Die Leute hören nicht mehr zu. Verstehen zweizeilige Mails nicht sinnerfassend – oder lesen sie nicht mehr. Lange praktizierte Prozesse und Workflows stocken. Diese Zustandsbeschreibung ist aus sehr vielen Unternehmen aktuell zu hören. Und man nimmt es ja auch als Bürgerin und Bürger wahr im notwendigen Umgang mit Ämtern und den dort Arbeitenden. Kaum etwas scheint zu klappen wie bisher. Ansprechpartner wechseln dauernd, alles braucht viel länger, ist sehr anstrengend und muss vielfach erklärt werden, obwohl seit Jahren geübte Praxis.

Was ist da los? Wieso sind die auf einmal so? Wir kennen die Antwort. Es handelt sich schlicht um das, was wir selbst empfinden: Überforderung, Unsicherheit, Angst, Perspektivenmangel. Ein Gehirn im Notfallmodus kann nichts mehr aufnehmen, auch wenn es noch so gerne möchte. Es ist ja auf Überlebensmodus geschaltet, da werden alle anderen Dinge weit hinten angereiht.

Es hilft nur Reduktion. Vielleicht geht es post Corona ja auch nicht mehr darum, wie viel man angehäuft hat und nach außen zur Schau stellen kann? Vielleicht geht es gerade jetzt um ein Hinterfragen des allgemeinen Wertekanons von "mehr, besser, weiter"?
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Sich stundenlang Livevideos vom Terroranschlag reinzuziehen und sich damit mitten in das Terrorgeschehen zu begeben packt noch eines drauf. Dann geht wirklich gar nichts mehr. Außer Flüchten, Angriff, Starre – das ist ja so weit aus der Hirnforschung bekannt und lässt sich nicht überlisten. Ein "Da-draußen" gibt es nicht mehr, es ist alles unmittelbar da. Und damit natürlich auch in der Firma und im Job. Da geht sich nicht mehr allzu viel aus.

Entlastung

Was lässt sich dagegen tun? Der einzig mögliche Weg ist Entlastung. Da geht es zuerst um Selbstverantwortung: Wo lasse ich mich hineinziehen? Wo lasse ich zu, dass ich hineinkippe? Das ist schwierig in einer Gesellschaft, die das Mehr von allem zur Glücksdevise erhoben hat. Das reicht vom Shoppen über alle Konsumbereiche bis zur sogenannten Information. Es hilft nur Reduktion. Vielleicht geht es post Corona ja auch nicht mehr darum, wie viel man angehäuft hat und nach außen zur Schau stellen kann? Vielleicht geht es gerade jetzt um ein Hinterfragen des allgemeinen Wertekanons von "mehr, besser, weiter"?

Für verantwortliche Führungskräfte heißt das natürlich auch Reduktion der Arbeitsaufträge, Spielraum bei den Erledigungen und somit bestmögliche Entlastung. Das bildet ein Paradoxon zum Modus in bedrängten Unternehmen: Viele fallen krankheitsbedingt aus, die Kollegen müssen übernehmen. Viele zittern um den Job. Viele um das Budget, viele um die Umsätze und Margen. Trotzdem wird das Klammern an die Gangart vor der Pandemie nicht helfen – nicht dem Individuum und damit nicht Organisationen. (Karin Bauer, 15.11.2020)