2020 war an den Börsen eine Hochschaubahnfahrt. Wie das kommende Jahr am US-Markt wird, hängt auch von Joe Bidens Regierungsstil ab.

Foto: Imago

Wie wird Joe Biden regieren, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten? Kann er durchsetzen, was er im Wahlkampf versprochen hat? Oder muss er sich angesichts des Widerstands der Konservativen im Kongress mit kleinen Schritten begnügen? Es sind Fragen, die auch US-Analysten bewegen, wenn sie versuchen, das Börsengeschehen 2021 zu prognostizieren.

Um es zuzuspitzen: Zunächst hängt fast alles an Georgia, dem Staat im Südosten des Landes, in dem die Republikaner, nach ihrer Parteifarbe die Roten, über Jahrzehnte den Ton angaben. Dort lassen sich die politischen Folgen des demografischen Wandels deutlich erkennen. Latinos und Amerikaner asiatischer Herkunft machen einen größeren Teil der Bevölkerung aus als noch 2010, von den Jahren 2000 oder 1990 gar nicht zu reden.

Da sie – zumindest für den Moment – mehrheitlich die Blauen, die Demokraten, favorisieren, ist Georgia kein "red state" mehr, sondern ein "purple state". Keine Hochburg der Roten, aber auch keine der Blauen, sondern hart umkämpftes Terrain, in dem beide Parteien etwa gleich stark sind, was die Farbe Lila optisch vermitteln soll.

Der Sinn der langen Vorrede: Am 5. Jänner entscheiden zwei Stichwahlen darüber, wer Georgia im US-Senat vertreten wird. Erobern die Demokraten beide Mandate, kommen sie in der Kammer auf 50 der 100 Sitze. De facto wäre das die Mehrheit, denn bei einem Patt würde die Vizepräsidentin Kamala Harris ein Machtwort sprechen.

Haben die Republikaner am 5. Jänner auch nur bei einem der beiden Wettläufe die Nase vorn, behaupten sie ihre Majorität im Senat. Damit könnten sie vieles von dem blockieren, was sich die neue Regierung vorgenommen hat. Das dürfte die Aktienkurse nicht unwesentlich beeinflussen.

Steuern

Um mit den Steuern zu beginnen: Biden will die Körperschaftsteuer von 21 auf 28 Prozent erhöhen und damit zur Hälfte kassieren, was Donald Trump vor drei Jahren an Senkungen durchs Parlament brachte, nachdem die "Corporate Tax" zuvor bei 35 Prozent gelegen war. Außerdem will er erreichen, dass US-Unternehmen auf ihre im Ausland erzielten Profite im eigenen Land höhere Abgaben zahlen. Und da Steuergesetze nun mal von der Legislative verabschiedet werden, braucht Biden eine blaue De-facto-Mehrheit in beiden Kammern, um Nägel mit Köpfen zu machen.

David Giroux, Leiter der Anlagestrategie beim Vermögensverwalter T. Rowe Price, rechnet damit, dass die von den Demokraten angepeilten Steuererhöhungen, sollten sie denn Realität werden, die Gewinne der im S&P-500-Index gelisteten Unternehmen auf breiter Front schmälern. Der Analyst David Eiswert spricht von einem "earnings reset", einem Rückgang der Erträge, der gleichwohl verkraftbar wäre. Andererseits, so Eiswert, könnten etliche Konzerne von einer zweiten Leitplanke Biden’scher Wirtschafts- und Finanzpolitik profitieren: von einem groß angelegten Konjunkturprogramm.

Die Zeit von Joe Biden ist gekommen. Seine Taten werden auch Spuren an der Wall Street hinterlassen.
Foto: Reuters / Kevin Lamarque

Folgt man den Absichtserklärungen des President-elect, läuft es auf eine Neuauflage jenes 800-Milliarden-Dollar-Pakets hinaus, das die Regierung Barack Obama im Februar 2009 schnürte, einen Monat nach Amtsantritt, um den Absturz nach der Finanzkrise abzufedern. Der Vizepräsident Biden war damals der Politiker, der bei der Umsetzung Regie zu führen hatte.

Diesmal betont der inzwischen 78-Jährige die Notwendigkeit eines fiskalischen Kraftakts, um die Infrastruktur zu modernisieren und Menschen, die im Zuge der Corona-Pandemie ihre Arbeit verloren, wieder in Lohn und Brot zu bringen. Außerdem will er Investitionen in erneuerbare Energien, die fossilen Brennstoffen in manchen Landesteilen schon jetzt den Rang ablaufen, mithilfe staatlicher Anreize massiv ankurbeln.

Gewinner und Verlierer

Nach Ansicht des Portfolio-Managers Jason Adams könnten neben Clean-Energy-Anbietern Hersteller von E-Autos und Industriegasen sowie Eisenbahnbetreiber zu den Nutznießern gehören. Erwartet wird auch, dass Biden bei den Verteidigungsausgaben nach einem stetigen Anstieg unter Trump auf die Bremse tritt.

Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon and General Dynamics, deren Einnahmen von 2017 bis 2020 um rund 30 Prozent gestiegen sind, müssen sich aller Voraussicht nach auf härtere Zeiten einstellen. Da nach dem Machtwechsel im Weißen Haus mit schärferen Auflagen für die fossile Rohstoffindustrie zu rechnen ist, könnten auch die Kurse traditioneller Energieunternehmen unter Druck kommen.

Offen ist, wie sich die Handelspolitik des künftigen Kabinetts auf die Börse auswirken wird. Nach einer Prognose des Ökonomen Alan Levenson wird Biden dem Konkurrenten China mit größerer Härte begegnen, als dies noch unter Obama der Fall war. Den Schutz geistigen Eigentums dürfte er ebenso energisch einfordern wie ein Zurückfahren staatlicher Subventionen.

Trumps Handelspolitik hat für viel Wirbel gesorgt. Welchen Weg Biden gehen wird, wird man sehen.
Foto: Reuters / Aly Song

Im transatlantischen Verhältnis dürfte er, in scharfem Kontrast zu Trump, multilaterale Partnerschaften betonen, das zuletzt arg belastete Verhältnis zur EU reparieren – und im Übrigen darauf drängen, dass die Europäer gegenüber China Farbe bekennen und den Schulterschluss mit Washington üben, falls Konflikte mit Peking nicht entschärft werden können.

Abbau von Zollschranken

Während sich sein Vorgänger stolz als "tariff man" bezeichnete, als Mann der Zölle, dürfte er den Abbau von Zollschranken anweisen, zumindest was den Warenaustausch mit Verbündeten angeht.

Ein Infrastrukturprogramm, hat Biden im Wahlkampf klargestellt, hat der Maxime "Buy American" zu folgen. Letzten Endes könnten es hauptsächlich oder sogar ausschließlich einheimische Firmen sein, die Großaufträge von "Uncle Sam" erhalten.

Dann wäre da noch die von Trump so oft und drastisch wiederholte Warnung, dass die Börsenkurse im Fall seiner Abwahl ins Bodenlose fallen. Bei T. Rowe Price heißt es dazu in angemessener Nüchternheit: "Wie die Daten zeigen, hat die langfristige Entwicklung der Kurse großer amerikanischer Unternehmen fast nichts damit zu tun, welche Partei gerade an der Macht ist." (Frank Herrmann aus Washington, Magazin "Portfolio", 19.12.2020)