Stimmen der TeilnehmerInnen und VeranstalterInnen der Gedenkkundgebung für die Opfer des Anschlags in Wien
DER STANDARD

Glocken läuteten, Kameras klickten, aber sonst war es weitgehend still, als sich Vertreter von 14 Religionsgemeinschaften am Donnerstag um 12 Uhr mittags auf dem Hohen Markt bei der Ankeruhr trafen. Von dort gingen unter anderem Kardinal Christoph Schönborn, Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural, der orthodoxe Metropolit Arsenios (Kardamakis) und der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka los, um gemeinsam an den Tatorten innezuhalten, wo Menschen am Montagabend ihr Leben verloren hatten. Auch zahlreiche Imame sowie muslimische Religionslehrerinnen und Religionslehrer und Bürger, die sich spontan angeschlossen hatten, nahmen teil.

Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Religionsgemeinschaften kamen am Donnerstag zu den Tatorten und gedachten der Opfer des Terroranschlags.
Foto: Christian Fischer

Kerzen und Bodenmarkierungen

Die Tatorte stechen nicht nur wegen vereinzelter Bodenmarkierungen der Ermittler ins Auge, die noch zu sehen sind, sondern vor allem wegen tausender Kerzen, Kränze und Blumen. Auch während des stillen gemeinsamen Weges über die die Jerusalem-Stiege zur Ruprechtskirche, dann zur Hauptsynagoge in der Seitenstettengasse und auf den Schwedenplatz, kommen immer wieder Menschen, legen Sträuße nieder oder zünden Kerzen an.

Wenige Stunden zuvor war es zu der spontanen Idee gekommen, als sich am Mittwochabend sofort alle von der Plattform der Vertreter der Kirchen- und Religionsgesellschaften in Österreichs bereiterklärt hatten mitzugehen, erzählt Rabbiner Hofmeister dem STANDARD. "Diesem Angriff auf unsere Gesellschaft und somit auf uns alle begegnen wir mit Solidarität, um auch unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen: Jegliche Form von Hass, Hetze, Gewalt oder gar Mord gibt es nicht und darf es nicht geben im Namen Gottes."

Pamela Rendi-Wagner, Othmar Karas und Christoph Wiederkehr bei der Gedenkkundgebung am Morzinplatz für die Opfer des Anschlags in Wien.
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Trauernde Jugend

Zudem, betont Hofmeister, hätten "in den vergangenen Jahren auch Menschen in Norwegen und Deutschland im Namen des Christentums gemordet, und niemals sei es ihm in den Sinn gekommen, deshalb alle Christen zu verurteilen, das werde es auch bei Muslimen nicht geben".

Trauernde brachten Blumen im Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in der Innenstadt.
Foto: Foto: APA / Helmut Fohringer

Vor dem Kerzenmeer in der Seitenstettengasse stehen fünf Schulkollegen im Alter zwischen 13 und 15, die den Weg "auch zur Bewältigung mitgehen, damit wir es richtig verstehen können", wie der 13-jährige Alain erzählt. Seine Schulkollegin Seedra, die vor vier Jahren aus Syrien nach Österreich kam, sagt: "Das ist nicht im Namen von unserem Gott passiert, das wollen wir Muslime nicht." Zudem sei sie traurig, weil sie vor Krieg geflohen sei – und "jetzt erlebe ich hier so etwas". Die Schule der Kinder ist in der Nähe des Schwedenplatzes. Ein 15-jähriger jüdischer Mitschüler, dessen Vater erst kürzlich an Covid-19 verstorben ist, erzählt, wie er den Montagabend erlebt hat: "Ich war in der Tempelgasse mit meinem Großvater in der Synagoge, und plötzlich hat man uns gesagt, wir müssen alle in einen Schutzraum nach unten gehen. Da haben wir dann bis elf oder zwölf gewartet."

Ohne Kippa

Sein Opa erlaube ihm seit Montag nicht mehr, seine Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Seine Mitschüler hören betreten zu. Alain und ein weiterer Freund sind Christen, Seedra Muslima und ein weiterer Freund und Mitschüler Buddhist. Warum man aus religiösen Gründen morden sollte, versteht niemand von der Freundesgruppe. Und sie haben Fragen. "Wissen Sie, war es wirklich nur ein Täter", wollen sie wissen. "Vielleicht sind wir jetzt alle sicherer, weil die Polizei jetzt besser auf uns aufpasst", hofft Seedra.

Unten auf dem Schwedenplatz ist eine junge Polizistin den Tränen nahe. "Es ist schwer zu glauben, man sieht so was immer nur im Fernsehen, und jetzt ist es bei uns passiert", sagt sie. Gefragt, ob sie nun Angst davor habe, zum Dienst zu gehen, lacht sie milde: "Nein, sicher nicht."

Zu einer Kundgebung auf dem Morzinplatz versammelten sich am Donnerstagnachmittag etwa 1000 Personen.
Foto: Matthias Cremer

Demo auf dem Morzinplatz

Auf dem nahen Morzinplatz ging es um 15.30 Uhr weiter mit einer Kundgebung, zu der die Jüdischen Österreichischen Hochschülerinnen und die Muslimische Jugend aufriefen und zu der an die tausend Menschen kamen. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner sprach dort von einem "Zeichen gegen den Hass", das die gemeinsame Aktion darstelle. (Colette M. Schmidt, 6.11.2020)