In Deutschland liegen die Nerven blank. Trotz des Teillockdowns seit Anfang November sinkt die Zahl der Neuinfizierten nicht wie erhofft. Allenfalls verhält sich das Virus wie der Dax an wenig spektakulären Handelstagen. Es tendiert seitwärts, weshalb Kanzlerin Angela Merkel erneut um eine gemeinsame Kraftanstrengung bittet.

Andere greifen zu viel drastischeren Worten, um den Ernst der Lage klarzumachen. So sagt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), die Todeszahlen seien so hoch, "als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen". Es gehe "um Leben und Tod", mahnt der sonst so besonnene Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Jeder will, dass wir gut durch den Winter kommen.
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Nervös macht deutsche Politiker, dass sie nicht wissen, ob sie den Wettlauf gewinnen. Als im Herbst überall die Zahlen wieder hochgingen, da entschied sich Österreich, wo in Relation deutlich mehr Neuinfizierte zu verzeichnen waren, für den totalen Lockdown.

Deutschland zog die Zügel nicht ganz so straff an. Schulen blieben geöffnet, man darf auch nicht bloß Lebensmittel einkaufen, sondern auch Handys, Taucherausrüstungen und kitschige Weihnachtsdeko. Eine nächtliche Ausgangssperre blieb den Deutschen erspart.

Die Maßnahmen erfolgten unter dem Motto: Wir können uns eine vergleichsweise Lockerheit erlauben, weil unsere Zahlen nicht so hoch sind.

Verantwortungsvolles Wedeln

Doch nun, während Österreich wieder ans Lockern denkt, müssen die Deutschen verlängern und verschärfen, eben, weil die Kurve nicht nach unten geht.

Noch trägt die große Mehrheit der Deutschen die Corona-Politik mit, aber es ist eben nicht klar, wer im Wettlauf Sieger sein wird: Langmut und Geduld, oder doch das Genervtsein von immer neuen Maßnahmen, die die nur im Schneckentempo greifen.

Da erscheint nun Söder und Merkel, die beide zur Fraktion der Gestrengen zählen, der Wunsch Österreichs nach Skiurlaub absurd und gefährlich. Man kann es verstehen – einerseits. Der Ischgl-Reflex ist in Deutschland fest verankert. Viele Deutsche haben das Virus vom unbeschwerten Tirol-Urlaub Anfang März nach Hause gebracht.

Ischgl steht für Versagen, für die besoffene Hütt’ngaudi ohne Gedanken an morgen. Keine Frage: Derlei darf sich nicht wiederholen. Andererseits: Es gibt durchaus und nicht nur ökonomische Argumente für verantwortungsvolles Wedeln mit Hygienebestimmungen.

Wenn sich die Deutschen nun in Brüssel für eine europaweite Schließung der Skigebiete starkmachen wollen, dann kommt ein wenig das Gefühl auf, da möchte jemand von den eigenen Problemen ablenken. Die Deutschen, nicht mal die Bayern, würde es längst nicht so hart treffen, wenn die Skier im Keller bleiben müssten.

Und würde sich – umgekehrt – Berlin gerne Vorgaben von Wien machen lassen, wie es während der Pandemie vorzugehen habe? Vermutlich nicht. Reden wäre also ganz hilfreich, nicht übereinander in Brüssel, sondern miteinander.

Schon nach der ersten Corona-Welle entbrannte ein absurder Wettstreit um die Sommertouristen. Angeblich haben ja alle so viel gelernt in den vergangenen Corona-Monaten. Es bedarf also keiner Wiederholung.

Jede Seite hat beim Skifahren ihre Argumente, es sollte sich eine für alle passende Lösung finden. Denn eines will ja jeder: dass wir gut durch den Winter kommen. (Birgit Baumann, 26.11.2020)