Im Gastkommentar macht der Kabarettist Hosea Ratschiller dem US-Präsidenten ein Kompliment.

Jeden Morgen fragen wir das Internet, ob die Welt noch steht. Beim Frühstück denken wir an Pandemie, Klimakatastrophe und Wirtschaftskrise. Seit vier Jahren haben wir noch eine Sorge mehr. Die einzig demokratische Weltmacht aller Zeiten wird von einem Clown regiert. Viele Komplimente kann man Donald J. Trump nicht machen. Dieses aber schon. Er ist ein erstklassiger Hanswurst. Nicht weil er lustige Haare hat, sich ungelenk bewegt und komische Krawatten trägt, sondern weil Trump bei mir und wahrscheinlich auch bei Ihnen Angst und Ekel hervorruft. Das ist Teil des Rollenfachs. Der Wurschtl, der sagt es denen da oben rein. Und in der Demokratie können die da oben alle sein.

Vier weitere Jahre? Donald Trump ist der ungewöhnlichste US-Präsident der Geschichte.
Foto: Reuters / Leah Millis

Ja darf er das denn?

Trump ist ungehobelt, derb und laut. Und er ist stolz darauf. Genau wie auf seine Rücksichtslosigkeit, seine Geschäftspraktiken und seine Frisur. Ungebremster Stolz hat ihn 2016 gewinnen lassen. Trotz seiner Geisteshaltung und seiner offensichtlichen Inkompetenz. Ja, es gibt in den USA tief verwurzelten Rassismus, Verschwörungsmythen ziehen auf Social Media weite Kreise. Durch beides wurde das Phänomen Trump sicher befördert. Aber die nötige Masse an Stimmen kam nicht von Verrückten oder Mistkerlen, sondern von Menschen, die an seiner Weltsicht durchaus Anstoß nehmen. Gewählt wurde Trump, weil er zumindest eines nicht ist: höflich.

Dass nicht nur Demokraten an der Demokratie teilnehmen, wissen wir seit Goebbels. Ihr Zeremoniell lässt mehr Spielraum für Sabotage als jede andere Staatsform. Demokratisierung ist ständige Pflicht, sonst verkommt auch der demokratische Staat schnell zur Obrigkeit. Wer davon nicht profitiert, ist für moralische Konventionen nicht empfänglich. Höflichkeit, das geziemende Benehmen bei Hofe, beeindruckt, solange wir Herrschende fürchten oder respektieren. Gibt es genug zu verteilen, kann man unseren Respekt auch erkaufen. Sobald der Nikolo aber keine guten Sachen mehr im Sack hat, wird der alte Klugscheißer vom Krampus verdrängt. Weil der ist schnell und stark und unbekümmert. Der druckst nicht herablassend herum. Der geniert sich nicht für das, was er ist. Der Krampus zeigt her, was er hat.

Ein Paragimenwechsel

Wir leben in der bestdokumentierten Welt aller Zeiten. Unsere vielen Daten können wir weder ordnen, noch besprechen und schon gar nicht verstehen. Ein Bruchteil dessen, was wir wissen könnten, erreicht uns täglich in Form einer Vielzahl von Nachrichten, die in Widerspruch und Konkurrenz zueinander stehen. Unterschiede zwischen Wissen und substanzlosem Gerede bestehen dabei fort, und die Popularisierung des Wissens bleibt Voraussetzung für Demokratie. Aber je entschlossener sich der Markt vom Sozialen emanzipiert, desto weniger breit wird Wissen gestreut. Es lohnt sich einfach nicht.

Der Masse Qualität zu verkaufen, das ist ein schlechtes Geschäft. Eine langlebige Waschmaschine pro Haushalt rentiert sich nur, wenn der Staat bei Entwicklung und Produktion zuschießt. Im Turbokapitalismus wird reich, wer unsere Gefühle und Gedanken als billige Ressourcen begreift und zur Quote gebündelt verkauft. Aufmerksamkeit ist eine Frucht, die für Anzeigenkunden angebaut und geerntet wird. Ihr Preis wird bestimmt von Ratings und Votings, die seit Jahrzehnten den Diskurs prägen. Relevanz drückt sich in Zahlen aus, weniger in Worten. Das Internet hat diese Entwicklung besiegelt. Davon haben sich Optimisten einen Machtwechsel erhofft. Es ist beim Paradigmenwechsel geblieben.

Dampf ablassen

Wir sind weder hilflos noch blöd. Schon beim Frühstück bemerken wir, wie kaputt die Welt ist, die wir unseren Kindern hinterlassen. Und das trotz massiven Wohlstands und enormen Wissens. Wer sich das leisten kann, hat deshalb ein schlechtes Gewissen. Für die kleine Geldbörse bleiben Angst und Zorn. Ein Machthaber, der in solchen Zeiten höflich bleibt, muss froh sein, dass er nur abgewählt wird und nicht auf der Guillotine landet. Eliten, die Vertrauen verlieren, rufen oft Narren zu Hilfe. Showtime für Figuren wie Trump.

Als Günstlinge des Hofes betreiben sie kontrollierten Regelbruch. Das Volk soll Dampf ablassen. Die Freiheit bleibt dabei eine Simulation, deutlich markiert von der Narrenkappe. Europas Rechte hat die Figur des grinsenden Schelms, des Tricksters, in den politischen Mainstream eingeführt. Und die Sponsoren nahmen dankbar an. Clowns wie Trump sollten dekadenten Eliten den Anschein des Demokratischen retten. Sie sollen nach der Macht greifen. Kommen sie wirklich ran, hört die Sache auf, komisch zu sein.

Offen Scheitern

Komik bezieht ihre große Kraft daraus, dass ihr Protagonist sein Scheitern offen darlegt. So ist das Leben. Wir scheitern mal besser, mal schlechter. Komik zeigt, dass es einen Moment gibt, nach dem Verlust der Souveränität. Und der kann sehr schön sein. Außer man ist kein Demokrat. Für Trump wird das die Hölle. Satire darf alles, außer gewinnen. (Hosea Ratschiller, 1.11.2020)