Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) fordert, dass Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen wieder vollständig hochgefahren werden, um weiteren schweren Schaden von den Kindern und ihren Familien abzuwenden.

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Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben vielen Menschen das Leben gerettet – aber auch vielen das Leben erschwert. Vor allem für Kinder und Jugendliche hat sich teilweise ihre ganze Welt verändert. Nichts ist, wie es früher war: Homeschooling, Social Distancing, Ausgangsbeschränkungen. Das macht etwas mit den jungen Menschen. Viele sind mittlerweile psychisch belastet – depressiv, ängstlich oder aggressiv. Was Kindern und Jugendlichen aktuell helfen könnte und welche Rolle dabei die Schulschließungen spielen, erklärt Kathrin Sevecke, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP).

STANDARD: Über ein halbes Jahr leben wir nun schon mit einer Pandemie und noch scheint kein Ende in Sicht. Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in Österreich damit?

Sevecke: Was ich in meiner täglichen Arbeit mitbekomme ist, dass die Kinder und Jugendlichen mittlerweile wirklich genervt sind. Sie verstehen oft gar nicht, was gerade passiert und machen sich deswegen große Sorgen, sie haben Angst. Die Krisen- und Notfallanfragen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck haben deutlich zugenommen. Vor allem psychisch labile Kinder oder sozial benachteiligte Familien werden immer weiter belastet – die Situation verschärft sich total. Die Anzahl an wirklich komplexen Fällen, wo es zu Jugendhilfemaßnahmen kommt, ist deutlich angestiegen.

STANDARD: Nun sollen auch die Unterstufen ins Homeschooling geschickt werden. Welche Auswirkungen hat das auf die Kinder und Jugendlichen?

Sevecke: Eine Schule besteht ja nicht nur aus Unterrichtsstunden. Kinder und Jugendliche werden im Schulalltag auch in ihren emotionalen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten gefördert. Abseits vom Unterricht trifft man hier Freunde, tauscht sich aus und überhaupt geht man ganz einfach raus. All das ist wichtig für die altersentsprechende Entwicklung. Und das erfahren junge Menschen durch lange Strecke von Distance Learning nun einmal nicht. Abgesehen davon leiden die Kinder ja auch an den sekundären Folgen, die eine Schulschließung bringt, weil die Eltern dadurch belastet sind. Für viele ist es schwer Homeschooling und den Job unter einen Hut zu bringen.

STANDARD: Es wäre also besser alle Schulen offen zu lassen?

Sevecke: Ich möchte klar und deutlich sagen: Es ist auch der Auftrag unserer Gesellschaft die psychische Stabilität der Kinder und Jugendlichen aufrechtzuerhalten und da spielen Schulen nun einmal eine große Rolle. Das sollte in der ganzen Diskussion nicht vergessen werden.

STANDARD: Gehen Kinder aus gut situierte Familien leichter mit den verschärften Maßnahmen um als jene aus sozial schwachen Familien?

Sevecke: Es ist mittlerweile bekannt, dass es während der Corona-Krise häufiger zu Übergriffen, Gewalt und Streitigkeiten innerhalb der Familie gekommen ist. Wenn der alkoholkranke Elternteil nun zuhause trinkt, statt im Wirtshaus, dann bekommt das ein Kind unmittelbar mit, weil es nun tagsüber im Homeschooling sitzt und auch nachmittags und abends durch Ausgangssperren eingeschränkt ist.

Besonders schlimm sind Schulschließungen aber auch für Kinder und Jugendliche, die in ihrem Leben schon mehrmals Beziehungsabbrüche erfahren mussten. Wie etwa Kinder, die in Heimen leben. Die eh schon belasteten Kinder, werden also noch weiter belastet.

STANDARD: Stichwort Freunde treffen und soziale Kontakte. Wie sehr leiden jungen Menschen, dass dies nun nur noch eingeschränkt möglich ist?

Sevecke: Zumindest für Jugendliche ist das Treffen von Freunden auch über Social Media möglich. Was aber nicht möglich ist, ist das Ausüben von Hobbies: Vereinssport, Tanzkurse, Musikstunden. Das trägt ja auch zur Stabilität und Gesundheit von jungen Menschen bei. Hobbys sind schließlich der Ausgleich von sonstiger emotionaler Belastung, wie Schulstress oder Konflikte zuhause.

STANDARD: Gibt es auch Kinder, die von den Schulschließungen jetzt profitieren?

Sevecke: Indirekt oder zwischenzeitlich profitieren Kinder und Jugendliche, die sozial ängstlich sind, sozial unsicher, die sich schwer tun in die Schule gehen oder die in der Schule gemobbt wurden. Für jene Kinder fällt der normale, alltägliche Stress durch die Schulschließung weg. Sie profitieren aber auch nur kurzzeitig davon. Wir haben gemerkt, dass diese Kinder mit der Schulrealität dann danach noch schlechter zurechtkamen als vorher. Hier geht es schließlich um eine soziale Komponente, die wesentlich ist, um einen gesunden Selbstwert zu bekommen.

STANDARD: Man hört ja auch immer wieder, dass der Mund-Nasen-Schutz für Kinder eine Zumutung wäre. Was ist Ihre Meinung dazu?

Sevecke: All die Hygienemaßnahmen und das Tragen von Masken sind unserer Erfahrung nach kein Thema für Kinder und Jugendliche. Ich würde mir nur mehr Aufklärung für Kinder und Jugendliche wünschen. Dass man ihnen altersentsprechend klar macht, warum diese ganzen Maßnahmen wichtig sind. Wenn ein Kind etwas nicht versteht, kann es auch schlechter damit umgehen. Und diese Aufklärung sollte bereits spielerisch im Kindergarten stattfinden.

STANDARD: Was brauchen Kinder und Jugendliche jetzt?

Sevecke: Kinder müssen endlich eine Stimme bekommen. Sie müssen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Wir können ruhig auch einmal die Kinder und Jugendlichen selbst fragen, welche Ideen sie zu Hygienemaßnahmen und Anstandsregeln haben. Sie sollten nicht länger das Gefühl haben, dass ständig über sie hinweg bestimmt wird.

STANDARD: Und wie hilft man jenen Kindern, die bereits psychisch belastet sind?

Sevecke: Von Seiten der Eltern: Beobachten Sie Ihr Kind genau! Wir haben in den letzten Monaten eine Studie zu den psychosozialen Auswirkungen dieser Krise in Tirol durchgeführt. Erste Hinweise zeigen, dass Eltern ihre Kinder als psychisch stabiler einschätzen als sich selbst. Die Kinder selber sagen aber, dass ihre Belastung höher ist und durch die Krise schlimmer geworden ist.

STANDARD: Woran erkennen Eltern, dass das Kind psychisch belastet ist?

Sevecke: Klassische Symptome sind Traurigkeit, Desinteresse, Gereiztheit, Schlafstörungen, Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, Hyperaktivität oder Rückzug. Wichtig ist, dass man darauf achten, ob sich die Kinder insgesamt wesentlich verändern – in mehreren Bereichen. Schlafstörungen etwa fallen ja gar nicht so schnell auf, da muss man schon genau hinschauen.

STANDARD: Aber nicht jedes Kind, hat Eltern, die es schaffen da genau hinzuschauen...

Sevecke: Genau das ist das Problem, wenn die Schulen zumachen. Die Bewältigung dieser Herausforderungen hängt vor allem von familiären Rahmenbedingungen ab; gut situierte Familien werden diese Einschränkungen sicher weniger spüren als Kinder aus sozial schwachen Familien. Die werden häufig von Schulen und Kindergärten aufgefangen. Deswegen dürfen Lehrer auch im Distance Learning den Kontakt mit den Schülern nicht verlieren. Sie sollten regelmäßig bei Eltern und Schülern erfragen, wie es ihnen geht. Diese Kinder sind sonst völlig verloren ... (Nadja Kupsa, 14.11.2020)