Er hätte beinahe seinen Nobelpreis verschlafen – und freute sich zunächst nicht einmal wirklich darüber. Seine Forschung lässt komplizierte Märkte funktionieren, und sowohl Regierungen als auch Kleinhändler auf Ebay profitieren von seinen Auktionsmodellen. Im Gespräch mit dem STANDARD erzählt Paul Milgrom, wie er über die Verteilung von Impfungen, Trumps Versagen in der Krise und Auktionen auf Ebay denkt. Und warum er möglicherweise bald "berühmt genug für Youtube" sein könnte.

STANDARD: Gibt es einen besseren Weg, aufgeweckt zu werden, als mit den Worten: "Wach auf, du hast den Nobelpreis gewonnen"?

Paul Milgrom: Jein. Das waren natürlich tolle Nachrichten, aber Bob (Forschungspartner Robert Wilson, Anm.) ließ mich fünf Minuten zappeln, bis er mir verriet, dass wir gemeinsam gewonnen haben. Ich war nervös und fast ein bisschen enttäuscht, da ich diesen Erfolg immer mit ihm hätte teilen wollen. Meine erste Reaktion blieb deswegen eher verhalten. Nach der Unwissenheit im Halbschlaf fühlte es sich großartig an.

STANDARD: Das war nicht Ihre erste tolle Erfahrung mit Schweden und dem Nobelpreis. Wie lief das damals mit Ihrer Frau Eva ab?

Milgrom: 1996 erhielt William Vickrey den Wirtschaftsnobelpreis, er starb leider kurz nach der Bekanntgabe. Ich wurde eingeladen, um stellvertretend die Rede zu halten, also reiste ich nach Schweden. Bei der Preisverleihung teilt das Komitee die Sitzplätze zufällig ein, um den Austausch untereinander zu fördern. Neben mir saß eine Schwedin namens Eva. 24 Jahre später sind wir immer noch glücklich verheiratet.

Stanford

STANDARD: Die Versteigerung von 5G-Frequenzen in Österreich basierte auf Ihrer Forschung. Wie sieht der Unterschied zu kleinen Ebay-Auktionen aus, die jeder kennt?

Milgrom: Auf Ebay bietet man üblicherweise für einen Gegenstand. Ein Verkäufer, ein Abnehmer. Bei Funkfrequenzen stehen viele Dinge zum Verkauf, und es gibt mehrere Gewinner. Es geht um die Kombination, die man ersteht. Vielleicht braucht man für einen guten Businessplan nicht einen, sondern mehrere 20 Megahertz-Blöcke, obwohl die nicht geplant waren. Man setzt immer auf Kombinationen, das macht alles viel komplizierter.

STANDARD: Wie lange dauert es, große Auktionen zu designen?

Milgrom: Im Schnitt zwei bis drei Monate. Bei komplexen Auktionen der öffentlichen Hand kann es deutlich länger sein. Da lautet der Auftrag: "Erzielt so viel Geld wie möglich, es muss fair sein und den besten Nutzen für alle liefern."

STANDARD: Bewahrheitet sich das Sprichwort "Wissen ist Macht" auch bei Auktionen?

Milgrom: Sehr. Das äußert sich in Form des Fluchs des Gewinners. Haben nicht alle Bieter dieselben Informationen über den Wert des Objekts, muss der Gewinner fürchten, ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Ein Haus könnte verdeckte Mängel haben, von denen die anderen wissen, und deswegen über einen bestimmen Preis nicht hinausgehen. Es besteht also das Risiko, zu viel zu bezahlen, wenn man zu wenig weiß. Bieter mit niedrigen Informationsstand tendieren schneller zu einem Rückzug. Wer mehr weiß, hat bessere Chanchen, etwas zu einem passenden Preis zu ersteigern.

STANDARD: Kommt Ihre Forschung auch in Feldern zum Einsatz, wo Sie es nicht erwartet hätten?

Milgrom: Nicht wirklich. Wir designen Märkte und Auktionen für komplexe Felder. Das lässt sich nicht einfach so woanders drüberstülpen.

"Das Corona-Management von Donald Trump war katastrophal. Deswegen hat er die Wahl verloren."
Foto: AP / Tony Avelar

STANDARD: Die Verteilung von Beatmungsgeräten in der Corona-Krise führte in den USA zu Chaos. Sie designen neben Auktionen auch Märkte. Was braucht es in solchen Situationen?

Milgrom: Das Geheimnis beim Marktdesign ist, sich selbst in das Problem hineinzuversetzen. Du wirst ein Problem nicht lösen, das du nicht verstehst. Chaos trifft es bezüglich der Beatmungsgeräte ganz gut. An der Ostküste brach das Virus früher aus als an der Westküste. Zeitliche Entwicklungen spielten aber eine geringe Rolle, Geräte wurden in unterschiedliche Bundesstaaten geliefert und dort gelagert. Wozu? Beatmungsgeräte sind mobil und gehören dorthin, wo man sie gerade braucht. Das klingt zwar logisch, ist es aber anscheinend nicht.

STANDARD: Wie würden Sie eine Impfung verteilen?

Milgrom: Wir brauchen die Impfungen auf der ganzen Welt, aber die Impfungen sind unterschiedlich. Manche Impfstoffe sollen bei extrem niedrigen Temperaturen gelagert werden, das wird in unterentwickelten tropischen Ländern nicht gehen. Die Verteilung solcher Güter ist sehr sensibel, wir müssen das genau durchplanen.

STANDARD: Was heißt das?

Milgrom: Momentan sorgen sich viele Menschen, dass nur die Reichen diese Impfung bekommen, wenn sie einmal da ist. Ein Markt lässt sich aber so konstruieren, dass Prioritäten angemessen gesetzt werden. Dann ließe sich der Impfstoff effizient verteilen. Muss er wirklich sehr kalt gelagert werden, dann werden ihn Regionen mit der passenden Infrastruktur verständlicherweise zuerst bekommen. In den Verteilungsschlüssel müssen außerdem ethische Ziele einfließen. Wir dürfen den Impfstoff nicht wahllos herumschicken, und wir dürfen nicht nur die Reichen impfen. Alle brauchen das.

Paul Milgrom zufolge wurden bei der Verteilung von Beatmungsgeräten in den USA Fehler gemacht, die durch logisches Denken hätten vermieden werden können.
Foto: EPA/ELENA ZHUKOVA

STANDARD: Wann könnte es so weit sein, bis ein derartiger Markt designt ist?

Milgrom: Meine Kollegen und ich arbeiten schon daran, und es gibt bereits erste konkrete Vorschläge. Das Modell soll dafür sorgen, dass die Impfung dorthin geht, wo sie gerade am dringendsten gebraucht wird. Ein Fiasko wie mit den Beatmungsgeräten soll sich nicht wiederholen.

STANDARD: Was denken Sie, wie lange es dauert, bis sich die Welt von der Krise erholt hat?

Milgrom: Das ist eine sehr große Frage, ich wünschte, ich wäre klug genug, um Antworten zu haben. Wir können alle nur Vermutungen anstellen. Die Auswirkungen bisher waren nicht einheitlich, die Tourismus- und Unterhaltungsbranche liegt am Boden, viele andere Branchen laufen normal oder profitieren sogar. Das Reiseverhalten wird wohl für längere Zeit abnehmen, und große Meetings dürfte es auch so schnell nicht geben. Das trifft mich hart, weil ich beides gerne mag. Ich denke dennoch, die Wirtschaft wird sich relativ schnell wieder erholen, das setzt allerdings voraus, dass wir die Viruszahlen halbwegs unter Kontrolle halten.

STANDARD: Wie es wirtschaftlich weitergeht, hängt künftig viel von Joe Biden ab. Wie blicken Sie auf die Ära Donald Trump zurück?

Milgrom: Trump hat die Präsidentenwahl wegen seines katastrophalen Corona-Managements verloren. Ich hatte schwere Zweifel an ihm als Präsident, beginnend mit dem Tag, als er das Amt übernahm. Davor an ihm als Person. Wenn Wissenschafter in staatsnahen, aber an sich neutralen Positionen Dinge sagten, die Trump nicht hören wollte, tauschte er sie aus. Sei es beim Thema Klimawandel oder auch beim Coronavirus. All die Lügen und das Leugnen wissenschaftlicher Tatsachen – das geht so nicht, so darfst du dich nicht verhalten.

STANDARD: Was bleibt den Vereinigten Staaten von Trumps Präsidentschaft?

Milgrom: Die USA haben einen deutlichen Schritt nach rechts gemacht, das wird sich so schnell nicht ändern. Die Steuern, die Gesetzesänderungen und die Richter, die von Trump kommen, werden sich lange auf das ohnehin so gespaltene Land auswirken.

STANDARD: Angenommen, Sie hätten einen Wunsch an den kommenden Präsident Joe Biden. Was wäre das?

Milgrom: Ich möchte wieder Politik sehen, die auf wissenschaftlichen Fakten basiert und nicht auf Ideologie und Vorurteilen. Vor allem in Sachen Klimawandel erwarte ich mir eine sensiblere Position der USA. Außerdem hoffe ich, dass das Land wieder zusammenrückt. Wie sollen wir künftig Probleme lösen, wenn wir im Land selbst so zerrüttet sind?

Das Gewinnerduo Robert Wilson (li.) und Paul Milgrom: Die Zusammenarbeit der beiden funktioniert offenbar deshalb so gut, weil sie beide "gewisse Nerds" sind.
Foto: AP/Andrew Brodhead/Stanford

STANDARD: Themenwechsel. Hatten Sie ein Idol, das Ihren Werdegang beeinflusst hat?

Milgrom: Kenneth Arrow hat mich immer am meisten beeindruckt, er war einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts. Er wusste so ziemlich alles und hat für mich ökonomische Standards gesetzt, denen ich nahekommen wollte.

STANDARD: Und Robert Wilson?

Milgrom: Der natürlich auch. Immerhin habe ich die Auktionstheorie als Forschungsgebiet gewählt, um ihn als PhD-Betreuer zu kriegen. Die Zusammenarbeit funktioniert so gut, weil wir beide gewisse Nerds sind. Wir wurden gute Freunde und wohnen praktisch nebeneinander.

STANDARD: Robert Wilson nimmt bis auf eine Ausnahme für Skischuhe auf Ebay nicht an Auktionen teil. Machen Sie es? Immerhin weiß vermutlich kaum jemand mehr darüber als Sie.

Milgrom: Dieses Feld ist nicht statisch, alles entwickelt sich weiter. Auf einige Dinge bin ich als Erster gekommen, aber mittlerweile gibt es viele andere kluge Köpfe mit tollen Ansätzen, die mir neu sind. Ab und zu steigere ich im Internet für Kunstwerke mit, die mir gefallen. Oder ich berate andere Bieter, da ist dann von zweistelligen Beträgen bis zu millionenschweren Auktionen alles dabei.

STANDARD: Bleibt neben der Wissenschaft noch Zeit für Hobbys?

Milgrom: Ich gehe sehr gerne wandern und schaue mir auch regelmäßig Football-Matches an. Viel Freude bereitet mir die Zeit mit meinem Enkel. Er ist neun Jahre alt, und die Welt durch seine kindlichen Augen zu betrachten, finde ich extrem spannend. Nachdem ich den Nobelpreis gewonnen habe, meinte er, ich wäre jetzt bald sogar berühmt genug für Youtube. (Andreas Danzer, Magazin "Portfolio", 5.1.2021)