Momentaufnahmen der ersten Debatte zwischen dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden.

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Hässlich war es, würdelos, kaum mitanzusehen: die Rede ist von der ersten Debatte im US-Präsidentschaftswahlkampf. 128-mal fiel der amtierende US-Präsident Donald Trump dem Moderator oder seinem Kontrahenten Joe Biden ins Wort. Der wiederum ließ sich dazu hinreißen, Trump als Clown zu bezeichnen und ihn zu fragen, ob er nicht einmal die Klappe halten könne. Der Schreck über die chaotische Debatte saß so tief, dass beim nächsten Aufeinandertreffen der Präsidentschaftsanwärter einfach der Ton des Kontrahenten abgedreht wurde, wenn einer der beiden sprach. Dass die erste Debatte außer Kontrolle geraten war, war für alle Zuseher klar ersichtlich. Weniger klar: die Frage nach dem Wie.

Der Rhetoriktrainer und Kommunikationsexperte Roman Braun hat für den STANDARD nun die Rhetorik und Körpersprache von Donald Trump und Joe Biden analysiert. Betrachtet wurden die erste Debatte und die Interviews, die die Kontrahenten dem renommierten TV-Nachrichtenmagazin "60 Minutes" rund einen Monat später gaben. Dort wurden beide Kandidaten unter denselben Umständen interviewt – mit völlig unterschiedlichen Resultaten.

In einem ersten Schritt ordnet der Experte den beiden Kontrahenten bestimmte Typen zu. Dabei folgt er der Theorie der Rangdynamik, die vom Wiener Psychotherapeuten und Psychoanalytiker Raoul Schindler entwickelt wurde. Hier wird in vier Typen unterschieden: die Alphas, gemeint sind Anführer, Betas, die als Experten auftreten, Gammas, was einfache Gruppenmitglieder meint, die den Alpha unterstützen, und schlussendlich Omegas, die Gegenspieler des Alphas. Die Begriffe sind nicht so zu verstehen, wie sie in der Tierwelt oder – mitunter abschätzig – im Internet gebraucht werden.

Der aggressive Alpha

"Trump besetzt eine Alpha-Position", so Experte Roman Braun. "Hier wird noch einmal zwischen drei Alpha-Typen unterschieden. Er besetzt sehr stark den narzisstischen und den heroischen Alpha, am wenigsten den dritten Typ, den empathischen Alpha." Der Begriff narzisstisch habe hier nichts mit der Persönlichkeitsstörung zu tun, so Braun, sondern meine einen Selbstdarstellungsdrang, der auch Unterhaltungswert habe: "Ein klassischer Showman." Der heroische Alpha-Typ hingegen präsentiert sich als jemand, der für die Gruppe Grenzen überwindet: "Er sucht Widerstand und überwindet ihn", meint Braun.

Zum Vergleich: Der ehemalige US-Präsident Barack Obama sei ebenfalls dem Alpha-Typus zuzurechnen, meint der Experte, allerdings habe er dessen heroische und empathische Qualitäten besetzt. "Das ergibt in der Wirkung so etwas wie einen gütigen König, jemanden, der schon alles hat, den man nicht fürchten muss und der nur noch damit beschäftigt ist, großzügig zu sein."

Der sachliche Beta

Biden dagegen habe gute Beta-Qualitäten. Der Begriff meint in der Rangdynamik einen Experten, der sachlich und fachlich agiert und sich mit Emotionen zurückhält. "Er versucht, mit Sachargumenten zu punkten", so Braun. Auch hier unterscheide man zwischen verschiedenen Qualitäten des Typs. "Biden besetzt sehr gut den Typ des Know-how-Leaders", so der Experte. "Wenn man im Vorhinein nur weiß, welche Typen die beiden besetzen, kann man schon einiges, was während der Debatte passiert ist, vorhersagen."

Auffällig sei, wie unterschiedlich das Auftreten der beiden Kandidaten auf Video und im geschriebenen Wort wirkt. "Auf Video dominiert Trump die Situation ganz klar", so Braun. "Doch im Transkript der Debatte sind seine Wortmeldungen unlesbar, das ist eine immense Diskrepanz. Wenn es um das geschrieben Wort geht, ist Joe Biden viel besser lesbar. Das ist typisch für diesen Know-how-Leader, diesen Beta-Typ, der versucht, mit Sachargumenten etwas zu bewirken."

Die erste Debatte – Trump im Fokus

"Trump verwendet immer wieder sechs Muster", so der Experte. Das Wichtigste seien Wiederholungen, die Trump beinah durchgängig verwendet. Schlüsselsätze wiederholt er meist dreimal. "Das ist sprachlich unfassbar plump", so Braun, "aber wenn man es live sieht, funktioniert es. Es funktioniert, weil er das Gesagte mit einer sehr aktiven Mimik und Gestik begleitet. Seine Körpersprache ist hochdramatisch, und das ist ein krasser Unterschied zu Biden." Im Verlauf der ersten Debatte hält Trump Blickkontakt zu seinem Kontrahenten, neigt nicht nur den Rumpf, sondern auch den Kopf nach vorne und spricht Biden häufig mit seinem Vornamen an. "Das sind alles Dominanzsignale", sagt Braun. "Deswegen kann er verbal dreimal das Gleiche hintereinander sagen. Weil er sich viel bewegt und dazu eine dramatische Mimik macht, funktioniert es als ein dramaturgisches Element." Zusätzlich ließen die vielen Wiederholungen das Gesagte als wahr erscheinen, seine aggressive Körpersprache sorge dafür, dass die Aufmerksamkeit der Zusehenden bei ihm bleibe.

Offensive Körpersprache: Donald Trump während der ersten Debatte.
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Das zweite rhetorische Muster sei die Nennung von Zeugen, so der Experte: Trump berufe sich auf Dritte, die etwas über ihn gesagt oder seine Meinung bestätigt hätten. Die übrigen rhetorischen Muster seien Superlative, Komparative und Universalquantoren – also Begriffe wie alle oder jeder. Das sechste Muster sei die Verwendung von extrem kurzen Sätzen. "Dazu gibt es Studien", meint der Experte. "Diese Satzlänge findet man ungefähr bei Volksschulkindern. Ich halte es aber für einen Irrtum, daraus auf seine Intelligenz zu schließen. Ich glaube, der Mann hat sehr viel Erfahrung, und in kurzen Sätzen zu sprechen ist einprägsamer als in langen."

Die erste Debatte – Biden im Fokus

All diese Elemente finde man bei Biden nicht, meint Braun. Auch in Mimik, Gestik und Körpersprache unterscheidet er sich deutlich von seinem Kontrahenten. "Biden hat eine sehr eingeschränkte Körpersprache", so der Experte. Seine Gesten seien symmetrisch: Hebt er etwa eine Hand, vollführt er mit der zweiten dieselbe Bewegung. "Wenn er asymmetrisch wird, hält er sich mit einer Hand immer am nächsten Möbelstück fest – im Sitzen an der Sessellehne, im Stehen am Pult. Das wird von Zusehern unbewusst als ein Schwächezeichen gedeutet: Wenn der Vortragende Möbelstücke festhält, sucht er im übertragenen Sinne Halt."

Eine Hand am Pult: Joe Biden während der ersten Debatte.
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Darüber hinaus sende der demokratische Präsidentschaftskandidat manchmal Angstsignale, sagt Braun. Etwa wenn er seine Handflächen zeige und die Hände nach vorne wegschiebe oder wenn er bei gehobenen Brauen die Augen weit öffne. In Kombination mit der zurückgelehnten Haltung, die Biden meist einnimmt, signalisiere das Erschrecken oder den Versuch, harmlos zu wirken. "Das ist verbunden mit der nonverbalen Botschaft: Bitte nicht schlagen, ich kann nichts dafür", sagt Braun.

Die erste Debatte – Die Eskalation

Bei der Debatte prallten also zwei gegensätzliche Kommunikationstypen aufeinander. Die vielen Unterbrechungen sind eine Strategie, die den Kontrahenten zum einen daran hindern soll, seine Punkte klar zu kommunizieren, zum anderen funktioniere sie als ein "aggressives Dominanzsignal", so Braun. Der Experte erkennt in der Debatte noch ein weiteres Element, das eine sachliche Auseinandersetzung erschwert hat: "Was Biden letztendlich aus der Fassung gebracht hat, ist, dass Trump Metakommunikation verwendet hat." Das bedeute, dass man nicht auf der Sachebene bleibe, sondern seinen Kontrahenten direkt anspreche, Vorankündigungen und Zuschreibungen mache. "An einer Stelle sagt Trump: Hey, let me just tell you, Joe. Auch das ist Metakommunikation. Er könnte einfach sagen, was er sagen möchte, stattdessen kündigt er es an: Pass auf, Joe, ich sag dir jetzt was! Und Biden antwortet nur: No, no, Mr. President. Das ist sehr schwach."

Geprägt von Unterbrechungen, Vorwürfen und Beschimpfungen: die erste TV-Debatte der Kandidaten.
Foto: AFP / Jim Watson

Dass die Emotionen anschließend hochgingen und die Debatte ins Chaos abglitt, sei Trump durchaus entgegengekommen, meint Braun: "Wenn Biden dann die Fassung verliert und seinerseits zu schimpfen beginnt, ist das Trump völlig egal. Das ist seine Homebase, da fühlt er sich wohl." Auch die vielen Wiederholungen und Adjektiva, die Trump verwendet, trugen zur Eskalation der Debatte bei, so Braun. "Wenn man zuhört, wird man fast in die Wahrnehmungsposition von Trump gezwungen. Und das macht den Gegner natürlich fertig. Der muss ertragen, dass auf Kosten seiner Redezeit Trump etwas wiederholt, was er schon vorher zweimal gesagt hat."

"60 Minutes" – Trumps "rhetorischer Schleudersitz"

Ganz ähnliche Kommunikationsmuster lassen sich auch während des Interviews beobachten, das Trump dem Format "60 Minutes" gab. Hier kam es zu einem Abbruch – Trump verließ das Set und kehrte nicht mehr zum Interview zurück. Körpersprachlich sei der amtierende Präsident auch hier aggressiv aufgetreten: "Wenn man aggressiv ist, geht man mit der Faust nach vorne, das darf man nicht, dann geht als Nächstes der Zeigefinger nach vorne, und weil man das auch nicht darf, folgt dann die Nase. Man neigt sich seinem Gegner entgegen", erklärt Braun. Zur Eskalation des Interviews habe wie schon bei der Debatte Trumps Metakommunikation geführt: Er verlässt die Sachebene und wirft der ihn interviewenden Journalistin vor, ihn ungerecht zu behandeln.

Das "60 Minutes"-Interview mit Donald Trump.
60 Minutes

"Er wechselt in die Metakommunikation und beginnt seine übliche Spirale. Ich würde das wirklich einen rhetorischen Schleudersitz nennen", so Braun. "Das geht innerhalb von einer Minute. Die Stimmung war davor gar nicht so schlecht, dann bringt er zum ersten Mal diesen Vorwurf auf, und innerhalb von sechzig Sekunden nimmt er sich raus. Das liegt nicht an der Journalistin, und das merkt man auch."

"60 Minutes" – Biden in der Defensive

Auch Joe Biden verblieb während seines Interviews in alten Mustern. "Seine Körpersprache war sehr eng, er saß die meiste Zeit mit überschlagenen Beinen und mit auf den Knien gefalteten Händen da", kritisiert der Experte. "Auch die Mimik blieb gleich. Er hat wieder versucht, mit Sachkompetenz zu punkten." Biden habe defensiv gewirkt, so Braun, die ihn interviewende Journalistin habe die Situation kontrolliert. Auch die bereits bekannten Angstsignale seien zu beobachten: Als Biden nach seinem Sohn Hunter gefragt wird, zuckt er merklich zusammen.

Das "60 Minutes"-Interview mit Joe Biden.
60 Minutes

Rhetorisch seien Zahlen und Informationen seine "Homebase". Seine Hauptthemen im Gespräch waren das Gesundheitssystem und vor allem die Corona-Politik des amtierenden Präsidenten. "Da ist er gut vorbereitet", meint Braun. "Denn die Achillesferse eines Alpha, der sich heroisch und narzisstisch gibt, ist die Frage: Bleibt da nicht jemand auf der Strecke?" (Ricarda Opis, 2.11.2020)