Mit Plakaten, die zur Stimmabgabe aufrufen, wollen Trump-Gegner in Pennsylvania möglichst viele Nichtwähler aus ihrer Apathie reißen.

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Es waren teils verwirrende Nachrichten, die am Wochenende von den Umfrage-Instituten zu hören waren. Nein, die Wahl ist nicht knapp, Joe Biden ist landesweit deutlich voran. Doch es ist ziemlich knapp, die wichtigsten Bundesstaaten sind alles andere als entschieden. Beides ist richtig – denn einmal mehr ist es nicht das Gesamtergebnis, das zählt, sondern der Kampf um mindestens 270 Stimmen der Wahlleute. Dabei geht es gleich in einigen Bundesstaaten, die entscheidend sein könnten, weiter eng zu.

  • Es ist, glaubt man den Wahlforschern, wohl der entscheidende Bundesstaat schlechthin. Wer Pennsylvania (20 Wahlleute) gewinnt, hat gute Chancen, auch nächster Präsident zu werden. Und Umfragen sahen zuletzt eigentlich einen klaren Führenden: Joe Biden. Nervös sind viele trotzdem. Bidens Vorsprung ist mit rund fünf Prozentpunkten weniger klar als seine landesweite Führung. Und rund fünf Prozentpunkte waren es auch, um die Umfragen 2016 dort Trump unterschätzen. Zwar haben die meisten Institute mittlerweile ihre Methoden geändert und verbessert, aber so ganz sicher ist man sich nicht. Sollte Biden Pennsylvania verlieren, ist eine Niederlage zwar nicht sicher – die Chancen für den Sieg sinken laut Berechnungen der Statistikseite Fivethirtyeight aber von 90 auf nur noch etwa 50 Prozent. Klarheit gibt es womöglich erst zum Wochenende hin: Pennsylvania zählt die Briefwahlstimmen spät aus. Das könnte Trump argumentativ ausnutzen und den Sieg vorzeitig für sich reklamieren. Bei den Stimmen vom Wahltag, die am Dienstag bereits feststehen, wird ihm nämlich ein Vorteil von rund 60 zu 40 Prozent oder mehr vorhergesagt. Erst durch die Briefwahl werden die Demokraten aufholen. Und diese Stimmen dürfen bis zu drei Tage nach dem Wahltag eintreffen, sofern sie einen Poststempel vom 3. November oder früher haben. Dagegen haben die Republikaner zwar geklagt, aber der Supreme Court hat diese Regelung zuletzt vorläufig nicht beanstandet. In Reaktion darauf haben die Republikaner eine ähnliche Klage erneut eingebracht, woraufhin es der Supreme Court abgelehnt hat, in einem Eilantrag darüber zu urteilen. Er schloss aber nicht aus, darüber später noch zu entscheiden. Zur Erinnerung: Am Supreme Court sitzt erst seit einer Woche die im Eilverfahren bestätigte erzkonservative Richterin Amy Coney Barrett.

  • Auch Michigan gilt mit seinen 16 Wahlleuten als weiterer entscheidender Swing-State, und Joe Bidens Vorsprung ist hier deutlicher, als es Hillary Clintons vor vier Jahren in den Umfragen war. Fivethirtyeight räumt Biden hier eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit auf den Sieg ein. Dennoch könnte es dauern, bis das Ergebnis feststeht: Die Wahllokale schließen zwar schon um 3 Uhr MEZ, die Briefwahlstimmen dürfen aber erst ab 2. November bearbeitet werden. Aus der Regierung des Bundesstaates selbst heißt es, es könnte sich bis Freitag ziehen, bis tatsächlich alle Stimmen ausgezählt sind und jemand zum Gewinner erklärt wird. Da die Briefwahlstimmen erst nach den Stimmen vor Ort gezählt werden, könnte Trump auch hier seine Argumentation einsetzen, dass ihm der Sieg gestohlen worden sei.

  • Wisconsin ist ähnlich wie Michigan ein zentraler Swing-State, der aber diesmal deutlicher als vor vier Jahren in die blaue Richtung tendiert. Fivethirtyeight beziffert Bidens Chancen, die zehn Wahlleute zu bekommen, mit 94 Prozent. Mit der Verarbeitung der Briefwahlstimmen wird hier erst am Wahltag begonnen, Gouverneur Tony Evers kündigte an, ein Ergebnis werde wahrscheinlich noch nicht in der Nacht, vielleicht aber schon am nächsten Morgen feststehen – also gegen Mittag MEZ.

  • Auch wegen der Unklarheit, die um diese drei Staaten lange herrschen wird, versucht die Wahlkampagne Joe Bidens, weitere Staaten dazuzugewinnen, die schnell auszählen. Dazu zählt Ohio (18). Der einstige Swing-State galt zuletzt als eindeutig republikanisch, jüngste Umfragen ließen aber ein sehr knappes Rennen vermuten. Fivethirtyeight sah Trump zuletzt nur 0,2 Punkte voran. Auch in der Biden-Kampagne wittert man die Chance. Am Montag wurde der Kandidat zu einem überraschenden Besuch in der Großstadt Cleveland erwartet. Die Wahllokale schließen in Ohio um 1.30 Uhr MEZ, bis 2 Uhr werden die Ergebnisse der schon vor längerer Zeit eingelangten Briefwahlstimmen erwartet, die wahrscheinlich in Richtung Demokraten tendieren werden. Die Stimmen vom Wahltag folgen etwas später in der Wahlnacht und werden wohl einen "red shift" bringen. Die Ergebnisse der Briefwahlstimmen, die nach dem Wahltag einlangen (bis 13. November sind sie mit Poststempel vom 3. November erlaubt), werden erst zwischen 14. und 18. November folgen.

  • Sorge bereitete den Demokraten zuletzt Iowa. Zwar ist der kleine Midwest-Staat mit seinen sechs Wahlleuten für den Sieg nicht so wichtig, er ist aber Heimat des vielleicht angesehensten Umfrage-Instituts der USA, Selzer & Company. Dieses veröffentlichte am Samstag eine Befragung, die Trump mit sieben Punkten voransah, nachdem er im September noch gleichauf mit Biden gelegen war. Eine ähnliche Umfrage hatte es auch 2016 gegeben, sie hatte damals die Verluste der Demokraten im Mittleren Westen ziemlich genau vorhergesagt. Allerdings: Damals lieferten andere Institute ähnliche Last-Minute-Ergebnisse, heuer aber nicht. Bidens Kampagne glaubt jedenfalls weiter daran, auch Iowa gewinnen zu können. Der Demokrat war am Freitag dort zu Gast.

  • Bessere Nachrichten gab es für die Biden-Kampagne aus Nevada (6). Der Staat, mit dem die Demokraten fix rechnen, wurde zuletzt in Umfragen wieder zu einem unsicheren Territorium. Weil in Nevada seit Jahren fast vorrangig via Brief gewählt wird und auch Statistiken darüber geführt werden, wer genau abstimmt, lässt sich dort aber schon ein bisschen etwas über das Ergebnis erahnen. Der Journalist Jon Ralston, der seit Jahren Wahlen im Bundesstaat analysiert, kommt im "Nevada Independent" zum Ergebnis, dass es für die Demokraten heuer besser aussieht als 2016. Damals gewann Hillary Clinton den Staat mit 2,4 Punkten Vorsprung.

  • Daten zum Early Voting, der vorzeitigen Stimmabgabe, gibt es auch aus Florida (29). Sie deuten, sagt der Politikwissenschafter und Analyst Michael McDonald auf seiner Homepage, auf ein knappes Rennen hin – was sich so auch in den Umfragen auch widerspiegelt. Entscheidend wird sein, welche Gruppen am Dienstag stärker zur Wahlbeteiligung beitragen. Sind es ärmere Weiße aus dem Nordwesten des Staates, hilft das Trump. Nimmt die Beteiligung von Hispanics und Schwarzen in Miami noch Fahrt auf, ist das gut für Biden. Eine Art Wild Card könnten, meint Analyst Dave Wasserman bei der Analyseseite Cook Report, die zahlreichen Senioren sein, die ihren Lebensabend im Sunshine State verbringen. Sie hatten 2016 Trump geholfen, sind laut Umfragen aber diesmal wegen dessen Corona-Politik und polemischer Angriffe auf Bidens Alter vergrämt. Wichtig ist Florida auch aus einem anderen Grund: Der Staat zählt Briefwahlstimmen schnell aus, ein Ergebnis könnte schon in der Nacht feststehen – wenn es nicht zu knapp wird.

  • Ähnlich es ist es North Carolina (15) und Georgia (16). Beide hatte Trump 2016 gewonnen, in beiden weisen sowohl Umfragen als auch Early Voting in Richtung eines sehr knappen Ergebnisses. Weil vor dem Wahltag eingelangte Stimmen schon vorab verarbeitet werden dürfen, sollte der Großteil der Stimmen bereits bei Wahlschluss ausgezählt sein (Georgia: 1 Uhr MEZ, North Carolina: 1.30 MEZ). Briefwahlstimmen, die mit Wahlstempel vom Wahltag abgeschickt werden, sind in North Carolina allerdings auch neun Tage nach der Wahl noch gültig – und könnten bei einem sehr knappen Rennen das endgültige Ergebnis verzögern. In Georgia werden nur jene Stimmen nach dem Wahltag noch gezählt, die aus Übersee ankommen.

  • Schon seit Jahren flüstern es die Demokraten, diesmal könnte es so weit sein. Arizona, der gut gebildete, ziemlich urbane und stark hispanische Staat im Südwesten könnte mit seinen elf Wahlleuten von den Republikanern zu den Demokraten wechseln. Knapp ist Bidens Vorsprung zwar – aber stabil bei zwei bis vier Prozentpunkten. Fivethirtyeight gibt ihm eine 70-prozentige Chance auf den Sieg. Wenn das Rennen hier aber knapp wird, könnte der Sieger erst am Donnerstag oder Freitag feststehen.

  • Texas gilt mit seinen 38 Wahlleuten als Sahnehäubchen für die Demokraten: Sollte die Wahlnacht für Biden wirklich gut laufen, könnte er auch diesen Bundesstaat gewinnen, der jahrzehntelang als sichere republikanische Bank galt. Das Rennen ist diesmal knapper als erwartet, kaum eine Umfrage sah Trump zuletzt mehr als vier Prozentpunkte in Führung. Fivethirtyeight schätzt seine Siegeschancen auf rund 60 Prozent. Texas zählt traditionell schnell aus, die Briefwahl wird wegen der hohen Hürden kaum genutzt. Obwohl es nur ein Vorwahllokal pro Wahlkreis gibt – dafür also lange Wege in Kauf genommen werden müssen –, wurde die vorzeitige Stimmabgabe sehr stark genutzt: Die gesamte dortige Wahlbeteiligung von 2016 wurde heuer bereits am vergangenen Wochenende erreicht. Diese vorzeitig persönlich abgegebenen Stimmen werden schon vor dem Wahltag verarbeitet und sich als Erstes im Ergebnis in der Wahlnacht widerspiegeln – was Biden zu Beginn einen Vorsprung verschaffen könnte. Die Stimmen vom Wahltag selbst könnten das Ergebnis aber wieder in Richtung Trump drehen. Entscheidend könnten die zuletzt eingelangten Briefwahlstimmen werden: jene, die bis Mittwoch um 17 Uhr Ortszeit (0 Uhr MEZ) im Wahllokal mit einem Poststempel vom Vortag ankommen. (Manuel Escher, Noura Maan, 3.11.2020)