Abgang mit Pappkarton: Dominic Cummings vor der Downing Street Nummer zehn.

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Ein als Zuhörtermin gekennzeichnetes Treffen mit konservativen Hinterbänklern, eine programmatische Rede zur Umweltpolitik, dazwischen natürlich neue Brexit-Beratungen – mit einem straffen Programm für die neue Arbeitswoche versuchten die verbliebenen PR-Leute Boris Johnsons am Wochenende energisch, das Psychodrama im Herzen der britischen Regierung als abgeschlossen erscheinen zu lassen. Es war am Freitag kulminiert mit dem abrupten Auszug von Dominic Cummings aus der Downing Street, dem gleichermaßen verhassten wie bewunderten bisherigen engsten Berater des Premierministers.

"Toxische Arbeitswelt"

Tränen, Wut, Verzweiflung und immerwährende Intrigen – so beschrieben die Sonntagszeitungen die toxische Arbeitswelt am Hofe des Premiers. Gemeinsam mit der Kündigung des bisherigen Kommunikationsdirektors Lee Cain signalisiere Cummings' Weggang eine Neuorientierung der seit Monaten glücklos agierenden konservativen Regierung, glauben viele Kommentatoren. Aber wohin? Das bleibt einstweilen offen. Immerhin: Die Beseitigung der offenbar toxischen Machokultur, die das Duo fanatischer Antieuropäer ausgestrahlt hatte, wäre ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zu einer sachorientierteren Arbeit der seit Monaten glücklos agierenden Tory-Regierung.

Wohl nicht zufällig stehen mächtige Frauen als Siegerinnen im "Kampf um Johnsons Seele" da, so die "Sunday Times". Dazu gehört die Leiterin der Grundsatzabteilung, Munira Mirza, eine alte Vertraute aus Johnsons Zeit als Londoner Bürgermeister. Profiliert hat sich auch Johnsons Verlobte Carrie Symonds, die als frühere Beraterin von Ministern sowie Kommunikationschefin der Konservativen die Partei so gut kennt wie kaum jemand sonst in der Regierungszentrale. Gegen die "verrückten Mullahs", so ihr Spitzname für Cain, Cummings und die anderen beinahe religiösen Fanatiker der Brexit-Kampagne, setzte sie die befreundete TV-Journalistin Allegra Stratton als Johnsons Pressesprecherin durch.

Soll es richten: Munira Mirza, eine alte Vertraute Johnsons.
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Kein Berater ist unverzichtbar

Cummings' Verlassen der Regierungszentrale, fernsehgerecht inszeniert mit einem Karton vor der berühmten schwarzen Tür mit der goldenen Zehn, komme keinen Moment zu früh, seufzten viele Mitglieder der Tory-Fraktion, in der es zuletzt vernehmlich rumort hatte. Die Verachtung des 48-Jährigen für gewählte Mandatsträger und parteipolitisch neutrale Berufsbeamte habe sich allzu sehr auf die gesamte Regierung übertragen, fanden viele. Nicht umsonst führt Johnsons Weg am Montag als Erstes ins Parlament zu einem Gespräch mit der Gruppe konservativer Abgeordneter, die neugewonnene Wahlkreise im Norden Englands repräsentieren.

Kein Premierminister könne es sich leisten, "wenn ein einzelner Berater zur Dauerstory wird", wies der mächtige Ausschussvorsitzende Bernard Jenkin gegenüber der BBC auf ein anderes Problem hin. "Niemand ist unverzichtbar."

Verstoß gegen alle Corona-Maßnahmen

Dabei schien es noch im Mai so, als würde genau diese Bezeichnung auf Cummings zutreffen. Damals wurde bekannt, dass Johnsons Chefberater zu Beginn des Corona-Lockdowns Ende März gegen alle Instruktionen der Regierung verstoßen hatte. Trotz Covid-19-Symptomen ging er einen Tag lang ins Büro; anschließend fuhr er mit Frau und vierjährigem Sohn mehr als 400 Kilometer aus London zum Anwesen seiner Eltern im nordenglischen Durham. "Ich habe nichts falsch gemacht", lautete der Kernsatz des studierten Historikers mit Abschluss an der Elite-Uni Oxford auf einer bizarren Pressekonferenz im Garten der Downing Street.

Dass Johnson ihn mit diesem offenkundigen Regelverstoß davonkommen ließ, verursachte einen eklatanten Stimmungswechsel in der Bevölkerung. Hatten die Briten bis dahin die Regierung im Kampf gegen Sars-CoV-2 beinahe vorbehaltlos unterstützt, stürzten nun Sympathie- und Umfragewerte in den Keller. Mittlerweile liegt die Labour-Opposition unter Keir Starmer regelmäßig vor den Konservativen, den Premier stufen die Briten mehrheitlich als inkompetent und unzuverlässig ein.

Das fiel Johnson vor einigen Wochen selbst auf, heißt es jetzt in der Rückschau. Er wartete auf den geeigneten Zeitpunkt, um seinen Hausmeier loszuwerden. Denn immer deutlicher wurde: Cummings teilt das Schicksal vieler Politikstrategen, die erfolgreiche Kampagnen anhand simpler Slogans zu führen gewohnt sind, sich aber für zielorientiertes, kompromissbereites Regierungshandeln als ungeeignet erweisen.

Cummings, der "Karriere-Psychopath"

Und welch ein Ruf eilte dem gern in abgerissenen Sweatshirts und schlecht sitzenden Jeans herumlaufenden Mann voraus! Mit beinharten Kampagnen machte er sich in EU-feindlichen Kreisen einen Namen, gab "die Unterminierung der Glaubwürdigkeit der BBC" als strategisches Ziel aus und amtierte für die Vote-Leave-Kampagne im Brexit-Referendum 2016 als Chefstratege. "Die Kontrolle zurückgewinnen", take back control, jener ebenso simple wie einprägsame Slogan ging auf den Mann zurück, den der frühere Premier David Cameron (2010–2016) als "Karriere-Psychopathen" bezeichnet hatte. Dessen Abgang gebe der Regierung die Chance zu einem anderen Ton und besseren Umgangsformen, mahnt Ausschusschef Jenkin: "In Zukunft sollten Respekt, Integrität und Vertrauen eine zentrale Rolle spielen."

Ob Cummings' Sturz aber auch einen Kurswechsel in den Brexit-Verhandlungen signalisiert? Brüsseler Insider freuten sich am Freitag darüber. Doch zu Beginn der alles entscheidenden Verhandlungswoche blieben entsprechende Signale aus der Downing Street aus. Mag der innenpolitische Ton sanfter werden – im Clinch mit der EU um Fischereirechte, Marktzugang und Staatssubventionen gibt sich London weiter hart. (Sebastian Borger aus London, 16.11.2020)