Wenn die Dynamik der Corona-Neuinfektionen einmal außer Kontrolle geraten ist, Ansteckungswege nicht mehr nachvollziehbar, bedarf es drastischer Mittel, um eine Pandemie einzufangen. Als "Wellenbrecher" dienten in Europa seit dem Frühjahr Lockdowns.

Ihr Nachteil: Sie schränken das Leben der Menschen stark ein, beschädigen die Wirtschaft. Diese Erfahrung haben fast alle EU-Staaten gemacht, wenn Gesundheitssysteme krachten, einige schon zum zweiten Mal. Neben gelinderen Mitteln wie Maskenpflicht oder Besuchsverbot in Altenheimen kristallisiert sich nun eine weitere Methode als erfolgreich heraus, sogenannte "Massentests". Ob gezielt in Stadtgebieten in Madrid angewendet oder unter staatlichem Zwang in der Gesamtbevölkerung wie in der Slowakei, der Effekt ist gleich.

Gezielte Massentests sind in mehrfacher Wirkungsweise sozial.
Foto: AP Photo/Thanassis Stavrakis

Man findet in kurzer Zeit eine größere Zahl symptomloser Infizierter. Behörden können die Betroffenen geordnet isolieren, Infektionsketten unterbrechen, die Ansteckungsdynamik wird geringer. Nun wurden in Südtirol solche Massentests durchgeführt, und siehe da: Mehr als zwei Drittel der Bürger machten auf freiwilliger Basis mit.

Mehr als 3000 Infizierte ohne Symptome wurden entdeckt. Dank Zusatzmaßnahmen zum Lockdown werden die enormen Gesamtfallzahlen gesenkt. Genau das wäre auch in Österreich angesagt, dem "Europameister" bei Neuinfektionen.

Aber seit Bundeskanzler Sebastian Kurz ankündigte, dass die Regierung gezielte Massentests plane, zunächst bei Lehrern und in Altenheimen, bevor der Lockdown im Dezember wieder aufgehoben wird, schallt es durchs Land: "Könn ma net. Brauch ma net. Hamma noch nie gemacht." Landesräte in den Bundesländern, seit Ischgl wahrlich keine Europameister bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, wollen "nicht wissen, wie das gehen soll". Warum soll Österreich nicht schaffen, was Südtirol kann? Warum sollen Schulen unfähig sein, alle ihrer Lehrer schnellzutesten, wenn etwa Staatsoper und Burgtheater ihre gesamte Belegschaft täglich testen lassen?

Die Alltagsobstrukton nimmt im Mutterland der Raunzer skurrile Formen an. Ein paar Minuten, die man für einen Schnelltest braucht, sind nichts im Vergleich zu Ausgangsbeschränkungen. Gezielte Massentests sind in mehrfacher Wirkungsweise sozial: Sie sind für alle gratis. Sie führen dazu, dass die Bürger nicht nur auf sich schauen, sondern jeder mithilft, alle anderen vor leichtfertiger Ansteckung zu schützen. Und sie helfen am Ende, Spitäler und Pfleger zu entlasten. (Thomas Mayer, 23.11.2020)