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Nicht nur in den USA steht seit Sonntag der neue Regierungschef fest, auch andernorts wurde am vergangenen Wochenende ein neues Oberhaupt gekürt: Der Souveräne Malteserorden hat am Sonntag in Rom einen neuen Übergangschef gewählt. Hier wie da sorgte die Briefwahl für Probleme: Während in den USA das Ergebnis aufgrund der langsamen Auszählung tagelang auf sich warten ließ, ist in der Verfassung des Malteserordens eine Abstimmung per Post schlicht nicht vorgesehen – zur Wahrnehmung des aktiven Wahlrechts ist eine Anwesenheit vielmehr vorgeschrieben. Und wie auch in den USA standen ausschließlich Männer fortgeschrittenen Alters zur Wahl. Immerhin: Der neue Chef des Malteserordens ist rund sieben Jahre jünger als der neue Präsident der Vereinigten Staaten.

Neuer Luogotenente

Die Wahl war durch den Tod des Großmeisters im Frühjahr nötig geworden. Der Große Staatsrat, das zuständige Wahlgremium, bestimmte den 70-jährigen Italiener Marco Luzzago zum Luogotenente di Gran Maestro, dem Statthalter des Großmeisters. Der Mediziner Luzzago ist seit 1975 Mitglied im Malteserorden. Er stammt aus einer Adelsfamilie aus Brescia, deren Wurzeln sich bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Darüber hinaus besteht eine verwandtschaftliche Verbindung mit Papst Paul VI.

Marco Luzzago wurde zum Luogotenente di Gran Maestro gewählt.
Foto: Souveräner Malteserorden

Ende April war der 80. Großmeister des Ritterordens, Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto, 75-jährig verstorben. Die Leitung des Ordens wurde bis zur Wahl eines Nachfolgers verfassungsgemäß vom Großkomtur des Ordens, dem Portugiesen Ruy Gonçalo do Valle Peixoto de Villas Boas, als Luogotenente ad interim, also als interimistischer Statthalter des Großmeisters, übernommen.

Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto verstarb im April.
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Luzzago wird seine neue Funktion, die mit den gleichen Befugnissen wie das Amt des Großmeisters ausgestattet ist, für ein Jahr innehaben. Vor Ablauf seiner Amtszeit muss er erneut den Großen Staatsrat einberufen, welcher dann den künftigen Großmeister bestimmen wird. Luzzago erhielt bei der Abstimmung eine große Mehrheit, teilte der Orden mit. Allerdings war die Abhaltung des Großen Staatsrates nicht kritiklos durchgeführt worden: Von den 56 stimmberechtigten Mitgliedern, darunter auch zwei Frauen, waren nur 44 bei der Wahl in der Magistralvilla, dem Sitz des Ordens in Rom, anwesend. Wegen der Corona-Pandemie wurde im Garten der Magistralvilla unter einem Zelt abgestimmt, um die vorgeschriebenen Abstandsregeln einhalten zu können.

Gewählt wurde wegen der Corona-Pandemie im Garten der Magistralvilla n Rom.
Foto: AP/Camilli

Verschiebung gefordert

Eigentlich hätte die Wahl binnen drei Monaten nach dem Tod des Großmeisters stattfinden müssen, doch die Corona-bedingten Einschränkungen machten eine fristgerechte Abhaltung unmöglich. Kritiker forderten kurz vor dem Zusammentreten des Großen Staatsrates in einem Brief an den erst am 1. November ernannten päpstlichen Sonderbeauftragten für den Malteserorden, Erzbischof Silvano Maria Tomasi, sogar eine weitere Verschiebung. Tomasi erhielt an seinem zweiten Arbeitstag ein auch an den Großkomtur Villas Boas adressiertes Schreiben des ehemaligen Großmeisters Matthew Festing und sechs weiterer englischer Professritter des Ordens. Darin beklagen sie, dass sie wegen der Corona-Sperren nicht an dem Großen Staatsrat teilnehmen könnten. In England wurde ab 5. November ein kompletter Lockdown verhängt.

Angesichts der "drastisch reduzierten Teilnehmerzahl" sahen Festing und die anderen Unterzeichner des Briefes die Gefahr, dass das religiöse Oberhaupt des Ordens "von einem Gremium gewählt wird, in dem die überwiegende Mehrheit aus nichtreligiösen Mitgliedern besteht". Tomasi solle daher die Abstimmung verschieben, bis eine persönliche Teilnahme möglich sei oder vom Orden eine Wahlmöglichkeit aus der Ferne eingerichtet wurde. Eine solche ist jedoch in der Verfassung nicht vorgesehen. Ein Sprecher der Malteserregierung sieht die Gründe für das Fernbleiben einiger Wahlberechtigter eher ihrem hohen Alter.

Die Malteser bei einer Audienz bei
Papst Franziskus im Juni 2019.
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Hintergrund des Protestschreibens ist die Sorge einiger Ordensangehöriger um die Traditionen des mehr als neunhundert Jahre alten Ritterordens. Dieser benötigt dringend Reformen: Die strengen Bestimmungen sorgen für ein Nachwuchsproblem in der Organisation. So muss ein Kandidat für das Großmeisteramt eine jahrhundertealte Adelslinie nachweisen können und seit einer bestimmten Zeit gemäß den Regeln des Ewigen Gelübdes gelebt haben. Bei der Wahl am Sonntag trafen die Kriterien gerade einmal auf elf mögliche Kandidaten zu.

Schon im Jahr 2017 hatte der damalige Luogotenente ad interim, der Österreicher Ludwig Hoffmann-Rumerstein, im STANDARD-Interview erklärt, dass die Ordensverfassung dringend reformiert und auch ein Alterslimit für die Ämter eingeführt werden müsse.

Zweifel an Dokument

Großmeister Dalla Torre soll daher noch auf dem Sterbebett ein Dekret zur Einberufung eines Generalkapitels im November unterzeichnet haben. Das Generalkapitel ist die höchste Ordensversammlung, dabei kommen die Vertreter der verschiedenen Ordensstände zusammen. Änderungen der Ordensverfassung müssen vom Generalkapitel beschlossen werden. Das Dokument, das mit dem Tag vor dem Tod Dalla Torres datiert ist, wurde jedoch vom päpstlichen Sonderbeauftragten für den Malteserorden, Giovanni Angelo Kardinal Becciu, kassiert. Nur der neue Ordenschef könne das Generalkapitel einberufen, urteilte Becciu.

Zerstrittene Organisation

Luzzago steht also wie schon zuvor Dalla Torre vor der Aufgabe, eine zerstrittene Organisation einen zu müssen und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Der verstorbene Großmeister Dalla Torre hatte 2017 die Leitung des Ordens inmitten einer schweren Krise übernommen.

Intrigenspiel im Vatikan

Ende 2016 war in dem Orden ein Machtkampf ausgebrochen, der bis in die höchsten Ebenen des Vatikans reichte und schließlich durch ein Machtwort von Papst Franziskus beendet wurde – vorerst. Das Ränkespiel erzkonservativer Kardinäle gegen den Papst stellte den Malteserorden vor eine Zerreißprobe und hatte schließlich den Rücktritt des damaligen Großmeisters Festing zur Folge.

Der Brite Festing hatte im Dezember 2016 den Großkanzler Albrecht von Boeselager auf Betreiben von Kardinal Raymond Leo Burke gefeuert. Der US-Amerikaner hat die Funktion des Kardinalspatrons inne und ist damit der Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Maltesern.

Dem Deutschen Boeselager, dessen Funktion im Prinzip der eines Außenministers entspricht, wurde vorgeworfen, dass bei karitativen Projekten der Malteser in Myanmar auch Kondome verteilt wurden – skandalös für den direkt dem Papst unterstellten Orden. Doch Boeselager berief gegen seine Entlassung. Der Vatikan setzte eine Untersuchungskommission ein. Es stellte sich heraus, dass Kardinal Burke die Entlassung des Großkanzlers hinter dem Rücken des Papstes betrieben hatte.

Großmeister Matthew Festing (hier bei einer Audienz im Jahr 2013) wurde vom Papst 2017 zum Rücktritt gezwungen. Im Hintergrund ist er jedoch weiterhin aktiv, am Großen Staatsrat nahm er nicht teil.
Foto: Reuters/Brambatti

Boeselagers Entlassung wurde für nichtig erklärt, Festing vom Papst zum Rücktritt gezwungen. Das Amt des Großmeisters ist prinzipiell ein auf Lebenszeit verliehenes, Festings Rücktritt ist in der jüngeren Geschichte der Malteser beispiellos. Kardinal Burke wurde entmachtet, indem mit Kardinal Becciu ein päpstlicher Sonderbeauftragter eingesetzt wurde, der sich um die Belange des Ordens kümmern und den Reformprozess der Ordensverfassung begleiten sollte. So erhielt der neugewählte Großmeister Dalla Torre sein Amt aus den Händen Beccius statt wie vorgesehen aus jenen des Kardinalpatrons.

Korruptionsskandal um Becciu

Kardinal Becciu, als Präfekt der wichtigen Kongregation für Heiligsprechungen einer der mächtigsten vatikanischen Titelträger, legte jedoch im vergangenen September infolge eines Korruptionsskandals überraschend seine Ämter nieder. Erst Anfang November – rechtzeitig für die Wahl in der Magistralvilla – ernannte Papst Franziskus Tomasi zum neuen Sonderbeauftragten für den Malteserorden. Wenige Tage zuvor gab der Papst darüber hinaus bekannt, dass der 80-jährige Tomasi und zwölf weitere kirchliche Würdenträger Ende November in den Kardinalsrang erhoben werden.

Silvano Maria Tomasi übernimmt achtzigjährig die Kardinalswürde und wird Sonderbeauftragter des Papstes für den Malteserorden.
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Tomasi gehörte auch schon 2017 der Untersuchungskommission an, die für die Wiedereinsetzung Boeselagers und die Entmachtung Festings sorgte. Die Traditionalisten um Festing vermuten hinter der Ernennung Tomasis nun einen Putsch, damit ein neuer Großmeister eingesetzt wird, der die Reformbestrebungen um den Flügel Boeselagers goutiert. Sie befürchten, dass der Malteserorden durch die Verwässerung der strengen Voraussetzungen für den Zugang zu den Leitungsfunktionen am Ende in eine gewöhnliche NGO umgewandelt wird. (Michael Vosatka, 9.11.2020)