Prinzessin Diana packte in dem Interview damals aus.

Foto: REUTERS/Hannah McKay/File Photo

Pünktlich zum 25. Jahrestag verursacht in der britischen Öffentlichkeit einer der sensationellsten Fernsehmomente des 20. Jahrhunderts neuerlich Furore. Im November 1995 hatte Prinzessin Diana in einer Beichte vor 23 Millionen Live-Zuschauern mehrfachen Ehebruch zugegeben, sich als bulimiekrank geoutet und ihren Mann, den Thronfolger Prinz Charles, als Schwächling dargestellt.

Das lange Interview der vom Volk so genannten "Königin der Herzen" erschütterte die Monarchie in ihren Grundfesten. Der Bruder der 1997 tödlich verunglückten Prinzessin fügt dem Kapitel der Zeitgeschichte nun ein kurioses Nachwort hinzu: Den Zugang zu Diana habe der Reporter der BBC mit Fälschungen und Lügengeschichten erlangt.

Dass die Ehe der glamourösen Royals zehn Jahre nach ihrer vermeintlichen Traumhochzeit 1981 nur noch auf dem Papier bestand, wussten selbst mäßig Interessierte damals längst.

Diana-Buch laut Buckingham-Palast "Erfindung"

1992 veröffentlichte Andrew Morton in "Diana – meine wahre Geschichte" Details der Krankheitsphasen der jungen Prinzessin und ihrer Affären, berichtete sogar von einem Selbstmordversuch. Das millionenfach verkaufte Buch wurde vom Buckingham-Palast als Erfindung abgetan, Diana selbst leugnete jeden Kontakt mit dem Autor. In Wirklichkeit hatte sie Mortons Fragen ausführlich beantwortet und die Aufnahmen einem gemeinsamen Bekannten zukommen lassen.

Zwei Jahre später bestätigte Thronfolger Charles, was Morton behauptet hatte: In einem sympathisierenden TV-Porträt ließ sich der Prinz das Geständnis entlocken, er habe seine Affäre mit Camilla Parker Bowles wiederaufgenommen – aber erst nachdem die Ehe mit Diana "unwiderruflich zerstört" gewesen war.

"Es gab drei in dieser Ehe"

Die Prinzessin sann auf Rache. Insofern war ihre Zustimmung zu einer ausführlichen Befragung durch die BBC keine große Überraschung, das Medieninteresse dennoch riesig. Und die Details stellten tatsächlich eine Sensation dar. Nicht nur reichte die damals 34-Jährige mit der berühmten Anschuldigung "Es gab drei in dieser Ehe, da wurde es etwas eng" öffentlich die Scheidung ein und berichtete von ihrem mehrjährigen Verhältnis mit dem Offizier James Hewitt.

Sie brachte auch Zweifel an Charles' charakterlicher Eignung als König an und zeichnete ein Bild von sich als unschuldiges Lamm auf dem Altar der Monarchie. "Aber ich lasse mich nicht zum Schweigen bringen." Kurz darauf befahl die Queen den verfeindeten Rosenkriegern die Scheidung, die ein Jahr später vollzogen wurde.

Kontakt zum Bruder

In der Medienbranche gab es nur eine Frage: Wie konnte ein damals weithin unbekannter Reporter des TV-Magazins "Panorama" den Scoop des Jahres landen, hinter dem doch sämtliche Größen der Fernsehwelt, allen voran der berühmte BBC-Interviewer David Frost und die US-Talkqueen Oprah Winfrey, her waren? Die Antwort liefert nun Dianas jüngerer Bruder Charles Spencer, mittlerweile 56, in einer Dokumentation des TV-Kanals Channel Four. Demnach meldete sich Martin Bashir im Sommer 1995 bei dem Grafen, von dem er zu Recht glaubte, dieser könne ihm Zugang zur Prinzessin verschaffen.

Nicht nur habe Bashir ihm allerlei Lügengeschichten, etwa über die umfangreichen Abhörmethoden des Palastes sowie die Aids-Erkrankung eines führenden Royals, aufgetischt, berichtet Spencer. Der Reporter legte auch gefälschte Kontoauszüge vor – sie sollten als Beweis dafür dienen, dass ein früherer Angestellter der Grafenfamilie auf Schloss Althorp den Geheimdiensten Familiengeheimnisse zugetragen habe.

Gegen brüderlichen Rat

Spencer zeigte sich davon so beeindruckt, dass er zunächst tatsächlich als Mittelsmann zwischen Bashir und seiner Schwester fungierte. Später habe er Diana aber von dem "Panorama"-Gespräch abgeraten. Dass sich die Prinzessin über den brüderlichen Rat hinwegsetzte, rief bei dem als jähzornig bekannten Grafen eine heftige Reaktion hervor. Schriftlich bezichtigte er Diana der "Manipulation und Täuschung" und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, sie werde sich "wegen psychischer Probleme in Behandlung" begeben.

All diese mehr oder weniger unerfreulichen Details hat die britische Presse begeistert breitgetreten. Inzwischen hat BBC-Intendant Tim Davie dem Grafen eilfertig eine neuerliche Überprüfung der Vorwürfe versprochen. Diese wird in jedem Fall peinlich. Denn der Vorgänger des frischgebackenen Generaldirektors, Lord Tony Hall, war vor einem Vierteljahrhundert Nachrichtenchef des Senders und damit zuständig für jene Nachforschungen, die Bashir bereits 1996 über sich ergehen lassen musste.

Schon damals war von Fälschungen die Rede – und davon, die Prinzessin selbst habe der BBC eine Art Persilschein ausgestellt: Dem Interview mit Bashir, so ein handschriftliches Schreiben aus dem Kensington-Palast, habe sie freimütig zugestimmt; Dokumente, ob echt oder gefälscht, hätten dabei keine Rolle gespielt. Ob Spencers Vorwürfe nun zu einem anderen Ergebnis beitragen als damals?

Ziel der Brexit-Regierung

Für den berühmtesten öffentlich-rechtlichen Sender der Welt kommt die Episode jedenfalls zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Brexit-Regierung des populistischen Premierministers Boris Johnson hat sich den vermeintlichen Hort liberaler Europafreunde zum Lieblingsfeind erkoren, Chefberater Dominic Cummings nannte schon 2004 "das Untergraben der Glaubwürdigkeit der BBC" als strategisches Ziel der nationalistischen Rechten. Für die Dauerkritiker passt die Attacke des Grafen ins Bild einer viel zu regierungs- und monarchiekritischen Rundfunkanstalt. Höhnisch reagieren sie auch auf die kleinlaute Feststellung der BBC-Archivare, das wertvolle Schreiben der Prinzessin sei leider nirgends auffindbar.

Peinlich, gewiss. Unglücklicherweise leidet der mittlerweile 57-jährige Bashir an einer schweren Covid-19-Erkrankung, kann deshalb zu den neuen Vorwürfen nicht Stellung nehmen. Vieles spricht aber dafür, dass die Einlassungen des eitlen, medienaffinen Grafen bald ad acta gelegt werden – abgehakt als Teil des Mythos Diana, eines Phänomens aus dem vergangenen Jahrhundert. (Sebastian Borger aus London, 9.11.2020)