Solidarisierte sich mit Österreich: Nordmazedoniens Premier Zoran Zaev.

Foto: AP / Boris Grdanoski

Der mazedonische Premier Zoran Zaev twitterte: "Schockierende Nachrichten kommen aus Wien, in Zeiten, in denen wir vereint bleiben und Solidarität aufbauen sollten. Ich verurteile nachdrücklich die Terroranschläge und jede Gewalttat. Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der Opfer, den Wienern und meinem Freund Sebastian Kurz." Neben dem Tweet waren die mazedonische und die österreichische Flagge zu sehen.

Wut auf den Terroristen

Unter dem Hashtag "Wir stehen an der Seite Österreichs" wird in diesen Stunden auch in Südosteuropa zu dem Anschlag in Wien Stellung bezogen. In Albanien, im Kosovo und in Nordmazedonien ist der Anschlag auch deshalb in aller Munde, weil der Attentäter aus einer albanischen Familie stammt. Umso größer ist die Wut der Albaner auf den Mann, der einen Imageschaden verursacht, und man versucht allerorts darauf hinzuweisen, dass auch eines der Opfer des Attentäters ein Albaner war, ein junger Mann, der ebenfalls aus Nordmazedonien, nämlich aus Struga, stammt.

Ganz besonders hervorgehoben wird, dass eine der Wiener Polizeibeamtinnen, die Montagnacht ihren Dienst versahen, einen kosovoalbanischen Background hat. Man will ja schließlich zu den Helden und nicht zu den Bösewichten gehören. Dabei hat der Täter eigentlich nichts mit dem Balkan zu tun, er wurde dort nicht sozialisiert. Radikalisiert hat er sich in Wien.

Dorf Čelopek

Nicht nur die Eltern des Attentäters sind aus dem Ort Čelopek in der Nähe der westmazedonischen Stadt Tetovo ausgewandert. Das haben auch viele andere Leute getan. Heute leben sie in Norwegen, in den USA oder eben in Wien. Denn in dem Balkanland ist es schwer, einen Job zu bekommen. In Čelopek spricht die große Mehrheit der Einwohner Albanisch. Lokalen Medien zufolge soll der Attentäter von Wien nur ganz selten in den Ferien nach Nordmazedonien gekommen sein, das letzte Mal zu einem Winterurlaub im vergangenen Jahr. Das große Haus in Čelopek, das seiner Familie gehört, ist wie viele Gastarbeiter-Häuser in der Region nicht bewohnt.

In Nordmazedonien spielt Religion insgesamt eine wichtige Rolle – sowohl die Orthodoxie als auch der Islam. Insbesondere nach dem Konflikt im Jahr 2001 etablierten sich auch radikalere Gruppen. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den Salafisten und der offiziellen Islamischen Glaubensgemeinschaft in Nordmazedonien, vor allem wenn es darum ging, wer welche Moschee betreuen durfte. Aber auch die Auftritte von radikalen Predigern und ausländische – meist aus Golfstaaten stammende – "Hilfsorganisationen", die versuchen, Leute mit einer radikalen Form des Islam in Verbindung zu bringen, bereiteten der offiziellen Islamischen Gemeinschaft im Land große Sorgen.

Jihad-Kämpfer

Als vor ein paar Jahren viele junge Männer auch aus südosteuropäischen Staaten in Richtung Syrien aufbrachen, um dort an der Seite von Terrororganisationen zu kämpfen, waren auch etwa 150 Mazedonier dabei. Manche kehrten zurück. Ein Gericht in Skopje hat erst im Vorjahr sieben solche Männer zu fünfjährigen Haftstrafen verurteilt. Bereits 2016 wurden sieben andere Islamisten verurteilt – darunter auch ein Prediger. Die Justiz in den südosteuropäischen Staaten geht besonders scharf vor, weil man Angst hat, dass sich andernfalls angesichts der Armut und Perspektivenlosigkeit auf dem Balkan noch mehr junge Männer vom politisch-radikalen Islam angezogen fühlen.

Ob der Attentäter überhaupt jemals Kontakte zu Salafisten auf dem Balkan hatte, ist unklar. In Skopje gibt es eine solche Gruppe, hinter der kuwaitische Geldgeber stecken sollen. Islamisten gibt es auch im Nordwesten des Landes, etwa unter den Torbeschen, den slawischsprachigen Muslimen im Land. In Wien gibt es einige Moscheen, die vor allem von Albanern besucht werden. Die wichtigste untersteht der offiziellen Islamischen Glaubensgemeinschaft. Aber es gibt auch kleinere Gruppen, wo auch Albaner hingehen, die salafistische Tendenzen zeigen. (Adelheid Wölfl, 3.11.2020)