Auftritt Donald Trump, Dienstagnacht Ortszeit. Der US-Präsident folgt minutiös dem Drehbuch seines angekündigten Siegs. Noch vor der abgeschlossenen Auszählung aller Stimmen rief er sich unter dem Jubel seiner Fans zum Sieger aus. Er werde den Supreme Court anrufen, um die Auszählung zu stoppen. Alles sei nämlich ein Riesenbetrug. Einen Beleg hat er dafür freilich nicht. Genau so hatte er es vor der Wahl angekündigt, genau so setzt er es jetzt um. Die Republikaner jubeln: ein Mann, der Wort hält. Ein Mann der Tat.

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Es war zu erwarten – zu akzeptieren ist es nicht. Die Trump'sche Vorgehensweise verstößt gegen sämtliche verfassungs- und wahlrechtliche Regeln, was für die eine Hälfte der USA längst ein vernachlässigbares Problem zu sein scheint. Der Zustand der Staaten, er spiegelt sich in dieser Szene wider: Rechtssicherheit und demokratische Werte werden von Trump mit Füßen getreten. Die US-amerikanische Demokratie, von der Idee her so konstruiert, dass das politische Führungspersonal nicht allzu großen Schaden anrichten kann, hat möglicherweise in Trump ihren Zuchtmeister gefunden.

Sich nun auf das Prinzip Hoffnung zu verlassen ist jedenfalls fahrlässig. Sollte Trump diesen Weg weiter vorantreiben – und das wird er wohl –, muss es von internationaler Seite starke Widerworte auch von "Freunden" geben. Warum nicht einen US-Präsidenten mit der Meinung konfrontieren, dass sein Handeln falsch ist? Die Demokratien in der EU pochen auf ihre Werte, trotzdem sehen sie abwartend zu, wenn der Präsident der weltweit führenden Demokratie einen Wahlgang vor seinem Ende abbrechen will. Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg meinte am Mittwoch: "Wir wollen keine USA der Nabelschau und Introversion." Richtig. Wollen wir nicht. Denn wir wollen eine USA mit korrekt ausgezählten Stimmen. So viel Zeit muss sein.

Die Hängepartie selbst übrigens, die nun am Wahlabend eingetreten ist, war immer eine realistische Option. Trotzdem hat Trump – der ewig Unterschätzte – einmal mehr besser abgeschnitten, als man es ihm zugetraut hat. Diesmal dürften sich die Fehleranalysen jedenfalls auf Florida konzentrieren, das Schwergewicht unter den Swing-States, das an die Republikaner ging. Trump hat hier vor allem bei männlichen Latinos weitaus besser abgeschnitten als vorhergesehen.

Bei dieser Gruppe verfing wiederum ein anderer genial überzogener Trump-Spin: die Geschichte über die Demokraten, die die USA in jene sozialistische Hölle verwandeln würden, denen die kubanischen oder nicaraguanischen Emigranten entkommen sind. Der demokratische Kompromisskandidat Biden und sein Team sind im Erzählen solcher einprägsamen Feindgeschichten weit weniger talentiert.

Es gelang nur bedingt, Trump als den schlechten Pandemie-Manager hinzustellen, der er augenscheinlich war. Und Biden konnte sich wohl auch nicht ausreichend als Wirtschaftsexperte und Anker in unsicheren Zeiten positionieren. Sonst hätte er eine größere Anzahl der viel zitierten "weißen Unterprivilegierten" zu den Demokraten zurückholen können.

Die große demokratische Abrechnung mit Präsident Donald Trump ist vorerst ausgeblieben. Auf die längst nicht mehr Vereinigten Staaten von Amerika kommen politisch wie wirtschaftlich unsichere Tage zu. (Manuela Honsig-Erlenburg, 4.11.2020)