Zu wenige Frauen in den Chefetagen – dieser Befund wird alljährlich erhoben. Getan hat sich trotz zahlreicher Dringlichkeitsappelle wenig bis nichts. Ähnlich ist die Situation in Deutschland, doch immerhin kommt beim großen Nachbarn gerade viel Bewegung in die Debatte. Die schwarz-rote Koalition will nämlich eine Frauenquote für große börsennotierte Konzerne einführen.

Allerdings hat auch die Regierung ein paar Hürden eingebaut. Eine Frau muss künftig nur dann in den Vorständen vertreten sein, wenn das Gremium mehr als drei Mitglieder hat. Von der künftigen Regelung umfasst sind lediglich 70 Unternehmen, von denen 30 damit Handlungsbedarf bekommen.

Sie müssen die Gender-Vorgabe nicht sofort erfüllen, sondern erst, wenn das Mandat eines bestehenden Vorstandsmitglieds ausläuft. Sollte dann entgegen den Vorgaben wieder ein Mann bestellt werden, wäre das nichtig. Die Regelung soll bei einer Regierungssitzung am 6. Jänner beschlossen werden. Neben der Börsennotiz ist die Schwelle von 2.000 Mitarbeitern Kriterium für die Verpflichtung.

Von Bayer bis Infineon

In Deutschland wird die Neuerung bekannte Konzerne unter Druck setzen. Zu den Mitgliedern des Börsenindex Dax, die ausschließlich von Männern geführt werden, zählen Bayer, Delivery Hero, Eon, Linde oder Infineon. Und Österreich? Hier ist die Lage sehr ähnlich wie in Deutschland. Zuletzt waren von 191 Vorstandsmitgliedern in börsennotierten Firmen nur 14 weiblich.

Eine der wenigen Chefinnen eines börsennotierten Konzerns: Elisabeth Stadler, VIG.
Foto: Reuters/Heinz-Peter Bader

Per 1. August ermittelte das Beratungsunternehmen EY sogar einen leichten Rückgang des Frauenanteils seit Jahresbeginn auf 7,3 Prozent. Nach wie vor ist in 45 von 58 börsennotierten Unternehmen kein weibliches Vorstandsmitglied vertreten. Wie schwach Managerinnen repräsentiert sind, zeigt auch ein EU-Vergleich. Deutschland kommt auf einen Frauenanteil von zehn Prozent in den größten Unternehmen, Frankreich auf 20 Prozent. Die Niederlande, Schweden oder Rumänien erreichen einen deutlich höheren Prozentsatz.

Mehr weibliche Aufsichtsräte

Enttäuschend ist die Entwicklung auch, weil man sich von der Steigerung des Frauenanteils in Aufsichtsräten einen Effekt erwartet hatte. Das Gremium bestellt die Vorstände. Hier hat die Einführung einer Quote in Österreich Anfang 2018 einige Früchte getragen. Seither erhöhte sich der Anteil von Aufsichtsrätinnen von knapp 19 auf gut 27 Prozent.

Der erhoffte Spill-over-Effekt – mehr weibliche Aufsichtsräte sorgen für mehr Frauen in den Vorständen – blieb aus, sagt EY-Expertin Helen Pelzmann. "Ich war nie eine Anhängerin von Quotenregelungen, aber ohne sie geht es nicht", sagt sie zu den jüngsten Entwicklungen in Deutschland. Ohne gesetzliche Regelung könne man die alten Muster nicht durchbrechen. (Andreas Schnauder, 25.11.2020)