Das Verhältnis zwischen Joe Biden und Wladimir Putin, hier bei einem Treffen in Moskau 2011, gilt als distanziert.

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Während weltweit Staatsführer nach dem Ende des tagelangen Auszählungskrimis nun eilig ihre Glückwünsche an Joe Biden formulieren, herrscht im Kreml Funkstille. Weder das Außenministerium, noch Präsident Wladimir Putin oder sein Sprecher Dmitri Peskow äußerten sich vorerst zum Wahlausgang.

Die Zurückhaltung hat gleich mehrere Gründe: So richtig glücklich ist die russische Führung mit der Personalie Biden nicht. Der 77-Jährige hatte sich laut dem russischen Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow schon 2011 unbeliebt gemacht, als der damalige US-Vizepräsident bei einem Besuch in Moskau Putin scherzhaft fragte, warum er so lange an der Macht bleibe und nicht seinen Ruhestand genieße. Die Spitze wurde im Kreml als Einmischung in die inneren Angelegenheiten aufgefasst.

Der Kreml hält sich aber auch zurück, weil ihm selbst ja Einmischung in die vorangegangenen US-Wahlen vorgeworfen wird – mit den entsprechenden Sanktionen. Nun legt die russische Führung demonstrative Distanz an den Tag.

Stimmen aus der zweiten Reihe

Zu Wort haben sich daher bisher Politiker aus dem Parlament gemeldet, das in der russischen Gewaltenteilung eher zweitrangig ist. So erklärte der Senator Konstantin Kossatschow, dass die US-Wahl "keinen eindeutigen, uneingeschränkten und überzeugenden Sieger" hervorgebracht habe, sondern vielmehr die Zerrissenheit Amerikas demonstriere.

Positiv vermerkte er, dass mit dem Sieg Bidens das Thema der russischen Wahleinmischung aus der amerikanischen Innenpolitik verschwinde. Doch zugleich sei mit der Präsidentschaft des Demokraten eine Revanche aller "nicht konservativen Kräfte" zu erwarten. "Das bedeutet mehr Russophobie in Europa, mehr Tote im Donbass und anderen Hotspots sowie mehr Sanktionen aus politischen Motiven, wenn wir von den direkten und einfachsten Folgen reden", kommentierte Kossatschow.

Ähnlich argumentieren Kossatschows Kollegen, die Senatoren Alexej Puschkow und Andrej Klimow. Für Russland gebe es keinen guten Kandidaten bei der US-Wahl, schrieb Puschkow, doch Bidens Siegesrede habe gezeigt: "Die USA kehren zu der ideologiegetränkten Politik zurück, die auf die Rückgewinnung der Hegemonialstellung zielt".

Sorge wegen Sanktionen

Klimow erklärte, dass sich unter Präsident Biden die antirussische Rhetorik verstärken werde. Die Sanktionen seien ebenfalls von den Demokraten initiiert worden, die unter "ihrem" Präsidenten nun noch aktiver würden, prognostizierte der Senator.

Populistenführer Wladimir Schirinowski, der vor vier Jahren zum Sieg Donald Trumps ein Bankett in der Duma ausrichten ließ, will den Sieg Bidens überhaupt nicht anerkennen. Er forderte Trump auf, weiter zu kämpfen und vom Gericht alle Stimmen, die nach dem Wahltag eingegangen seien, aussortieren zu lassen. Denn, zeigte sich Schirinowski überzeugt, die Mehrheit der Amerikaner sei für Trump. (André Ballin aus Moskau, 8.11.2020)