Einschusslöcher in einer Lokaltür.

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Polizisten durchsuchten am Freitag zwei Moscheen in Wien.

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Als Teenager Richtung Syrien aufgebrochen, geschnappt und zu fast zwei Jahren Haft verurteilt: Es sind erstaunliche Parallelen, die Anzor W. und K. F. miteinander verbinden. Noch kurz bevor K. F. am Montag in die Wiener Innenstadt fuhr, um ein Blutbad anzurichten, sollen die beiden miteinander in Kontakt gestanden sein. Monate zuvor hatte W. mit seiner Familie noch selbst in Wien gelebt.

Für die Ermittler war das Grund genug, Freitagfrüh mit Polizisten der Eliteeinheit GSG9 in die Wohnung von W. in Schleswig-Holstein einzudringen. Außerdem wurden kurz zwei Verdächtige festgenommen, die im Juli 2020 den späteren Attentäter in Wien besucht hatten, sowie eine Person, die in Kontakt zum Umfeld des Täters stand. In Österreich waren bereits in den Tagen zuvor 15 Personen vorläufig festgenommen worden, über acht von ihnen wurde U-Haft verhängt, zwei sind noch nicht in Justizanstalten eingeliefert worden. Auch in der Schweiz setzte es zwei Festnahmen.

Eingebettet in ein Netzwerk

Damit sind derzeit 12 Personen im deutschsprachigen Raum in Verbindung zum Attentat in Wien in Gewahrsam. Ermittler gehen derzeit davon aus, dass F. bei der Tatausführung allein gehandelt hat. Hinter ihm steht aber ein Netzwerk, das nicht nur extremistische Propaganda verbreitet, sondern ganz konkret in Anschläge im deutschsprachigen Raum und Reisen ins syrische Kriegsgebiet verwickelt ist.

So tauchte der in Schleswig-Holstein verhaftete W. im Dunstkreis der Hildesheimer Moschee rund um Abu Walaa auf. Der Prediger galt als "Popstar" der deutschen Szene, bis er im November 2016 festgenommen wurde. Seit drei Jahren wird ihm nun der Prozess gemacht, es gilt die Unschuldsvermutung.

Anzor W., der Freund des Attentäters von Wien, schlug bereits 2016 im Umfeld von Abu Walaa auf. Der damals 17-jährige W. war mit einem gesuchten Jihadisten im Auto gesessen, als dieser aufgehalten wurde. Unter W.s Sachen fand man eine Namensliste mit salafistischen Gefangenen im deutschsprachigen Raum, auf der Liste befand sich auch eine Person aus Wien. Ebenfalls bei ihm: eine Liste an Dingen, die er vor seiner "Abreise" erledigen wollte: "Jeden Tag Joggen, wenn's geht", "fit halten", "Sünden unterlassen", "impfen" und "letzten Monat" mit der Familie verbringen sowie ihnen "Geschenke machen".

Kontakte bis nach Syrien

Knapp ein Jahr später war es dann so weit: W. machte sich im Frühjahr 2017 gemeinsam mit Freunden nach Syrien auf, wurde aber in Bulgarien gestoppt. Ein Hamburger Gericht verurteilte die Gruppe später wegen staatsgefährdender Handlungen. Der spätere Wiener Attentäter wollte 2018 nach Syrien, er schaffte es im Herbst bis in den türkischen Grenzort Hayat, wo er in einem "Safe House" des IS mit deutschen Jihadisten des IS auf die Weiterreise nach Syrien wartete.

IS-Kontakte tauchten nicht auf, dafür aber türkische Polizisten, die ihn nach Wien abschoben. Dort wurde er dann zu zwanzig Monaten Haft verurteilt und Ende Dezember 2019 unter Auflagen freigelassen. Das Netzwerk von Abu Walaa rückte noch einmal besonders stark nach dem Terroranschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin in den Fokus der Ermittler. Zum Zeitpunkt der Tat im Dezember 2016 war Abu Walaa zwar schon in Haft, zuvor hatte sein Umfeld jedoch permanent mit dem Attentäter von Berlin kommuniziert. Laut Aussagen eines Syrien-Rückkehrers und einer "Vertrauensperson" der deutschen Behörden hatten Abu Walaa und sein Umfeld direkte Kanäle in die Führungsebenen des IS.

Dazu könnte auch der Wiener Mohammed M. zählen, der eine deutschsprachige Einheit angeführt haben soll. Der predigte vor seiner Ausreise nach Syrien wiederum in jener Moschee in Wien-Ottakring, in der sich später der Wiener Attentäter radikalisiert hat – und die nun geschlossen werden soll.

Das Ebu-Tejma-Netzwerk

Ein weiterer prominenter Name in der deutschsprachigen Szene ist Mirsad O. alias Ebu Tejma. Sein Umfeld soll für rund 40 Ausreisen nach Syrien verantwortlich sein. Laut Kennern der Szene sind die Netzwerke von Abu Waala und Ebu Tejma "zumindest lose" miteinander verbunden. Im Umfeld des Grazer Predigers soll es möglich gewesen sein, sich gefälschte Pässe zu besorgen. Tejma wurde 2016 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Er ist damit einer von insgesamt 54 Personen, die derzeit wegen terroristischer Delikte eine Haftstrafe in Österreich verbüßen. Insgesamt setzte es seit dem Jahr 2013 exakt 172 Verurteilungen wegen der "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung", wie das Justizministerium dem STANDARD mitteilte. Wegen "terroristischer Straftaten" wurden lediglich 13 Personen verurteilt. Laut Ermittlerkreisen soll es in Österreich 300 Ausreisen für jihadistische Zwecke und rund 90 Rückkehrer gegeben haben.

Schauplatz Balkan

Tejma stammt aus dem Sandschak, zog 1992 nach Österreich, der Völkermord auf dem Balkan habe ihn aber sozialisiert und er wurde später im arabischen Raum ausgebildet, sagt Vedran Džihić. Er ist Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik und beschäftigt sich intensiv mit der salafistischen und jihadistischen Szene auf dem Balkan. Tejma genießt bis heute Kultstatus unter salafistischen Jugendlichen. "Dass er einsitzt, hat das wohl noch einmal verstärkt".

Von Bosnien über den serbischen Sandschak bis hin zum Kosovo bildeten sich etliche islamistische Zellen nach den Kriegen in den 1990er-Jahren immer stärker heraus. Auch weil nach dem Fall Ex-Jugoslawiens zwischen katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniern die religiöse Spaltung immer stärker wurde, erklärt Džihić.

Den Balkan bezeichnet der Wissenschafter als eines der wichtigsten salafistischen und jihadistischen Zentren Europas, dort werde die Ideologie weiterentwickelt. Die Szene ist daher auch wesentlich größer als in der Diaspora. Aber es gibt einen regen Austausch, eine "pulsierende Ader", wie es Džihić ausdrückt, unter anderem auch mit der salafistischen Szene in Österreich.

Ein Waffenarsenal für Jihadisten

Allein die geografische Nähe wie auch die Zahl der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien hierzulande seien ein gutes Fundament für ein größeres islamistisches Netzwerk. Bewegung zwischen den Zellen auf dem Balkan und Österreich nimmt Džihić vor allem von der älteren Anhängerschaft wahr. Die Jüngeren würden sich eher über das Internet sowie über soziale Netzwerke radikalisieren und "daheim" erweiterte Gemeinschaftskreise mit Islamisten aufbauen, die durchaus auch Wurzeln in unterschiedlichen Ländern haben.

Man hilft seinen "Brüdern" aber offensichtlich auch finanziell. Seit der Salafistenführer in Bosnien, Bilal Bosnić, 2014 verhaftet wurde, "verdichteten sich die Hinweise, dass aus den österreichischen salafistischen Netzwerken Geld nach Bosnien und in den Sandschak geflossen ist", heißt es in einem 2016 erschienenen Arbeitspapier von Džihić. Mirsad O. und Bosnić sollen bei der Anwerbung von IS-Kämpfern ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt haben, führt er aus.

In Sachen Waffen dürfte der Balkan überdies ein Arsenal für Jihadisten sein. Die Kalaschnikow des Attentäters stammte aus Ex-Jugoslawien, auch beim Anschlag von Paris 2015 beispielsweise waren Sturmgewehre aus dem ehemaligen Jugoslawien und ehemaligen Ostblock im Einsatz. Wir wissen, dass nach dem Ex-Jugoslawien-Kriegen Millionen von Handwaffen und Kalaschnikows vorhanden sind", sagt Džihić. "Wer heute in Bosnien und dem Kosovo selbst als Privatperson eine Waffe haben will und das nötige Kleingeld hat, der bekommt sie mit Sicherheit." (Fabian Schmid, Jan Michael Marchart, 6.11.2020)