Die Gefahr, dass die Infektionen an den Finanzmärkten die Realwirtschaft erfassen, ist beträchtlich. Auch Konsumenten, Sparer und professionelle Anleger müssen sich wappnen. Hyperinflation, Zwangsabgaben und Schuldenschnitte sind in aller Munde. Diesmal wirklich.

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Die weltweit hohe Verschuldung könnte mit dem ein oder anderen Schnitt – Haircut – gelindert werden.

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Wer hat, der hat. Wer große Reichtümer besitzt, muss sich um deren Vermehrung nicht allzu große Sorgen machen. Selbst die Corona-Krise konnte der monetären Oberliga nichts anhaben – im Gegenteil: Die 2200 reichsten Menschen verfügten Ende Juli über ein Vermögen von 10,2 Billionen Dollar.

Während weltweit Arbeitslosigkeit und Armut steigen, hat die Crème de la Crème allein im zweiten Quartal einen Wertzuwachs von 27,5 Prozent verzeichnet, geht aus dem Milliardärsreport der Schweizer Großbank UBS und der Beratungsgruppe PwC hervor.

Das hätte auch anders kommen können. Rückblende: Ende Februar wurde Covid-19 zum globalen Thema, nachdem davor die Infektionen erst in China und dann in anderen asiatischen Ländern die Nachrichtenlage beherrscht hatten. Auch die Börsen bekamen zunehmend Wind von den Folgen der Ansteckungsgefahr und reagierten panisch. Der Höhenflug der Aktienmärkte in den Monaten und Jahren davor sorgte für zunehmende Nervosität, weil das Absturzpotenzial groß ist.

Kursgemetzel

Einen Monat dauerte das Kursgemetzel, das für eine Wertminderung um rund ein Drittel bei den Börsenwerten in New York sorgte. Doch Ende März war der Spuk nicht nur vorüber, er ging nahtlos in eine neue Party an der Wall Street oder der Londoner City über, die längst zu neuen Kursrekorden geführt hat. Doch diese Trendwende folgte keinem Naturgesetz oder einer unsichtbaren Hand. Nein, sie war von Notenbank-Interventionen getragen.

Neue Spekulationsblasen wie vor vor dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 haben sich längst gebildet.
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Die Europäische Zentralbank, die US-Notenbank Fed und weitere wichtige Währungshüter stoppten die Talfahrt mit umfassenden Operationen. Die EZB kündigte den Kauf von öffentlichen Schuldverschreibungen im Volumen von 750 Milliarden Euro an, die Federal Reserve legte noch ein paar Billionen Dollar drauf. Die Geldpolitik setzte elfeinhalb Jahre nach der Rettung des Finanzsystems im Zuge des Kollapses von Lehman Brothers neuerlich zu einer gewaltigen Feuerwehraktion an.

Geschichte wiederholt sich

Doch im Unterschied zum Herbst 2008 drohte diesmal nicht ein Einfrieren der Geldmärkte und damit ein Infarkt der Banken. Vielmehr purzelten neben Aktienwerten viele jener spekulativen Veranlagungen in den Keller, die sich in der Phase der Hausse stark ausgebreitet hatten – als hätte es Lehman nie gegeben.

Der US-Investmentbank hatten toxische Finanzinstrumente das Genick gebrochen: In Amerika wurden Ramschkredite – etwa für Immobilien – gebündelt, verbrieft und als Veranlagungsform weiterverkauft. Dank hoher Nachfrage nach diesen Produkten, den Collateralized Debt Obligations (CDOs), machten einige Banken aus ihrem Problem eines der internationalen Finanzwelt. Die Geschichte wiederholt sich.

Auch im Jahr 2020 hat Spekulation Hochkonjunktur. Waren 2008 CDOs in Mode, sind es mittlerweile verbriefte Unternehmensschulden, die auch Collateralized Loan Obligations (CLOs) genannt werden. Dazu kommen jede Menge direkt gehaltene Ramschanleihen, Kreditfonds und viele andere Schuldtitel.

All diese Papiere drohten im Frühjahr zu implodieren. Das hätte zu argen Kettenreaktionen geführt, denn das Finanzsystem ist immer noch eng verzahnt. Während die Banken – zumindest in einem gewissen Umfang – an die Leine genommen wurden, laufen andere Spekulanten frei herum.

Botschaften an Investoren

Mit dem Eingreifen der Notenbanken wurden auch die Aktienmärkte gestützt. Die Währungshüter sandten eine klare Botschaft: Es gibt ein Fangnetz, das den Absturz des Finanzsystems verhindert. Dieses Fangnetz, so betonten die Institutionen in Washington, Frankfurt und London, darf kosten, was es will.

Die Investoren hörten die Signale, vertrauten darauf und kehrten zurück aufs Börsenparkett. Das befeuerte die Kurse und erhöhte die Vermögen der Superreichen. Die Notenbanken fungieren dabei als Gratis-Einlagensicherung für die Vermögenden, meint der österreichische Ökonom Rahim Taghizadegan.

Notenbanken wie die EZB pumpen Billionen in die Märkte.
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Die Rechnung ist einfach: Die Gewinnaussichten sind umso größer, je stärker die Investments gehebelt – also mit Krediten ausgeweitet – werden. Damit tragen die Notenbanken zu einer riesigen Umverteilung bei, weil der Zugang zu den riskanten Börsenwetten tendenziell Vermögenden vorbehalten ist.

Explosion der Verschuldung

Doch niemand weiß, wie die Rolle der Notenbanken langfristig ankommt. Ihre Kernaufgabe, die Wahrung der Preisstabilität, ist längst in den Hintergrund gerückt. Vielmehr versuchen die Money Maker, die Infektion des Finanzsystems abzuwehren und einen Angriff des Virus auf die Herz-Lungen-Funktion der Wirtschaft zu verhindern.

Der Preis dieser Politik ist eine Explosion der Verschuldung. Schon nach der Finanzkrise 2008 sorgten radikale Zinssenkungen und Billionenspritzen dafür, dass Staaten, Unternehmen und Haushalte über ihre Verhältnisse lebten. Dann kam Corona. Auch wenn Geldinjektionen in den Wirtschaftskreislauf weitgehend unumstritten sind, stellt sich doch die Frage, welche Folgen diese Politik haben wird.

Die Fakten sind jedenfalls schwindelerregend: Schon Ende 2019 hatten die Schulden 320 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erreicht. Heuer explodiert die Quote auf 365 Prozent, schätzt das Institute of International Finance, das die großen Banken dieser Welt repräsentiert. In absoluten Zahlen stehen die verschiedenen Wirtschaftskörper mit 277.000.000.000.000 Dollar in der Kreide.

Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Das ist schon bei niedrigen Zinsen ein ziemlicher Rucksack. Ist er auch tragbar? Oder kommen radikale Eingriffe wie Hyperinflation oder Schuldenschnitt? Vergleiche drängen sich auf: Noch höhere Schulden gab es nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem in Deutschland und Österreich, die teilweise in Schutt und Asche lagen. Die Politik bediente sich eines berühmt-berüchtigten Werkzeugs: der Schere. Deutschland schnitt erst Inlands-, dann Auslandsschulden.

Österreich wählte ähnliche Mittel. Schon bei der Umstellung von der Reichsmark auf den Schilling kam es zu Vermögensbeeinträchtigungen, weil Guthaben ab einer gewissen Summe (150 Reichsmark) gesperrt wurden. 1947 folgte mit dem Währungsschutzgesetz eine Entwertung der Vermögen um zwei Drittel. Die Regierung bedankte sich für den Schnitt übrigens mit der Einhebung einer "Manipulationsgebühr" von einem Schilling für den Tausch der alten in neue Schillinge.

Detail am Rande: Da die junge Republik nicht in der Lage war, ausgiebig Münzen zu prägen, blieben diese vollwertig im Umlauf. Die Menschen horteten das Kleingeld, dessen Wert entsprechend wuchs. Und: Es kam zu Hyperinflation. 1947 stiegen die Preise um 97 Prozent.

365 Prozent – auf diesen Wert steigt die globale Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung.
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Nur Schreckgespenster?

Doch sind Schuldenschnitt oder galoppierende Teuerung ernsthafte Bedrohungen oder nur Schreckgespenster, mit denen sich Bücher und Vorträge gut vermarkten lassen? Faktum ist, dass derartige Prophezeiungen seit der Schuldenorgie nach dem Lehman-Kollaps Hochkonjunktur haben, bisher aber nicht eingetreten sind. Doch vieles spricht weiter für eine Teuerungswelle. Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl meinte kürzlich dazu: "Auf die Gefahr hin, sich zweimal zum Trottel zu machen: Das Risiko besteht."

Auch Ökonom Taghizadegan meint, dass kein Weg an einem Anspringen der Inflation vorbeiführe. Er bringt ein starkes Argument, warum die künftige Entwicklung von der bisherigen abweichen könnte. Bisher hätten Technologisierung und Globalisierung mit den damit verbundenen Produktivitätsfortschritten dem Preisanstieg bei Konsumprodukten entgegengewirkt.

Doch künftig würden die Bestrebungen weg von der internationalen Arbeitsteilung hin zu lokaler Produktion diese Effekte reduzieren. Der Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie verweist zudem darauf, dass es bei den Vermögenswerten wie Immobilien oder Aktien ja längst eine massive Inflation gibt – die könnte nun auf andere Güter überspringen.

Finanzielle Repression

Für mehr Inflation spricht auch, dass dieser Weg bei niedrigen Zinsen die einfachste Methode für die Staaten ist, ihre Schulden zu senken. Finanzielle Repression heißt der Fachausdruck dazu.

Negative Realzinsen – wie sie seit Jahren vorherrschen – sind eine wirksame Impfung für die schwer infizierten Staatshaushalte, wenngleich mit gefährlichen Nebenwirkungen. Wie sagte schon Ernest Hemingway: "Inflation ist das erste Wundermittel des schlecht geführten Staates. Das zweite Wundermittel ist der Krieg. Beide führen zu zeitweiligem Wohlstand, und beide führen zu völligem Zusammenbruch."

Zudem stellt sich die Frage, ob sich die Schulden angesichts ihres bedrohlichen Ausmaßes so einfach weginflationieren lassen. Die Erfahrung lehrt, dass die Methode zulasten der Sparer und Gläubiger zwar wirksam ist, aber recht viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die Gefahr, dass die Infektionen an den Finanzmärkten die Realwirtschaft erfassen, ist beträchtlich. Auch Konsumenten, Sparer und professionelle Anleger müssen sich wappnen. Hyperinflation, Zwangsabgaben und Schuldenschnitte sind in aller Munde. Diesmal wirklich.
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Wenn die Not steigt, könnten durchaus radikalere Schritte gesetzt werden. Eine Möglichkeit, die tatsächlich immer wieder zirkuliert, wäre eine Zwangsabgabe auf Ersparnisse. Der Internationale Währungsfonds hat schon vor Jahren vorgeschlagen, eine zehnprozentige Steuer auf die Guthaben einzuführen. Linksparteien wälzen ähnliche Pläne.

Drohende Haircut-Welle

Ebenso spektakulär, aber keineswegs ausgeschlossen wären Schuldenschnitte von Staaten. Hier sind Länder wie der Libanon oder Argentinien schon Vorboten einer drohenden Haircut-Welle. Corona könnte durchaus als Beschleuniger fungieren: 2020 haben bereits sechs Entwicklungsländer ihren Schuldendienst ausgesetzt oder reduziert.

Anfällig für Rasuren sind zudem Schwellenländer, in die in den letzten Jahren wegen höherer Zinsen viel ausländisches Geld geflossen ist – vornehmlich Dollar. Ziehen Investoren ihr Kapital in schwierigen Zeiten ab, geraten die lokalen Währungen unter Druck, weshalb die Schulden in fremder Währung zunehmen. Wie fragil die Situation ist, haben die Erschütterungen an den Finanzmärkten im Frühjahr 2020 gezeigt. Brasilien, Russland, Südafrika oder die Türkei gerieten schnell in den beschriebenen Teufelskreis.

Springen Notenbanken ein?

Angesichts des gehörigen Drohpotenzials mehren sich die Stimmen, die für eine konzertierte Aktion zur Linderung der Schuldenlast sprechen. Daniel Stelter zählt zu jenen, die seit Jahren auf den Höhenflug der globalen Verbindlichkeiten hinweisen. In seinem Buch Coronomics schlägt der deutsche Ökonom vor, dass die Europäische Zentralbank Schulden der Euroländer übernimmt und diese langfristig abgestottert oder gar erlassen werden.

Um mehr als sechs Billionen Euro würden die öffentlichen Haushalte mit diesem Konzept entlastet. Die Regierungen hätten dann wieder Spielraum für Investitionen, insbesondere in Energiewende, Digitalisierung und Bildung, meint Stelter.

"Wirtschaftspolitisches Wunschdenken"

Derartige Pläne gibt es zuhauf, auch die Modern Monetary Theory (MMT) geht in eine ähnliche Richtung, bei der letztlich die Notenbanken für den globalen Geldregen sorgen. Während viele Ökonomen wie IHS-Chef Martin Kocher MMT als "wirtschaftspolitisches Wunschdenken" abtun, sehen andere darin den Schlüssel für Zukunftsinvestitionen.

Eines muss man den Vertretern der Theorie zugutehalten: Viele Billionen werden jetzt schon an Geldspritzen in die Märkte gepumpt, nur kommen die kaum in der Realwirtschaft und schon gar nicht in Form von Investitionen in Klimaschutz und Bildung an. Sondern vermehren Spekulation und Vermögen der Reichen.

Wenn es auf der Welt schon künstliches Geld regnet, dann sollten wenigstens die richtigen Pflänzchen damit bewässert werden. (Andreas Schnauder, Magazin "Portfolio", 9.1.2020)