Das Schlimmste in diesem vermaledeiten Jahr 2020 ist es aber wahrscheinlich, dass das, was uns allen seit langem schon geschwant hat, nun allmählich zur Gewissheit geworden ist. Mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit stehen wir – im Abendland und seinen Vorgärten jedenfalls – am Rand einer Zeitenwende.

Foto: Getty Images / Lisa Schaetzle

Es war – wir brauchen uns da kein Blatt vor den Mund zu nehmen – ein Scheißjahr. Ein Jahr, das an aller Nerven zerrt. Zu eng getaktet waren und sind die Schreckensmeldungen. Corona, Terror, US-Wahlen: Ein einziges solches Ereignis hätte in ruhigeren Zeiten schon fürs ganze Jahr gereicht. Nun stellt eines das andere in den Schatten.

Man kommt gar nicht mehr nach, sich all das zu merken, was einen vor kurzem noch, wenn schon nicht um den Schlaf, so doch um die Tagesruhe gebracht hat. Zagreb: War da nicht auch ein Erdbeben? Beirut: Wann ist der Hafen in die Luft geflogen? London: Ist der Brexit schon in trockenen Tüchern?

Niemand wird 2020 vermissen. Jeder hat schon den Silvesterruf auf den Lippen. In leichter Abwandlung des mittlerweile geflügelten Wiener Hashtags: "Mach an Schuach, G’schissana!" Den wird das annus horribilis zwar sowieso machen. Aber es tut ganz gut, es mit den Blumen Wiens zu verabschieden.

Verbale Psychohygiene – an "asshole" a day keeps the doctor away – erspart zuweilen den Therapeuten. Man sollte aber nicht allzu viel Hoffnung hegen. Denn wie es innen in einem ausschaut, ist dem, was draußen vor sich geht, weitgehend wurscht. Jenes ist "Befindlichkeit", dieses "Geschichte". Letztere erleben wir gerade hautnah. Konzentriert wie selten. Es scheint, als wäre die Welt gerade dabei, sich umzustülpen.

Leere Blätter

"Die Weltgeschichte", so sagte es der fürs Moderne so fundamentale deutsche Philosoph Friedrich Hegel, "ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr." Der US-Amerikaner Francis Fukuyama hat – davon war zumindest Francis Fukuyama eine Zeitlang überzeugt – Hegels Weltendialektik zu Ende gebracht.

Es würden sich, so schrieb er 1992 in seinem Buch Das Ende der Geschichte, nach 1989 nur noch leere Blätter aneinanderreihen. Nach dem Sieg über den Kommunismus gebe es keine die Geschichte vorantreibenden Widersprüche mehr. Im Wesen des Westens, in der liberalen Demokratie, lösten sie allesamt sich auf.

Die im Westen – wir also – waren, selbst wenn sie der These die Ernsthaftigkeit ab- und typische Ami-Hybris zusprachen, so doch bezaubert von der Vorstellung, sich nun auf den leeren Blättern austoben zu können. In den von Hegel sogenannten "Perioden der Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes" sich nun endlich auch oder gerade ums Nebbiche – und ja, warum nicht: ums Kindische – kümmern zu dürfen. Wer sollte uns daran hindern?

Die Welt dreht sich, no na, auch 2021 weiter. Das hat sie immer noch getan. Aber es kann ganz gut sein, dass es dann eine rauere sein wird. Wir werden wohl mit dem zu Jahresbeginn noch ein bisserl belächelten Virus leben – und manche sterben – müssen.

Die Wahl in den USA hat die Leitnation der westlichen Welt auf lange Zeit beschädigt. Die Briten haben sich in sich und ihren Spleen zurückgezogen. Die Ungarn, die Polen, die Tschechen und die Slowaken auf ihre Weise auch. Das islamistische Damoklesschwert hängt weiterhin über einem auch ökonomisch nicht nur durch China bedrängten Europa, das sich selber auf immer erschreckendere Weise selber nicht mehr seiner gewiss ist.

Zeitenwende

Das Schlimmste in diesem vermaledeiten Jahr 2020 ist es aber wahrscheinlich, dass das, was uns allen seit langem schon geschwant hat, nun allmählich zur Gewissheit geworden ist. Mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit stehen wir – im Abendland und seinen Vorgärten jedenfalls – am Rand einer Zeitenwende. Jetzt, schon mitten im 21. Jahrhundert, wird das 20. recht disruptiv beendet. Die Rede davon geht schon länger.

Früher – die Älteren werden sich entsinnen – war alles, was auf sich hielt, "modern". Dann fing man an, das Postmoderne für modern zu halten. Selbst die liberale Demokratie, Fukuyamas finale Synthese der Geschichte, funktioniert nun postdemokratisch. Fürs Neue fehlen noch die Worte. Aber zumindest das Übergangl hat man benannt.

Und im postdiskursiven Zeitalter des beckmessernden Rechthabens, in dem wir uns in und mit den sozialen Medien befinden, reicht ja nicht selten das Benennen. So erspart man sich das Beackern und Bedenken und kann getrost jeden Tag eine neue Sau durch globale Dorf treiben.

Man kann die Rolle der postmodernen Kommunikationsmittel beim Gefühl, dass einem alles über den prämodernen Kopf wächst, gar nicht hoch genug einschätzen. Bei jeder Schandtat ist jeder mittendrin und hat, lang vor der Ahnung, eine klare Meinung. Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Unheils ist natürlich auch ein Resultat der "Echtzeit". Befeuert keineswegs nur vom Boulevard. Nur nix versäumen! Infotainment rund um die Uhr und die Welt.

Wir gehen ohne Zweifel spannenden, sehr spannenden Zeiten entgegen, so wir nicht eh längst schon drin sind. In China ist das ein Fluch: "Mögest du in interessanten Zeiten leben."(Wolfgang Weisgram, 8.11.2020)