die Schwarzen sollten ihren Atem nur zum Arbeiten und zum Singen verwenden, nicht um laut aufzuschreien. In Brasilien versteckten die Sklaven ihr Kampftraining unter musikalischen Klängen und tarnten es als Tanz. Das weiße Knie zerdrückte die Luftröhre des Schwarzen, während das Covid-19-Virus die Atemwege von Menschen aller Hautfarben anzugreifen droht. Die von Schwarzen aber noch viel mehr. Ihr Ersticken ist der Armut verbunden.

An einer unsichtbaren Grenze

Kurz vor der Pandemie flog ich dann wieder in die Stadt, in der ich lernte, dass ich weiß bin. Meist werde ich in den USA, wie auch schwarze Reisende, an Flughäfen einem Sonder-Check unterzogen. "Securitysuperspecial", ruft der Angestellte fröhlich, als wäre das eine Ehre. Ich werde durchleuchtet, ziehe Kleidungsstücke, Schuhe aus und an, Koffer, Taschen, Rucksäcke werden ausgepackt, eingepackt, Kommandos befolgt. Ich blicke in Kameras. Fotos, Fingerabdrücke werden digitalisiert.

Ich bin ein Datenstrom, potenziell kriminell. Ich bin superverdächtig, weil Frau, weil groß, weil unfrisiert, weil ohne Kinder unterwegs. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu protestieren, nicht zu kommentieren, zu lästern, zu witzeln, weil das erst recht Verdacht auf mich lenkt. Das Knie des Überwachungssystems drückt mich nach unten.

Zurück in Chicago nahm ich die U-Bahn in den schwarzen Süden. Nur Afroamerikaner stiegen zu. Konnte ich mich noch sicher fühlen? Warum hatte ich eigentlich kein Taxi genommen? Ein eleganter Mann mit Strohhut, Mantel, Lederschuhen fiel mir auf. Er lächelte mich an. Das beruhigte.

Am Bahnsteig waren wir unversehens von Graswolken umnebelt, und er wies mir freundlich den Weg zum Bus, in dem es genauso süßlich, leicht betäubend dampfte. Wir querten die Stadt in Richtung Osten. Ich hoffte, nicht im falschen Bus zu sitzen und mit einem Mal in Gebieten mit ausgebrannten Hausruinen, heruntergerissenen Rollläden, Crackhäusern zu landen. Wie sollte ich mich dort verhalten?

Plötzlich, an einer unsichtbaren Grenze, verließen alle Schwarzen den Bus. Die nächste Station nahm bereits weiße Fahrgäste auf, denn wir näherten uns dem Campus der berühmten Universität, mit herrschaftlichen Fassaden, hübschen Nebengebäuden, gepflegten Gärten, studentischer Geschäftigkeit.

Stumme Akzeptanz

Am nächsten Morgen im Hotel, auf der sicheren Insel, waren die Gäste weiß, die Angestellten schwarz. Immerhin durften sie sich am Frühstücksbuffet Kaffee holen. Die Rezeptionistin riet, nicht zu Fuß zur U-Bahn zu gehen, sondern ein Taxi zu nehmen. Die Verhältnisse hatten sich nicht geändert. Die Schwarz-Weiß-Puppe fiel mir ein.

Vielleicht verkörpert diese Spielsache doch die Angst, dass Schwarze eines Tages die Herrschaft ergreifen, dass Abgrenzungen nicht mehr funktionieren und dann alles drunter und drüber gehen könnte. Man nennt sie schließlich Topsy-Turvy-Puppe! Andererseits trugen die Herrschaften auf den Plantagen dazu bei, Unterschiede zu verwischen, indem sie Sklavinnen vergewaltigten und gemischte Kinder zeugten.

Ich jedenfalls kann den ausgestopften doppelköpfigen Körper bis heute nicht aus den Händen geben, obwohl meine Kinder nun erwachsen sind. Immer noch ruft er Emotionen hervor. Vielleicht ist es auch das auf beide Gesichter gestickte Lächeln, eine stumme Akzeptanz, die mich gruselt.

Die chinesische Krankheit

Auf einem Standbild des Videos, in dem der Schwarze wegen des weißen Knies auf der Straße stirbt, bemerke ich einen Polizisten, der Passanten vom Geschehen fernhält. Seine asiatischen Gesichtszüge lassen mich erst an Nachkommen japanischer Internierter denken, die nach Pearl Harbor als potenzielle Feinde in Lager in der texanischen Wüste verbracht wurden. Mein Reflex meldet als Erstes Verwunderung.

Warum schlägt er sich auf die Seite der Herrschenden? Dann erfahre ich, dass der Polizist Hmong ist. Die Hmong waren in der Folge des Vietnamkriegs meist aus ländlichen Gebieten nach Amerika geflohen und fanden schwer Zugang zu Bildung. Ihre Arbeitslosenrate ist entsprechend hoch.

Anscheinend sind sie noch schlechtergestellt als die afroamerikanische Minderheit. Da sie keine Jobs finden, organisieren sie sich vielfach in Gangs. Sie passen nicht zum Bild der asiatischen Modelleinwanderer, wie z. B. der Vietnamesen oder Koreaner, die sich mit Fleiß und Geduld rasch nach oben arbeiten.

Seit Covid-19 sind asiatische Amerikaner verstärkten Ressentiments ausgesetzt. Die chinesische Krankheit, wie Trump immer noch sagt, oder auch: Kung-Flu. "Wegen euch müssen wir Masken tragen", schreit eine Frau am Bahnsteig. Im Wagon sitzt eine Verweigerin, der Stoff hängt ihr unterm Kinn. Als eine Asiatin neben ihr Platz nimmt, erschrickt sie, zieht dann ihre Maske hoch.

Systematisch unterversorgt

Verhängnisvolle, biologistische Vokabeln tauchten im Zuge der Pandemie auf. Auslese, Herdenimmunität, eine gesunde Elite wird die Reinigung überleben, die Alten wären ohnehin früher oder später gestorben. Es gehen nur die Dicken und die Kranken drauf. Die, die sich unvernünftig ernähren. Selbst schuld.

Dabei werden z. B. Afroamerikaner medizinisch systematisch unterversorgt. Krankenversicherung wird ihnen seltener gewährt; Krankenhäuser wurden absichtlich weit weg von schwarzen Wohngegenden gebaut; Schwarze in getrennten Abteilungen behandelt, und zwar schlechter als weiße Patienten, wenn überhaupt; Afroamerikanern wird der Zugang zum Medizinstudium verweigert.

Daher sterben doppelt so viele Schwarze wie Weiße am Virus. Zusätzlich werden diese strukturell angelegten Ungleichheiten als persönliches Versagen etikettiert. Sie haben das Knie immer dicht an ihrem Hals.

Black-Lives-Matter-Demonstranten stoßen im Oktober 2020 in Salt Lake City auf Trump-Anhänger.
Foto: AP / Jeff Swinger

Amerikanische Verhältnisse

Onkel Rudi zerlegt sein Rindfleisch, nimmt einen Schluck Rotwein und erklärt mir die Welt. "Dieser ...", er sagt wieder das N-Wort, "war Türsteher, und Türsteher sind aggressiv. Das erfordert ihr Beruf. Außerdem haben die mit Rauschgift zu tun." "Woher willst du das wissen, kennst du persönlich einen Türsteher?" Brause ich auf.

"Nein, aber das weiß doch jeder. Verdächtige Menschen sind das." "Wie kannst du das behaupten? Warst du je in einem Club?" "Nein. Im Übrigen lasse ich mich nicht von Medien manipulieren. Ich schaue mir immer zuerst den Menschen an und urteile danach. Ich mache keinen Unterschied zwischen schwarz und weiß."

"Das stimmt nicht, das kannst du gar nicht wissen, weil du keine Schwarzen kennst. Und du kennst vor allem die amerikanischen Verhältnisse nicht, aus denen das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen entstanden ist. Die Polizei wurde gegründet, um Gleichberechtigung zu verhindern, nicht um alle zu schützen!"

Entgeistert schaut er mich an. Ich schreie jetzt fast: "Du warst nie in Amerika! Wie willst du von hier aus beurteilen, was dort stattfindet und wer recht hat oder nicht. Ich habe Jahre dort verbracht, und nicht einmal ich kann behaupten, alles zu begreifen."

Onkel Rudi verlangt die Rechnung.

Leere Regale und Ratlosigkeit

Einige Wochen darauf ruft er mich an. In Chicago hätten Plünderungen stattgefunden, hat er im Radio gehört. Ich forsche nach, sehe Fotos von Elektrogroßmärkten, Computer-, Schmuck- und Haute-Couture-Läden. Luxus war anscheinend gefragt. Schaustücke von Reichtum und Prestige sowie Flachbildschirme. "Kriminelle", sagt Onkel Rudi am Telefon. "Kriminelle", sagt die schwarze Bürgermeisterin von Chicago.

Das Problem sind Schusswaffen. Damit kann jeder noch so kleine Streit eskalieren. Das Problem sind soziale Medien. Damit kann jeder winzige Anlass dazu dienen, Massen zu manipulieren. In diesem Fall waren es Aufrufe im Internet, sich in die City zu begeben, um soziale Ungleichheiten mit dem Leeren von Läden für Luxusgüter zu korrigieren.

Ausgegangen war alles von einem Schusswechsel zwischen der Polizei und einem jungen Afroamerikaner. In den Zeitungsberichten der Chicagoer Medien steht nichts über die Hautfarbe der Plündernden.

Ich studiere Gestalten auf Fotos, klicke mich durch zahllose Momentaufnahmen, und ja, es gibt viele Menschen dunkler Hautfarbe, die sich bedienen, aber auch weiße. Auch Braune, meint eine Aktivistin, weil die Stadt den Armen nicht mehr gehört. "Investiert wird nur in den reichen Vierteln, nicht bei uns." Ein paar Stunden nur haben die Tokens einer Herrschaftsform, welche nahezu ausschließlich auf die Allmacht des Geldes setzt, ihre Besitzer gewechselt und leere Regale sowie Ratlosigkeit hinterlassen.

Knie oder Hals

Für eine Nacht wurde der Rock der Puppe gewendet. Statt Krankenversicherung oder Arbeitslosengeld zu beziehen, starren die Armen nun auf riesengroße, gestohlene Flachbildschirme. Die darauf folgenden Nächte befahl die Bürgermeisterin, die Zugbrücken hochzufahren, um den Bewohnern aus ärmeren Bezirken den Zugang zur reichen Innenstadt zu versperren.

Während Onkel Rudi also ganz einfach weiß ist, ohne es zu wissen, weiß ich zumindest, dass ich weiß bin. Das macht bereits einen Unterschied, denn es ist eine Frage der Macht, was man zu sehen bereit ist und was man übersieht. Der eigene Blick ist keine unproblematische Wahrheit.

Was gesehen wird, hängt davon ab, wie die Machtverhältnisse beschaffen sind. Bist du oben oder unten. Bist du das Knie oder der Hals. Da der Einzelne nie alle Zusammenhänge kennen kann, ist es nötig, miteinander zu reden. Es ist nötig, die Bedingungen zu ergründen, unter denen Wahrheiten entstehen.

Sogar jetzt, mit Maske vorm Mund. (Sabine Scholl, ALBUM, 31.10.2020)