Schuppentiere gehören zu jenen Spezies, die im Verdacht stehen, der ursprüngliche Wirt von Sars-CoV-2 gewesen zu sein.
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Covid-19 ist längst nicht die erste Infektionskrankheit, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurde. Die Eingriffe des Menschen in die Biosphäre machen die Entstehung von Pandemien in Zukunft sogar noch wahrscheinlicher, warnt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) in seinem jüngsten Bericht. Wissenschafter gehen davon aus, dass rund 30 Prozent aller Infektionskrankheiten auf Landnutzungsänderungen wie die Abholzung von Regenwald zurückgehen.

Das Tempo und das Ausmaß, in dem weltweit Naturflächen der Ausbreitung von Landwirtschafts- und Siedlungsgebieten weichen, ist daher laut IPBES ein ernstes und vielschichtiges Problem. Nicht nur für die dort beheimateten Tiere und Pflanzen, sondern auch für den Menschen durch das steigende Risiko weiterer Pandemien, heißt es in dem Bericht mit ausdrücklichem Verweis auf Covid-19.

Gefährlicher Kontakt

"Auf den ersten Blick hat das Abholzen von Regenwäldern nicht viel mit Infektionskrankheiten zu tun", sagt Klaus Hackländer, Professor für Wildbiologie an der Universität für Bodenkultur Wien. "Doch Waldrodungen führen dazu, dass Lebensräume verloren gehen oder an Qualität verlieren." Betroffene Tiere werden anfälliger für Krankheiten. Zudem liegen die Lebensräume von Wildtieren und menschliche Ansiedelungen immer näher beisammen.

"Durch diesen direkten Kontakt von Menschen und Wildtieren ergibt sich eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Zoonosen", sagt Hackländer. Weltweiter Handel mit Tieren und tierischen Produkten erhöht die gefährlichen Kontaktmöglichkeiten zusätzlich.

Schuppentiere zählen zu den bedrohtesten Arten der Welt, sie sind die am häufigsten illegal gehandelten Säugetiere.
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Schuppentiere unter Verdacht

Zwar ist noch nicht restlos geklärt, bei welcher Säugetier- oder Vogelspezies Sars-CoV-2 seinen Ursprung hatte und ob es weitere tierische Zwischenwirte gab, Schuppentiere stehen dabei unter Verdacht. Bei früheren Infektionskrankheiten konnten Wissenschafter inzwischen jedenfalls eindeutige Kausalketten zu Landnutzungsänderungen herstellen.

Das Lehrbuchbeispiel dafür ist die Lyme-Borreliose. Die Abholzung und Fragmentierung von Wäldern an der US-Ostküste führte nachweislich dazu, dass sich kleine Nagetiere mangels Fressfeinden ausbreiten konnten. Diese fungierten als Wirte der Lyme-Erreger, die über Zecken auf Menschen übertragen werden. Ein weiteres gut dokumentiertes Beispiel ist die Zunahme von Malaria um knapp 50 Prozent durch die Abholzung des Amazonas-Regenwalds.

Die Experten des Weltbiodiversitätsrats gehen von ungefähr 1,7 Millionen heute noch unbekannten Virenarten aus, die wildlebende Vögel oder Säugetiere als Wirte haben. Etwa die Hälfte davon könnte ihrer Hochrechnung nach auch auf Menschen überspringen. Schon heute würden pro Jahr mindestens fünf neue Krankheiten bei Menschen auftauchen, die das Potenzial haben, sich auszubreiten.

"Ära der Pandemien"

Der Weltbiodiversitätsrat spricht von einer "Ära der Pandemien": Covid-19 sei bereits die sechste innerhalb von hundert Jahren. Neue Pandemien könnten künftig nicht nur häufiger auftreten, sondern sich auch schneller verbreiten und mehr Menschen töten als Covid-19, lautet die düstere Prognose.

Um dieser Gefahr effektiv zu begegnen, sei ein grundlegendes Umdenken erforderlich. Gegenwärtig beschränke man sich auf das Reagieren, also auf Maßnahmen zur Eindämmung bereits ausgebrochener Seuchen. Hilfreich wären aber Vorbeugemaßnahmen. Eine zentrale Rolle müsse dabei der Schutz der verbliebenen Naturflächen spielen, um die Zahl der potenziell gefährlichen Kontakte zwischen Wildtieren, Nutztieren und Menschen zu minimieren. (Tanja Traxler, Jürgen Doppler, 2. 11. 2020)