Ein Militärfahrzeug nahe Humera in Tigray.

Foto: AP / Eduardo Soteras

Der Uno-Sicherheitsrat hat am Dienstag ein erstes Treffen zu den Kämpfen in der äthiopischen Region Tigray ohne eine gemeinsame Erklärung beendet. Südafrika habe um mehr Zeit für die Bemühungen der Afrikanischen Union gebeten und "eine Erklärung könnte die Situation komplizierter machen", sagte ein afrikanischer Uno-Diplomat.

Uno-Sprecher Stéphane Dujarric betonte, dass die Afrikanische Union an erster Stelle der internationalen Bemühungen stehe und der Uno-Generalsekretär diesen Ansatz unterstütze.

Vertreter europäischer Staaten hätten "ihre Besorgnis geäußert, die ethnische Gewalt verurteilt und Schutz für die Zivilbevölkerung geforderte", sagte ein europäischer Uno-Diplomat nach dem Treffen. Die afrikanischen Länder würden sich "afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme" wünschen. "Das müssen wir respektieren, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt", sagte der Diplomat. Die Afrikanische Union hatte am Freitag die Ernennung dreier ehemaliger Präsidenten als Sondergesandte und Vermittler in dem Konflikt bekannt gegeben.

Berichte über Massaker

Die vom äthiopischen Staat eingesetzte Menschenrechtskommission gab indes bekannt, dass am 9. November von einer nicht näher definierten "Jugendgruppe" ein Massaker an den Einwohnern der Stat Mai Kadra verübt worden sein soll. Mindestens 600 Zivilisten seien getötet worden, lokale Sicherheitskräfte hätten die Attacke geduldet. Ziel des Angriffs seien Menschen gewesen, deren Wurzeln nicht in Tigray liegen. Die Berichte zu verifizieren ist aufgrund der nach wie vor unterbrochenen Telefon- und Internetverbindung schwierig.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach bereits Anfang November von einem Massaker. Basierend auf von ihr geprüften Augenzeugenberichten, Fotos und Videos teilte die Organisation mit, "dutzende" und "wahrscheinlich hunderte" Menschen seien in der Stadt im Südwesten von Tigray einem "Massaker" zum Opfer gefallen. Die Leichen trügen klaffende Wunden, die offenbar von scharfen Waffen wie Messern und Macheten stammten. Wer für den Angriff verantwortlich war, konnte Amnesty nach eigenen Angaben zunächst nicht herausfinden.

Uno forderte Untersuchung

Die Uno forderte daraufhin eine unabhängige Untersuchung zur Aufklärung möglicher Kriegsverbrechen und äußerte Sorge darüber, dass der Konflikt "außer Kontrolle" geraten könne. Sollte eine der kämpfenden Parteien in dem ostafrikanischen Land absichtlich Zivilisten getötet haben, "käme dies natürlich einem Kriegsverbrechen gleich", erklärte die Uno-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet am Freitag in Genf. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Bachelet forderte ein sofortiges Ende der Kämpfe in Äthiopien, "um weitere Gräueltaten zu verhindern". Sie wiederholte ihren Appell an die verfeindeten Parteien, umgehend Verhandlungen zu einer friedlichen Beilegung des Konfliktes aufzunehmen.

Konflikt Anfang November voll entbrannt

Der militärische Konflikt zwischen den Truppen der äthiopischen Zentralregierung und der TPLF war am 4. November voll entbrannt. Die Tigrayer fühlen sich seit Abiys Amtsantritt vernachlässigt und marginalisiert. Viele von ihnen hatten zuvor hohe politische und militärische Ämter inne, Abiy – selbst ein Oromo – entmachtete sie aber schrittweise. Mit dem Verbot der Wahlen im September, durch die Abiy legitimiert werden sollte, erhöhten sich die Spannungen. Das Ergebnis der Wahl, die die Tigrayer trotz des Verbots durchgeführt hatten, erkannte die Regierung in Addis Abeba nicht an. (APA, Reuters, red, 24.11.2020)